Vor knapp einer Stunde stand André Benedetto noch auf der Bühne, jetzt sitzt er an dem lang gestreckten Tisch im Empfangsraum des Théâtre des Carmes. Im angrenzenden Theatersaal läuft
die nächste Vorstellung, wir sind die einzigen Menschen im Foyer. Gekleidet ist der Präsident des Vereins Avignon Festival & Cies (AFC), der seit 2006 das Off versucht zu organisieren, in
einen dunkelblauen Arbeiteranzug. Ohne viel über seinen Gesprächspartner wissen zu wollen, erzählt der in Marseille geborene Benedetto gerne und viel über Avignon, Theater und das Off. Nur sein
Alter will er nicht verraten.
Herr Benedetto, als Sie 1966 das Off gegründet haben…
André Benedetto: Hören Sie, ich habe
damals kein Festival gegründet. Alles, was ich gemacht habe, war, das erste Mal in einem der ganz normalen Theater von Avignon, das das ganze Jahr über funktioniert, während des Festivals ein
Stück zu spielen. Das war eine bis dahin unerhörte Sache. Damit wollten ich und meine damaligen Mitstreiter ein Zeichen setzen, dass die lokale Theaterwelt nicht einfach in Regungslosigkeit
erstarren muss, nur weil die großen Theater aus Paris im Sommer mal hier in den Süden kommen. Richtig ist allerdings, dass ich damit ein Tabu gebrochen habe, und sich daraus dann in den folgenden
Jahren das Off entwickelt hat.
Dann habe Sie nicht an eine solche Veranstaltung wie das Off gedacht?
Benedetto: Absolut nicht. Keiner hat
das damals vorhergesehen. Ein guter Beweis dafür sind die Pressestimmen zu meinem damaligen Stück. Es sind ganz normale Theaterkritiken. Kein einziger Text erwähnt, dass ich während des Festivals
gespielt habe.
Warum lassen Sie das Stück von damals, die „Statues 66“, gerade in diesem Jahr wieder in Ihrem Theater
spielen?
Benedetto: Das weiß ich selbst nicht.
Das schien mir… Es ist nie mehr aufgeführt worden. Nur 1967 einmal in Nizza. Dieses Jahr habe ich das Stück noch mal gelesen und mir gesagt: Das können wir noch mal spielen. Als ob es dieses Jahr
das Jahr der Wiedergeburt des Off sei. Aber ich weiß es nicht. Solche Dinge sind schwierig zu erklären. Es schien mir interessant, das zu machen.
Eine Wiedergeburt des Off?
Benedetto: Seit 2003, wo das Off
aufgrund des Streiks der im Theater beschäftigten Berufsgruppen nicht stattgefunden hat, gab es eine große Krise. Verschiedene Vereine haben sich um das Festival gekümmert, es gab mal zwei
Kataloge, Paris hat einen Leiter eingesetzt, wir vom AFC haben uns gegründet – zum Glück. Denn die anderen Projekte sind alle den Bach runtergegangen. Als emblematische Figur für das Off hat man
mich beim AFC gebeten, den Präsidentenposten einzunehmen. Und seitdem bemühen wir uns, das Festival vor allem zu einer transparenten Veranstaltung zu machen.
1966 waren Sie schon aktiv, jetzt sind Sie es immer noch: Wie alt sind Sie mittlerweile?
Benedetto: Viel älter als
damals.
Das heißt?
Benedetto: …
Hm… Okay: Was ist für Sie gutes Theater?
Benedetto: Eine Leidenschaft auf der
Bühne mit Schauspielern. Ich bin ein Anhänger des Minimal-Theaters, also gegen aufwendige Bühnenbilder, Kostüme und ähnliches. Es hat zwar seine Zeit gedauert, aber ich habe verstanden, dass die
nackte Mauer meines Theaters alles darstellen kann, was Sie möchten. Einige wenig Objekte reichen aus. Das ist zwar erstaunlich, aber es funktioniert.
Hat das Off 2008 gutes Theater geboten?
Benedetto: Auf jeden Fall. Aber es
gibt Tendenzen im Off, die mich beunruhigen. Die Zunahme der Händler des Lachens, wie ich sie nenne, die um jeden Preis ihre Stücke verkaufen wollen. Die mit seichten Komödien den schnellen und
einfachen Erfolg suchen. Auch die Tendenz, immer mehr, ja, nicht unbedingt pornographische, aber glitschige Stücke anzubieten. Und die Tendenz von einigen Produzenten, nach Avignon zu kommen,
weil hier alles zehnmal preiswerter ist als in Paris. Sie produzieren ein Stück mit einem Star, profitieren davon, dass sowieso alle Journalisten, alle Medien, alle Programmdirektoren hier
sind.
Sie wollen diese Sachen nicht?
Benedetto: Gerade das letztgenannte
Phänomen bereitet Probleme. Viele Leute kommen hierhin, um die Stars aus dem Fernsehen einmal live auf der Bühne zu sehen. Das ist natürlich irgendwo menschlich. Aber letztlich zerstört es den
ganzen Rest.
Werden Sie dagegen etwas unternehmen?
Benedetto: Wir können keine Regeln für
das Off festlegen. Das würde gegen den Charakter des Festivals verstoßen. Keiner kann hier jemandem vorschreiben, was er tun darf und was nicht. Das einzige, was wir als ein Verein, der das
Festival begleitet, machen können, ist, das ganze Festival so transparent wie möglich zu gestalten. Daran arbeiten wir.
Bei den Festival-Terminen hat AFC jedoch schon ein gewichtiges Wort gesprochen, dem die meisten
Kompanien gefolgt sind.
Benedetto: Aber eben auch nicht alle.
Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Die Tatsache, dass das In dieses Jahr eine Woche vor dem Off angefangen und aufgehört hat. Aber das war nicht unsere Entscheidung. Wir hatten uns schon im
September vergangenen Jahres auf die Termine 10. Juli und 2. August festgelegt. Warum? Weil der 4. Juli, den das In im Januar als seinen Anfangstermin gewählt hat, für uns ein Problem dargestellt
hat. Rund 150 Kompanien des Off spielen in Schulgebäuden. Aber bis einschließlich 4. Juli war noch Schule. Wir wollten, dass das Off für alle zur gleichen Zeit anfängt. Deshalb haben wir den
Anfangstermin auf eine Woche später verschoben.
Das In spielt auch in Schulen, und dennoch hat das Festival am 4. Juli begonnen.
Benedetto: Aber erstens müssen die
nicht so viele Gruppen in so vielen Schulsälen unterbringen, wie wir. Und zweitens habe ich gehört, dass sie die städtischen Mitarbeiter eine ganze Nacht lang beschäftigt haben, um die Schulen
Festival tauglich herzurichten.
Wissen Sie, warum das In andere Termine gewählt hat?
Benedetto: Genau weiß ich das nicht.
Man sagt, dass die Verantwortlichen des In ihr Festival dadurch bewusst vom Off trennen wollten. Um zu zeigen, dass es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Aber ob das stimmt, kann ich
nicht sagen.
Wird es nächstes Jahr wieder einheitliche Termine geben?
Benedetto: Das wäre für alle
Beteiligten wünschenswert. Ich habe auch schon mal mit einigen Leuten vom In gesprochen, und wahrscheinlich wird es auf einen Beginn zwischen dem 6. und 8. Juli hinauslaufen. Vielleicht mit einem
Tag Unterschied.
Wie stehen Sie allgemein zum In?
Benedetto: Wir kennen uns natürlich,
stehen im Kontakt zueinander. Aber die Strukturen sind grundsätzlich komplett unterschiedlich. Viele Berührungspunkte gibt es im Grunde nicht.
Wo liegen die Unterschiede?
Benedetto: Auf der einen Seite ist da eine
Struktur, die sehr groß ist, die eine Leitung hat, die sich auf eine Stadt stützt, die an historischen Orten spielt, die von den städtischen Kultureinrichtungen und Mitarbeitern unterstützt wird,
die von internationaler Werbung profitiert, die hohe Subventionen einfährt: Das ist das In. Das Off dagegen sind 800 Kompanien, die in
mehr als 100 Räumen spielen, die manchmal Theatersäle, manchmal eigens für das Festival hergerichtet sind. Oder Bars oder alle möglichen anderen Orte. Wo die Kompanien nur über die Eintritte Geld
machen, kein Stück gekauft ist. Die von einer Werbung profitieren, die bislang nur, sagen wir mal, regional war.
Es gibt Leute, die sagen, dass das Off zu groß geworden ist. Wird der Wachstum weitergehen?
Benedetto: Wir können das nicht
stoppen. Wer soll das bestimmen?
Nun, Sie sind Präsident des AFC…
Benedetto: Aber wir haben keine Macht
über das Festival. Keiner kann entscheiden, wie viele Truppen kommen dürfen. Wohin das ganze mit dem Off führen wird, kann ich nicht sagen. Die Menschheit hat letztlich immer die Probleme gelöst,
die sie sich selbst gestellt hat. Auf die ein oder andere Weise.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das Off für deutsche Truppen anscheinend uninteressant
ist?
Benedetto: Nein, das kann ich nicht
sagen. Korea ist hier vertreten, Taiwan, zahlreiche Belgier, die USA mit zwei, drei Kompanien… Ob es an der Sprache liegt? Ob die Deutschen das als Hindernis empfinden? Ich weiß es nicht.
Was hat dieses Jahr beim Off Ihrer Meinung nach besonders gut funktioniert?
Benedetto: Die öffentlichen
Diskussionsrunden mit Themen rund um das Theater mit Beteiligten des Festivals und Theaterkritikern. Diese Veranstaltungen sind als Neuerung gut angenommen worden. Gleiches gilt für die
Gelegenheit für die Kompanien, ihre geplanten oder in Arbeit befindlichen Projekte vor Produzenten vorzustellen, die Diskussionen um die Off-Charta. Das sind Debatten, die die Zukunft
vorbereiten. Wege aufzeigen, die wir eventuell betreten werden.
Was hat nicht nach Ihren Vorstellungen geklappt?
Benedetto: Die Off-Bar, die wir auf
dem Festival-Markt zwischen Stadtmauern und Rhône eingerichtet haben. Es scheint schwierig, die Festival-Besucher aus den Stadtmauern herauslocken. Ich weiß zwar nicht warum, aber so ist das
wohl.
Wollen Sie mir jetzt verraten, wie alt Sie sind?
Benedetto (lacht): Wie ich schon
sagte: Um einiges älter, als ich damals war, als wir das erste Mal Statues 1966 gespielt haben.