Monday, 4. august 2008 1 04 /08 /Aug. /2008 10:13

Überall Aufbruchsstimmung. Vor dem Theater Le Petit Chien stehen zwei Lastwagen, wird Material aus dem Gebäude auf die Straße, in die Laderäume geschleppt. Stühle sind es, die beim Fondue-Restaurant, wo eine ganze Reihe schweizer Truppen gespielt hat, auf die Straße gereiht werden. Vor dem angrenzenden Pittchoun Théâtre sind die Stellwände mit Werbung für die gebotenen Stücke verschwunden. Ein großer, breiter Lastwage blockiert den ganzen oberen Teil der Rue des Teinturiers – aber an diesem Sonntagmorgen stört das kaum jemanden. Am Théâtre des Halles sind bereits alle Festivalspuren verschwunden.

 

Der Blick auf die Titelseite der lokalen Tageszeitungen lässt nicht vermuten, dass bis vor wenige Stunden die Stadt für Tage im Rhythmus eines riesigen Kulturfestivals gelebt hat. Ich verzichte darauf, mir eins dieser Blätter zu kaufen. Ein letzter Kaffee auf der menschenleeren Terrasse von Ginette & Marcel, wo mir die Bedienung noch einmal ohne Aufforderung einen Espresso bringt – „Ist doch richtig, oder?“. Dann Sachen packen in der Gerberstraße. Meine Gastgeberin Océane hat spontan Besuch von einer Freundin bekommen, zusammen essen wir zu Mittag.

 

Eine kurze Siesta, danach geht es auf zu den Stadtmauern, vor denen mein Auto die mehr als drei Festivalwochen ohne Schaden überstanden hat. Gut zwölf Stunden Fahrt liegen vor mir, erwartete Ankunft in Brüssel gegen vier, fünf Uhr am Morgen. Von den zahlreichen Werbeplakaten für die Off-Stücke sind viele schon verschwunden. Andere liegen halb zerfleddert auf der Straße. Eine Frau läuft mir entgegen, trägt drei gut erhaltene Exemplare unterm Arm. Erinnerungen an das Off 2008.

 

Ich starte den Motor und verlasse Avignon Richtung Norden.


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Sunday, 3. august 2008 7 03 /08 /Aug. /2008 10:30

„Entgegen all den Gerüchten, die im Umlauf sind, kann man sagen, dass das Off 2008 ein großer Erfolg ist.“ Lautes Lachen, einige Buhrufe – die Bilanz-Pressekonferenz des Off-Veranstalters Avignon Festival & Compagnies hat begonnen. Viele der Anwesenden in dem überfüllten Innenhof des Hôtel de la Monnaie sind absolut nicht einverstanden mit den Eingangsworten von AFC-Präsident André Benedetto. Zwei Stunden lang wird heftig, manchmal giftig diskutiert. Schädlich sei die zeitliche Verschiebung zum In gewesen, der finanzielle Verlust sei für viele Truppen ganz schwer zu verkraften, AFC solle zu seinen Fehlern stehen. Die auf dem Podium platzierte Vereinsspitze erklärt, weist zurück, rechtfertigt sich.

 

Am Ende beschließt Benedetto die Veranstaltung mit einem Paukenschlag: Er werde als Präsident der Vereinigung der Theater von Avignon zurücktreten. Zu unpassend fand er wohl die Angriffe des Direktors des Theaters Chêne Noir, Gérard Gélas, auf den AFC – von dem Gélas übrigens selbst Mitglied ist. Präsident des AFC will Benedetto dagegen bleiben.

 

Außer dem Streit werden auch Zahlen geliefert, und zumindest diese geben Benedetto Recht, wenn man den Erfolg eines Festivals an seinem Wachstum ablesen möchte: 957 Stücke gegenüber 756 im Vorjahr, 818 Kompanien (2007: 756). 28802 Festival-Pässe, die einen reduzierten Eintrittspreis ermöglichen, wurden bis zum 31. Juli verkauft (2007: 27484). Wie viele Zuschauer die Aufführungen sahen, kann noch nicht gesagt werden. Hierfür müssen die Einzelbilanzen der einzelnen Theater abgewartet werden. Als Gerücht läuft in Off-Kreisen die Einschätzung, dass hier Einbußen verkraftet werden müssen.

 

„Ein letztes Mal!“ Zufällig laufe ich Mathieu und seinen Mitstreitern der Truppe L’art dans tous ses états über den Weg. Sie stehen vor dem Pittchoun Theater, es ist kurz nach 11 Uhr. Yoan hat seine Gitarre umhängen, Marie ihre gute Laune wieder dabei, Cédric sitzt noch ein wenig mutlos auf ein paar Stufen, Mathieu selbst trägt weiter tapfer das Werbeplakat für sein Stück „Amers“ hoch. „Viele Truppen sind schon abgereist und haben einfach die Zelte nach den ersten schlechten Tagen der letzten Woche abgebrochen“, sagt der Jungschauspieler. Den großen Durchbruch kann er mir immer noch nicht vermelden. Kontakte zu Programmdirektoren ja, aber nichts Konkretes. Die Lokalpresse, sie ist nie gekommen.

 

„Jetzt müssen wir uns im September an die Telefone hängen, nachhaken bei den Leuten, die sich für uns interessiert haben“, sagt Mathieu mit seinem anscheinend nie versiegenden Lächeln auf dem Gesicht. Gestern hätten sie Kumpels und Festival-Freunde zu ihrer Aufführung eingeladen, das Theater sei voll gewesen. Und heute? Achselzucken. Und dann geht es ein letztes Mal los durch die Straßen, ein kleiner Werbe-Umzug mit ihrem Lied, Vorstellung um fünf nach zwölf, und eine Stunde später: Schluss. Sachen packen, zurück nach Paris. Hoffen, nachhaken, und weiterarbeiten an anderen Projekten. Die Theaterleidenschaft als Antriebskraft für eine unbekannte Zukunft. „Je prends le large, large, large / Et puis je rame, rame rame / …“ (Ich fahre raus, raus, raus / Und ruder, ruder, ruder). Der Refrain tönt ein letztes Mal an meine Ohren.

 

Als Abschlussstücke meines persönlichen Off habe ich mir die beiden Taiwanesen aufgehoben, die ich an meinem Taiwan-Tag aufgrund der Parallel-Vorführungen nicht habe sehen können. Die Flyer-Verteiler auf dem Weg zum Théâtre Le Funambule sind deutlich weniger geworden – klar: Jetzt Werbung zu machen lohnt sich nur noch für Stücke am Nachmittag und Abend.

 

L’adieu de l’ombre (Der Abschied des Schattens), von Chiao Chung, Assignement Theatre, Taipeh.

 

Irgendwie passt die Beschreibung im Off-Katalog lediglich in Bruchteilen zu dem, was ich auf der Bühne sehe. Ob die Vorführung nur die auf 75 Minuten, für Avignon reduzierte Fassung eines längeren Stücks ist? Zwei Musiker sitzen am Bühnenrand, eine alte, gebückte Frau (sehr glaubhaft gespielt von einer jungen Schauspielerin), tappelt langsam und zitternd in den Saal, schaut einzelne Zuschauer in der ersten, zweiten Reihe an, reicht ihnen langsam die Hand, schaut ihnen eindringlich, flehend in die Augen. Verzweiflung pur in Gestik gepackt. Ein starker Auftakt zu einer Vorführung, in dem sich solche intimen, ergreifenden Momente mit dynamischem Tanz zu mitreißender Musik abwechseln. Bewegungstheater mit Sprechpassagen, Lieder mit Stille. Ein heterogener Mix in traditionellen Gewändern.

 

Erzählt wird die Geschichte der irrenden Seele von Liu Chin. In einem Erdbeben 2008 soll sie ihr Leben verloren haben. Ihre Seele trifft auf Schamanen, die sie mit Ausschnitten aus ihrem Leben konfrontieren. Bis zu ihrer Geburt im Jahr 1950 führt diese Reise. Liu Chin hat die Möglichkeit, Etappen ihres Lebens zu verstehen, ihren Frieden zu machen mit dem Tod ihrer Mutter, dem politischen Schicksal ihres Vaters, der sie zur Waisen werden ließ. Versöhnt mit der Vergangenheit kann ihre Seele zur Ruhe gelangen.

 

Emotional packendes Theater aus Fernost zeigen die fünf Schauspieler auf der Bühne. Zwischendurch entstehen ganz großartige, zauberhafte Momente. In der Szene, wo die Zuschauer Blumen auf die Bühne stellen sollen, die ihnen beim Kauf der Karte ausgehändigt wurden, wird es jedoch unnötiger Weise kitschig. Die Motivation zu dieser Teilnahme ist aus der Luft gegriffen, wird nicht vorbereitet, bleibt eine einzelne Handlung. Auch ohne diese Geste versteht man, dass die Aussage des Stücks uns alle betrifft.

 

Rührende Szenen dann am Ende, als die Vorführung, als Avignon 2008 für die Truppe zu Ende ist. Langer, ganz lang anhaltender Applaus von den vielleicht 40 Zuschauern, vor allem gestützt von dem guten Dutzend Taiwanesen, die im oberen Teil der Zuschauerränge mit Bravo-Rufen noch eins draufsetzen. Einer der Schauspieler macht die zwei, drei Schritte auf die ersten Zuschauer zu, reicht ihnen die Hand, strahlt über das ganze Gesicht. „Merci! Merci!“ Als der Beifall endlich verstummt, fallen sich die Schauspieler selbst in die Arme. Lachende Gesichter, von Anspannung befreite Körper.

 

Ein letzter Nachmittagsspaziergang durch die Festivalstraßen. Gewöhnliche Samstagsbummler und Sommerurlauber mischen sich unter die Festivalbesucher. Das langsam auslaufende Festival lässt Melancholie aufkommen.

 

Um kurz nach 18 Uhr sehe ich mir im Programm-Kino Utopia den Film „Le bruit des gens autour“ (Der Lärm der anderen Leute) an. Er spielt während des Festivals von Avignon, wurde im vergangenen September hier gedreht. Für einen Drehabend konnte ich eine Statistenrolle erwerben – und tatsächlich entdecke ich mich tanzend auf der Leinwand. Ansonsten enttäuscht der Film eher. Auch bei den Bewohnern von Avignon, die doch immerhin ihre Stadt und ihre Festival im Kino gezeigt bekommen, scheint der Streifen kein Renner geworden zu sein. Der Zuschauerzuspruch gleicht dem eines schlecht laufenden Off-Stücks.

 

Und dann noch einmal in die kleine Gasse zu den Taiwanesen. Die Dame an der Kasse erkennt mich wieder, freut sich, bietet meiner Gastgeberin Océane, die ich zu dieser Vorstellung einlade, von sich aus einen Künstlertarif an.

 

Riz Flambé (Flambierter Reis), von Craig Quintero, Riverbed Theatre, Taipeh.

 

Es ist das Stück mit dem schönen Plakat, und in eine schöne, zauberhafte Welt entführen die fünf Schauspielerinnen tatsächlich den Besucher. Aber eine zauberhafte Welt, die verschlüsselt bleibt. Unverständlich. Surrealistisch, wie es der kurze Pressetext nennt. Nur in Zeitlupentempo bewegen sich die Frauen auf der Bühne. Die ganze Vorführung basiert auf dieser Langsamkeit der Gesten. Die Bewegungen und Szenen werden dadurch bedeutungsschwanger, ohne dass sie sich eindeutig entschlüsseln ließen.

 

Eine Frau in einem gelben Kleid betritt die Bühne, geht auf die als Tisch dienende Holzkiste zu, setzt sich auf den halb zerfallenen Holzstuhl. Aus der Papiertüte zieht sie einzelne Blätter, auf deren Rückseite, für den Zuschauer gut lesbar, steht: „Erinnerst du dich an alles?“ Dann stülpt sich die Frau die Tüte über den Kopf, eine andere Frau betritt die Bühne, stellt sich hinter die sitzende Frau, pult ihren Finger von oben in die Tüte, in die Fontanelle der Sitzenden, und zieht die Finger wieder hinaus. Sie sind jetzt mit blauer Farbe beschmiert.

 

Und so rätselhaft geht es weiter. Eine zusammenhängende Geschichte ist höchstens zu erahnen. Ein großer Vogel erscheint ebenso auf der Bühne wie ein Chor singender Frauen, das große Mond- oder Sonnengesicht, das auf dem Plakat zu sehen ist. Frauen holen Vögel aus ihren Mündern, verschlucken sie wieder. Am Ende sind Stuhl und Holzkiste verschwunden, es bleibt eine bemalte Holzplatte auf dem Boden zurück, die den blauen Himmel mit weißen Wolken zeigt. Eine stille, sonderbare, durch die häufig eingespielte langsame Klaviermusik ein wenig melancholisch schwere Stimmung liegt über dem Stück, die auch beim Applaus nicht den Freudentänzen wie am Nachmittag Platz macht. Ernst und sichtlich noch in ihren Rollen befangen, verbeugen sich die Darstellerinnen.

 

Auf dem Weg nach Hause bin ich fast dabei, Océane eine Wette vorzuschlagen: Wenn wir jetzt noch einen Flyer-Verteiler treffen… Ich mache es nicht, denke, dass um 23 Uhr wohl keiner mehr für sein Stück werben wird. Und irre mich. Kurz vor dem Eingangstor zu Océanes Wohnung wollen uns doch tatsächlich noch zwei Unbeugsame für ihre Vorstellung um 23.30 Uhr als Gäste gewinnen. „Freier Eintritt“, versuchen sie es als letztes Mittel. Wir lehnen dankend ab.


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Saturday, 2. august 2008 6 02 /08 /Aug. /2008 09:00

Vor knapp einer Stunde stand André Benedetto noch auf der Bühne, jetzt sitzt er an dem lang gestreckten Tisch im Empfangsraum des Théâtre des Carmes. Im angrenzenden Theatersaal läuft die nächste Vorstellung, wir sind die einzigen Menschen im Foyer. Gekleidet ist der Präsident des Vereins Avignon Festival & Cies (AFC), der seit 2006 das Off versucht zu organisieren, in einen dunkelblauen Arbeiteranzug. Ohne viel über seinen Gesprächspartner wissen zu wollen, erzählt der in Marseille geborene Benedetto gerne und viel über Avignon, Theater und das Off. Nur sein Alter will er nicht verraten.

 

Herr Benedetto, als Sie 1966 das Off gegründet haben…

 

André Benedetto: Hören Sie, ich habe damals kein Festival gegründet. Alles, was ich gemacht habe, war, das erste Mal in einem der ganz normalen Theater von Avignon, das das ganze Jahr über funktioniert, während des Festivals ein Stück zu spielen. Das war eine bis dahin unerhörte Sache. Damit wollten ich und meine damaligen Mitstreiter ein Zeichen setzen, dass die lokale Theaterwelt nicht einfach in Regungslosigkeit erstarren muss, nur weil die großen Theater aus Paris im Sommer mal hier in den Süden kommen. Richtig ist allerdings, dass ich damit ein Tabu gebrochen habe, und sich daraus dann in den folgenden Jahren das Off entwickelt hat.

 

Dann habe Sie nicht an eine solche Veranstaltung wie das Off gedacht?

 

Benedetto: Absolut nicht. Keiner hat das damals vorhergesehen. Ein guter Beweis dafür sind die Pressestimmen zu meinem damaligen Stück. Es sind ganz normale Theaterkritiken. Kein einziger Text erwähnt, dass ich während des Festivals gespielt habe.

 

Warum lassen Sie das Stück von damals, die „Statues 66“, gerade in diesem Jahr wieder in Ihrem Theater spielen?

 

Benedetto: Das weiß ich selbst nicht. Das schien mir… Es ist nie mehr aufgeführt worden. Nur 1967 einmal in Nizza. Dieses Jahr habe ich das Stück noch mal gelesen und mir gesagt: Das können wir noch mal spielen. Als ob es dieses Jahr das Jahr der Wiedergeburt des Off sei. Aber ich weiß es nicht. Solche Dinge sind schwierig zu erklären. Es schien mir interessant, das zu machen.

 

Eine Wiedergeburt des Off?

 

Benedetto: Seit 2003, wo das Off aufgrund des Streiks der im Theater beschäftigten Berufsgruppen nicht stattgefunden hat, gab es eine große Krise. Verschiedene Vereine haben sich um das Festival gekümmert, es gab mal zwei Kataloge, Paris hat einen Leiter eingesetzt, wir vom AFC haben uns gegründet – zum Glück. Denn die anderen Projekte sind alle den Bach runtergegangen. Als emblematische Figur für das Off hat man mich beim AFC gebeten, den Präsidentenposten einzunehmen. Und seitdem bemühen wir uns, das Festival vor allem zu einer transparenten Veranstaltung zu machen.

 

1966 waren Sie schon aktiv, jetzt sind Sie es immer noch: Wie alt sind Sie mittlerweile?

 

Benedetto: Viel älter als damals.

 

Das heißt?

 

Benedetto:

 

Hm… Okay: Was ist für Sie gutes Theater?

 

Benedetto: Eine Leidenschaft auf der Bühne mit Schauspielern. Ich bin ein Anhänger des Minimal-Theaters, also gegen aufwendige Bühnenbilder, Kostüme und ähnliches. Es hat zwar seine Zeit gedauert, aber ich habe verstanden, dass die nackte Mauer meines Theaters alles darstellen kann, was Sie möchten. Einige wenig Objekte reichen aus. Das ist zwar erstaunlich, aber es funktioniert.

 

Hat das Off 2008 gutes Theater geboten?

 

Benedetto: Auf jeden Fall. Aber es gibt Tendenzen im Off, die mich beunruhigen. Die Zunahme der Händler des Lachens, wie ich sie nenne, die um jeden Preis ihre Stücke verkaufen wollen. Die mit seichten Komödien den schnellen und einfachen Erfolg suchen. Auch die Tendenz, immer mehr, ja, nicht unbedingt pornographische, aber glitschige Stücke anzubieten. Und die Tendenz von einigen Produzenten, nach Avignon zu kommen, weil hier alles zehnmal preiswerter ist als in Paris. Sie produzieren ein Stück mit einem Star, profitieren davon, dass sowieso alle Journalisten, alle Medien, alle Programmdirektoren hier sind.

 

Sie wollen diese Sachen nicht?

 

Benedetto: Gerade das letztgenannte Phänomen bereitet Probleme. Viele Leute kommen hierhin, um die Stars aus dem Fernsehen einmal live auf der Bühne zu sehen. Das ist natürlich irgendwo menschlich. Aber letztlich zerstört es den ganzen Rest.

 

Werden Sie dagegen etwas unternehmen?

 

Benedetto: Wir können keine Regeln für das Off festlegen. Das würde gegen den Charakter des Festivals verstoßen. Keiner kann hier jemandem vorschreiben, was er tun darf und was nicht. Das einzige, was wir als ein Verein, der das Festival begleitet, machen können, ist, das ganze Festival so transparent wie möglich zu gestalten. Daran arbeiten wir.

 

Bei den Festival-Terminen hat AFC jedoch schon ein gewichtiges Wort gesprochen, dem die meisten Kompanien gefolgt sind.

 

Benedetto: Aber eben auch nicht alle. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Die Tatsache, dass das In dieses Jahr eine Woche vor dem Off angefangen und aufgehört hat. Aber das war nicht unsere Entscheidung. Wir hatten uns schon im September vergangenen Jahres auf die Termine 10. Juli und 2. August festgelegt. Warum? Weil der 4. Juli, den das In im Januar als seinen Anfangstermin gewählt hat, für uns ein Problem dargestellt hat. Rund 150 Kompanien des Off spielen in Schulgebäuden. Aber bis einschließlich 4. Juli war noch Schule. Wir wollten, dass das Off für alle zur gleichen Zeit anfängt. Deshalb haben wir den Anfangstermin auf eine Woche später verschoben.

 

Das In spielt auch in Schulen, und dennoch hat das Festival am 4. Juli begonnen.

 

Benedetto: Aber erstens müssen die nicht so viele Gruppen in so vielen Schulsälen unterbringen, wie wir. Und zweitens habe ich gehört, dass sie die städtischen Mitarbeiter eine ganze Nacht lang beschäftigt haben, um die Schulen Festival tauglich herzurichten.

 

Wissen Sie, warum das In andere Termine gewählt hat?

 

Benedetto: Genau weiß ich das nicht. Man sagt, dass die Verantwortlichen des In ihr Festival dadurch bewusst vom Off trennen wollten. Um zu zeigen, dass es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Aber ob das stimmt, kann ich nicht sagen.

 

Wird es nächstes Jahr wieder einheitliche Termine geben?

 

Benedetto: Das wäre für alle Beteiligten wünschenswert. Ich habe auch schon mal mit einigen Leuten vom In gesprochen, und wahrscheinlich wird es auf einen Beginn zwischen dem 6. und 8. Juli hinauslaufen. Vielleicht mit einem Tag Unterschied.

 

Wie stehen Sie allgemein zum In?

 

Benedetto: Wir kennen uns natürlich, stehen im Kontakt zueinander. Aber die Strukturen sind grundsätzlich komplett unterschiedlich. Viele Berührungspunkte gibt es im Grunde nicht.

 

Wo liegen die Unterschiede?

 

Benedetto: Auf der einen Seite ist da eine Struktur, die sehr groß ist, die eine Leitung hat, die sich auf eine Stadt stützt, die an historischen Orten spielt, die von den städtischen Kultureinrichtungen und Mitarbeitern unterstützt wird, die von internationaler Werbung profitiert, die hohe Subventionen einfährt: Das ist das In. Das Off dagegen sind 800 Kompanien, die in mehr als 100 Räumen spielen, die manchmal Theatersäle, manchmal eigens für das Festival hergerichtet sind. Oder Bars oder alle möglichen anderen Orte. Wo die Kompanien nur über die Eintritte Geld machen, kein Stück gekauft ist. Die von einer Werbung profitieren, die bislang nur, sagen wir mal, regional war.

 

Es gibt Leute, die sagen, dass das Off zu groß geworden ist. Wird der Wachstum weitergehen?

 

Benedetto: Wir können das nicht stoppen. Wer soll das bestimmen?

 

Nun, Sie sind Präsident des AFC…

 

Benedetto: Aber wir haben keine Macht über das Festival. Keiner kann entscheiden, wie viele Truppen kommen dürfen. Wohin das ganze mit dem Off führen wird, kann ich nicht sagen. Die Menschheit hat letztlich immer die Probleme gelöst, die sie sich selbst gestellt hat. Auf die ein oder andere Weise.

 

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das Off für deutsche Truppen anscheinend uninteressant ist?

 

Benedetto: Nein, das kann ich nicht sagen. Korea ist hier vertreten, Taiwan, zahlreiche Belgier, die USA mit zwei, drei Kompanien… Ob es an der Sprache liegt? Ob die Deutschen das als Hindernis empfinden? Ich weiß es nicht.

 

Was hat dieses Jahr beim Off Ihrer Meinung nach besonders gut funktioniert?

 

Benedetto: Die öffentlichen Diskussionsrunden mit Themen rund um das Theater mit Beteiligten des Festivals und Theaterkritikern. Diese Veranstaltungen sind als Neuerung gut angenommen worden. Gleiches gilt für die Gelegenheit für die Kompanien, ihre geplanten oder in Arbeit befindlichen Projekte vor Produzenten vorzustellen, die Diskussionen um die Off-Charta. Das sind Debatten, die die Zukunft vorbereiten. Wege aufzeigen, die wir eventuell betreten werden.

 

Was hat nicht nach Ihren Vorstellungen geklappt?

 

Benedetto: Die Off-Bar, die wir auf dem Festival-Markt zwischen Stadtmauern und Rhône eingerichtet haben. Es scheint schwierig, die Festival-Besucher aus den Stadtmauern herauslocken. Ich weiß zwar nicht warum, aber so ist das wohl.

 

Wollen Sie mir jetzt verraten, wie alt Sie sind?

 

Benedetto (lacht): Wie ich schon sagte: Um einiges älter, als ich damals war, als wir das erste Mal Statues 1966 gespielt haben.

 


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Friday, 1. august 2008 5 01 /08 /Aug. /2008 11:35

Langsam geht das Festival zu Ende. Ich schaue auf die Liste der Themen, die ich noch bearbeiten wollte: Gespräch mit einem Theaterdirektor über die Kosten des Festivals. Teilnahme an den Plateaux ouverts im Espace Alya, wo dort spielende Truppen mit dem Publikum über ihr Theaterschaffen sprechen. Nachtleben des Festivals… Gerade letzteres habe ich stark vernachlässigt zugunsten des frühen Aufstehens an den Vormittagen. Im Off Programm sind die Party-Nächte aufgeführt, die jeden Abend ab 22.30 Uhr auf einem Boot am Rhôneufer stattfinden. Aber auch in anderen Kneipen oder Clubs wäre es sicher interessant gewesen. Allein von der Bar neben meiner Unterkunft in der Gerberstraße tönen jede Nacht bis zwei, drei Uhr morgens laute Stimmen ins Zimmer. Obwohl das Fenster in den Hinterhof führt.

 

Auf der Ebene der Stücke: die Musiker aus der Schweiz im Palais Royal, die klassische Musik vortragen – gut, ich war bei den Weinvertretern der Côtes du Rhône. Ist irgendwo ähnlich. Clown Buffo. Ah, Buffo! Vor eineinhalb Jahren bin ich einmal abends mit drei Nachwuchsclowns von Brüssel kilometerweit in die belgische Pampa gefahren, um den großen amerikanischen Clown in einer kühlen Novembernacht in einem windigen Zelt verloren im Nichts zu sehen. Und jetzt, wo er nur wenige hundert Meter entfernt jeden Tag auftritt... Das Stück mit dem Hakenkreuz auf dem Plakat – nicht schlimm. Komödien im Paris. Ja. Stimmt. Ein großer Renner des Festivals. Nicht mein Ding. Aber gut. Heute Abend also?

 

Und die Déjeunettes. Sie hatte ich ja angekündigt. Vergangenes Jahr waren diese Mini-Brote gleichsam zur typischen Festivalnahrung geworden. Kein Tag verging, an dem ich nicht eine dieser Stangen gegessen habe. Die Bäckerei Olivero an der Place des Corps Saints, unweit von Ginette & Marcel, wo ich oft meinen Morgenkaffee geschlürft habe, stellt diese Déjeunettes her. Ins Deutsche übersetzt heißen sie „Frühstückchen“, sind Brote aus einem hervorragend leckeren Teig mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen: schwarze Oliven, Nüsse, Chorizo, Speck, Schafskäse, Feigen. Doch dieses Jahr gab es keine Wiederholung. Irgendwie… Der Teig war auch anders, lockerer. Es war nicht mehr das besondere. Vier, glaube ich, habe ich verzehrt.

 

Was ist noch nicht realisiert? Das okzitanische Kulturfestival in Rodez habe ich dem Off geopfert, meinen Schulfreund Arne in Marseille nicht besucht, die Reisebereichte nicht geschrieben, um die mich ein Kunde in Deutschland unverbindlich gebeten hatte. Alles auf einmal geht wohl nicht, und deshalb ziehe ich am Mittag die Notbremse, hetze nicht um 13 Uhr ins Taiwanesische Stück, das ich noch sehen möchte, sondern entscheide mich für die Siesta. Der lange Musset-Abend gestern hat doch Spuren hinterlassen.

 

Ausgeruht also kann ich die nächste Festivalerfahrung angehen:

 

Antigone nach Henry Bauchau, Faim Rouge, Avignon.

 

Die Darsteller sind schon auf der Bühne, als die Zuschauer den kleinen Raum, der eigentlich kein Theatersaal ist, betreten. Zwei Frauen, ein Mann im Hintergrund, Matteo de Bellis, der mit seiner Musik zwischendurch das Stück begleitet. Lediglich zwei schwarze Sitzblöcke an der linken und rechten vorderen Seite der Bühne. Auf dem linken hat Pauline Hornez Platz genommen. Abwechselnd wird sie die Rollen von Clios und Ismène, Polynice, Créon und Bauchau selbst einnehmen, mit Antigone sprechen, das Geschehen aus der Schriftstellerperspektive kommentieren. Letzteres jedoch nur selten.

 

In der Mitte der Bühne Antigone, die in ihrer ersten Handlung einen ersten, großen Kreis um sich selbst auf den Boden zeichnet. Weitere, immer engere Kreise folgen. Jeweils aus einem anderen Element: Kreide, Wasser, Lehm. Der Handlungssielraum für die Protagonistin schrumpft, sie selbst schränkt ihre Möglichkeiten ein aufgrund ihrer unbeugsamen Haltung gegenüber ihrer Außenwelt. Sie weiß das, spürt das, lässt sich dadurch nicht ändern. Hoffnung als letztes Wort des Stücks.

 

Es ist diese letzte Szene, die sehr beeindruckend ist. Laure Vallès als aufrecht stehende Antigone im innersten, gerade ihre Füße umspannenden Kreis, in ihrem roten Kleid, nach extatischen Tänzen, Diskussionen mit ihren Angehörigen, ihrem Schweigen. Der Scheinwerfer konzentriert sich mehr und mehr nur noch auf ihr Gesicht, dimmert nach dem letzten Wort langsam aus, hinterlässt eine schemenhafte Maske im einsetzenden Dunkel.

 

Ich kann mit dem Theaterstoff Antigone in all seinen Varianten grundsätzlich wenig anfangen. Daran mag es liegen, dass ich nie wirklich in die Aufführung hineinfinde. Text mit vielen Andeutungen auf Handlungen, die Voraussetzungen für das Stück sind. Viel Mythologie. Der Gegenwartsbezug, ich kann ihn nur manchmal über einige Sätze heraushören. Meine Gastgeberin Océane, die mich begleitet hat, war dagegen sehr angetan vom Stück, vom Spiel, von der Inszenierung. Nicht nur von der Schlussszene.

 

Nach dem Abendessen suche ich nach einem der lustigen Stücke, das ich mir heute Abend antun möchte. Océane sitzt am Tisch, liest mir eins nach dem anderen vor: Die Schöne, die Blonde, die Schlampe!! Chronik eines normalen Homo. Jules liebt seinen Nächsten. Oder doch: New 752, der waschechte Hund unter den Menschen? Die Auswahl fällt nicht leicht. Soll ich nicht lieber doch ein sinnvolles Stück anschauen? Um 22.30 Uhr läuft Gauche Uppercut im Théâtre des Corps Saints, wo ich auch noch nicht war.

 

Aber nein. Das Off ist eben auch diese seichte Unterhaltung. Also rein in die Sandalen, raus auf die Straße, ab zum Paris. Dort stehe ich zunächst in der falschen Schlange, die bis auf die Straße hinausreicht. Nach ein paar Minuten erkenne ich, dass ich für ein Ticket für „Je länger es ist, je besser…“ anstehe. Aber ich will doch „Eine verrückte Homo-Hochzeit!“ sehen. Dafür muss ich an der Schlange vorbei ins Paris hinein, das wohl ein ehemaliges Kino ist. „Oh, dann sind wir heute ja ganz international“, sagt die beleibte, fröhliche Dame hinter der Kasse, als sie meinen Presseausweis sieht. Fotos mit Blitz – kein Problem. „Aber nicht zu viele, ja?“

 

Das Publikum, das mit mir auf den Einlass wartet, ist in lockerer Urlaubsstimmung. Neben mir unterhalten sich die jungen Leute über den besten Zeitpunkt für das Abendessen – Mc Donald’s ist immer eine gute Lösung, wenn es mal eng werden sollte. Im Saal bestehen die Sitzreichen aus mit Stoff bezogenen Bierbänken, die Bühne ist schon hergerichtet, aber wir müssen noch warten, bis es anfängt.

 

Als Zeitvertreib steht plötzlich die Dame von der Kasse auf der Bühne, bestimmt einen Freiwilligen aus dem Publikum, nach vorne zu kommen. Der junge Mann soll eine zweite Freiwillige aus dem Saal auf die Bühne bitten. Drei Perücken erscheinen, gelb, grün, rot. Rauf auf die Köpfe. Dazu überdimensionale Brillen, die die halben Gesichter bedecken. Auf Kommando geht’s los: „DJ Patrick, Musik bitte!“ Disco-Mucke dröhnt basslastig in den Raum, Hüften werden auf der Bühne geschwunden, die Hintern betatscht. Das Publikum klatscht begeistert mit, riesiger Applaus beim Abgang. „So, sind wir jetzt so weit?“, fragt die Dame hinter die Bühne. Ja, sind sie. Also dann:

 

Un mariage follement gai! (Eine verrückte Homo-Hochzeit!), von Thierry Dgim, Tronches d’api, Tarascon (F).

 

Marcy und Sébastien leben in einer WG zusammen. Marcy ist 38 Jahre alt, Jungfrau, lesbisch und verklemmt. Sébastien seinerseits ist homosexuell, liebt die Musik von Madonna und ist viel lockerer drauf als seine Mitbewohnerin. Diese hat sich auf ihrer Arbeit in Anne-Lize verliebt – und irgendwie schafft sie es, ihre neue Flamme als Mitbewohnerin in die WG zu bekommen. Welch ein Schreck für Sébastien, der in Anne-Lize genau die Frau erkennen muss, mit der er als Jugendlicher seine erste sexuelle Erfahrung gemacht hat. Ohne die Romantik, mit der Anne-Lize auf diese Zeit zurückblickt, zu teilen.

 

Ein Café-Théâtre soll das ganze sein und füllt das Genre dann auch gut aus. Ein Gag jagt den anderen, Ernst ist bitte nicht zu erwarten. Das Publikum ist schnell erobert, witzige Wortspiele und Klischees folgen manchmal so schnell aufeinander, dass einige Damen mittleren Alters Schwierigkeiten beim Luftholen bekommen. Zwischendurch wechselt das Licht auf der Bühne, stellen sich die drei Schauspieler in Formation auf, führen eine Disco-Choreographie vor. Pop-Musik auch bei den Blacks zwischen den Szenen.

 

Lustige, oberflächliche Unterhaltung ohne die geringste Botschaft am Ende. Außer der Selbsterkenntnis, dass man eine Stunde lang viel gelacht hat und es lustig fand, sich von einer neuen Kombination von immer wirksamem Slapsticks die Zeit hat vertreiben zu lassen.

 

Welch ein Unterschied zum übrigen Festival! Aber was ist schon d a s Off? So viele Facette bietet es. Einige Zuschauer sehen nur solche Stücke, wie ich mir gerade eins angetan habe. Andere lieben anspruchsvollere Komödien, Tragödien, Clowns, Zirkus, Musik-Theater…

 

Langsam schlendre ich durch das nächtliche Avignon zurück in die Gerberstraße. Die Plakate zeigen schon deutliche Spuren der drei vergangenen Festivalwochen, ein Mann tackert neue Flyer an einige Kartons. Noch zwei Tage, dann ist alles vorbei.


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Thursday, 31. july 2008 4 31 /07 /Juli /2008 11:03

Seit dem Ende des In ist die Atmosphäre irgendwie entspannter, aber auch alltäglicher geworden. Der aufregende Reiz des dichten Festivals ist verschwunden. Fast schon vergessen ist, dass das In an seinem Anfang ohne das Off mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatte. Christophe Galent weist für die Off-Veranstalter noch mal auf diesen Umstand hin bei dem offenen Treffen für die Gruppen, die sich über ihre Erfahrungen beim Off austauschen, weiterführende Informationen von den Organisatoren erhalten möchten. „Diese Zeitverschiebung nützt keinem von uns“, sagt Galent.

 

Und betont, dass es die Entscheidung des In war, nicht die gleichen Termine anzunehmen wie das Off. „Wir hatten unsere Festivaldaten im September bekannt gegeben, das In im Januar“, so Galent. Hätte das Off zur gleichen Zeit wie das In beginnen wollen – wie das sonst der Fall ist – hätten rund 140 Kompanien an den ersten Festivaltagen nicht spielen können. Ihre Aufführungsstätten liegen in Schulgebäuden. Und die waren am 4. Juli noch nicht besetzt.

 

Doch das Thema im Innenhof des Hôtel de la Monnaie ist heute Vormittag ein anderes. Die Kompanien sollen darüber informiert werden, was für die Planung einer erfolgreichen Off-Teilnahme sinnvoll ist. Auswahl der Spielstätte: sehr wichtig. Weil viele Spielstätten mit ihren Programmen für eine bestimmte Art von Theater stehen, die Programmdirektoren das wissen und eventuell nicht kommen, weil man auf der falschen Bühne spielt. Kontaktaufnahme mit den Programmdirektoren: auswählen. Nur rund 30 richtig im Vorfeld beackern mit Telefonanrufen, ausführlichen Pressedossiers. Unterkunft mieten: sollte im Januar schon geschehen sein. Anreise: auf jeden Fall eine Woche vor der ersten Aufführung. Um schon bei der allerersten Aufführung Höchstleistung ohne Pannen zu bieten. Denn vielleicht sitzt ja schon jetzt der Programmdirektor im Saal, auf den man seine größten Hoffnungen setzt.

 

Mit Tunnelblick gehe ich in die Gerberstraße zurück, um nicht von den Flyer-Verteilern bombardiert zu werden. Kurz vor meiner Haustür insistiert jedoch einer von ihnen. „Alors, Monsieur!“ Ich blicke auf und schaue in das strahlende Gesicht von Laurent Deville, einer der beiden Schauspieler des „Kino“-Stücks „On ne peut pas tout embrasser“. Wir unterhalten uns etwas – ja, die Woche sei flau. Nach dem Festival geht es für ihn direkt weiter. Vorbereitung für das große Straßen-Theater-Festival in Aurillac noch im August. Danach beginnen die Proben für das nächste Stück in Toulouse, Premiere November. Verschnaufpause? Scheint nicht drin zu sein.

 

In den Theatersälen konzentriere ich mich heute auf einen einzigen Autor: den französischen Romantiker Alfred de Musset (1810-1857). Von einer ganzen Reihe von Theaterschriftstellern werden gleich mehrere Stücke im Off geboten. Albert Camus, Manuel Pratt, Eugène Ionesco, Dario Fo… Molière wird am meisten gespielt. Gleich 13 Kompanien setzen sich dieses Jahr in irgendeiner Weise mit seinem Werk auseinander. Musset habe ich mir deshalb gewählt, weil ich mich im Studium mit ihm beschäftigt, ein Stück von ihm selbst inszeniert hatte und mich die Frage umtreibt, wie die Off-Truppen diesen Autor auf die Bühne bringen.

 

Denn die meisten Theaterwerke von Musset gelten als schwer spielbar. Der Autor hat sie meistens nicht für die Bühne, sondern für die reine Lektüre geschrieben. Die Stücke zeichnen sich oft durch viele Orte, viele Personen, verschiedene Zeiten aus und entsprachen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht den damals geltenden Regeln für ein vernünftiges Theaterstück.

 

On ne badine pas avec l’amour (Man spielt nicht mit der Liebe), von Alfred de Musset, La Troupe Nature, Le Bouscat (F).

 

Es ist das Stück, das ich selbst im Jahr 2000 mit einer studentischen Amateur-Gruppe in Bamberg nach eigener Bearbeitung aufgeführt habe. Deshalb bin ich besonders neugierig, wie die jungen Schauspieler der Troupe Nature mit dem Text umgehen. Ich merke, wie sehr ich die Siesta-Zeit vergesse, gar nicht müde werde und gespannt dem Geschehen zuschaue, das mir doch so bekannt ist. Hier und da Textpassagen wieder erkenne, sogar gleiche Ideen auf der Bühne umgesetzt findet.

 

Perdican, der Sohn des Barons, kehrt nach seiner Studienzeit in Paris als Doktor in seine Heimat zurück. Sein Vater hat alles arrangiert, damit er seine Cousine und Jugendliebe Camille heiraten kann. Auch Perdican möchte diese Verbindung. Nur Camille weigert sich. Unter dem Einfluss der Nonnen, wo sie ihre Erziehung genossen hat, hat sie sich dazu entschlossen, den Schmerzen und Enttäuschungen der weltlichen Liebe zu entsagen und ihr Leben im Kloster zu verbringen. Doch so einfach gibt sich Perdican nicht geschlagen…

 

Textgetreu im Wortlaut spielen die jungen Leute das Stück auf einer fast immer gleich bleibenden Bühne, dessen einziges bewegliches Element ein großer Sarg ist. Sie teilen die Figuren in zwei Gruppen: die Hauptdarsteller des Liebes-Konflikts, die „junge Generation“ auf der einen, die anderen Figuren, die „ältere Generation“, auf der anderen Seite. Letztere Gruppe treibt die Handlung voran und bringt die erfrischende Lockerheit in die Aufführung, die den ausgleichenden Kontrast zu den ernsten, ruhigen, textlastigen Passagen um den Liebeskonflikt bietet. Ein fetziger Karneval, ein nevrosierter Baron, ein trinkfreudiger Erzieher. Ein paar moderne Elemente – die Tanzmusik beim Karneval zum Beispiel – in einer sonst eher klassisch gehaltenen Atmosphäre. Mir gefällt das alles sehr gut. Die Truppe ist der Kitsch-Falle entgangen, legt ein gut rhythmisiertes Stück hin, das unterhält, ohne den Ernst des Kernkonfliktes zu vernachlässigen.

 

Musset Nummer zwei findet in dem Fabrik’Theater statt, dort, wo auch das hervorragende Stück der Südkoreaner gezeigt wird:

 

Andrea del Sarto, von Alfred de Musset, Compagnie Les Désaxés Théâtre, Meyzieu (F).

 

Ich kenne das Stück nicht, die Voraussetzungen sind anders als heute Mittag. Die breite Bühne lässt Gestaltungsraum für ein größeres Bühnenbild, das von zwei riesigen Gemälden des Florentinischen Renaissance-Malers Andrea del Sarto bestimmt wird. Eine Videoleinwand hängt über dem linken Teil der Bühne, die dort in den Spielpausen gezeigten Bilder von Wäldern, Gesichtern, manchmal lachend, manchmal blutend, Nahaufnahmen von Zärtlichkeiten, Figuren der Bühnenhandlung, bleiben mir unerklärlich. Sollen womöglich den Konflikt, das Zusammenbrechen der Welt und Werte von Andrea del Sarto verdeutlichen, dessen letzter Lebenstag in Mussets Stück nachgezeichnet wird.

 

Erneut dreht sich der Hauptkonflikt um Werte wie Freundschaft, Liebe, Ehre. Alles geht del Sarto innerhalb von 24 Stunden verloren. Das ihm vom französischen König zum Kauf von Gemälden anvertraute Geld hat er veruntreut, seine Frau Lucrèce und sein Freund Cordiani lieben sich, die Kunstwelt entwickelt sich weiter, und Andrea del Sarto kann dem allem nicht folgen, geht an diesen Niederlagen zugrunde.

 

Auch hier bleibt die Inszenierung in einer vergangenen Welt, der Plattenspieler aus den 50er Jahren unterstreicht den antiquitierten Anstrich der Aufführung. Habe ich zu Beginn Schwierigkeiten, in den zunächst langsamen Rhythmus des Spiels hineinzukommen, gewinnt alles mit der Zeit an Fahrt parallel zum Aufblühen von del Sarto Darsteller François Tantot. Je verzweifelter seine Figur sein muss, je besser wird er und desto mehr lasse ich mich von dem Geschehen auf der Bühne fesseln  Durch seine Dynamik immer tragend auch Lionel Armand als Lionel, Guillaume Kervevan hervorragend als verschmitzter Grémio.

 

Es ist schon dunkel draußen, als ich von außerhalb der Stadtmauern einmal quer durch die Innenstadt bis fast an die Rhône laufe, um mich in die Warteschlange für meinen letzten Musset für heute zu stellen:

 

Lorenzaccio, von Alfred de Musset, OV Productions, Avignon.

 

Wohl das bekannteste Werk des französischen Romantikers. Lange Zeit ungespielt, weil zu kompliziert. Bis 1952 beim Festival in Avignon eine Inszenierung gefunden wurde, die zu einem Riesen-Erfolg in Paris wurde. Der Regisseur des Lorenzaccio 2008, Antoine Bouseiller, zeichnet die Geschichte des Stückes vor der Aufführung nach. Ein erfahrener Regisseur ist der alte Mann und hat mit seiner jungen Truppe eine zeitgenössische Inszenierung einstudiert. Hilfreich dafür sind die Raumverhältnisse. Das ganze Théâtre du Vent, in dem ich „On ne badine pas…“ angesehen habe, würde sicher zweimal auf die große Werkstattbühne des Théâtre de l’Oulle passen, auf dem Lorenzaccio geboten wird.

 

Wieder ist der Handlungsort Florenz, in dem Herzog Alexander wie ein Tyrann über die Republik regiert. An seiner Seite: Lorenzaccio. Doch der ist ein Wolf im Schafspelz, korrumpiert sein eigenes Leben für einen in seinen Augen hehren Wert: den Tyrannenmord. Mit elf Schauspielern, die zum Teil unterschiedliche Rollen ausfüllen, geht Bouseiller das Stück an. Die meisten Männer sind in weiß gekleidet, geben der Aufführung eine sterile, geleckte Atmosphäre. Und setzen es gleichzeitig außerhalb von Zeit und Raum. Vielleicht ist es auch diese große, weite Bühne. Sie hat ihren unleugbaren Reiz. Aber durch sie bleibt das Spiel auch distanziert. Auf jeden Fall ergreift es mich nicht. Unverkennbar ist die Professionalität der Darsteller. Aber eine Glaubwürdigkeit bringen sie zu mir nicht rüber. Ich nehme nicht wirklich teil am Geschehen auf der Bühne.

 

Immerhin der einzige Versuch, Musset durch die Inszenierung aus einem klar definierten Vergangenheitsbild zu holen, sage ich mir auf dem Nachhauseweg. Obwohl: Eine wirkliche Modernisierung bietet dieser Lorzenzaccio auch nicht. Oder besser: Was heißt es, einen Klassiker zu modernisieren? Weiße Hemden und Hosen und der Verzicht auf ein Bühnenbild reichen zumindest nicht aus. Warum überhaupt noch Klassiker heute spielen? Worin liegt der Sinn – außer, ein kulturelles Erbe zu pflegen?


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Wednesday, 30. july 2008 3 30 /07 /Juli /2008 10:36

Taiwan ist mit fünf Truppen beim Festival vertreten – und ähnlich wie mit Japan nehme ich mir für heute eine Entdeckungsreise in diese für mich fremde Theaterkultur vor. Beim Blick in den Festival-Katalog stoße ich jedoch auf eine nicht unerhebliche Schwierigkeit: Alle fünf Stücke interessieren mich. Aber um die Mittagszeit und abends gegen 22 Uhr finden jeweils zwei Aufführungen fast parallel statt. Alle fünf an einem Tag sind also nicht drin. Schweren Herzens treffe ich eine Auswahl zugunsten der verschiedenen Stile. Der Mix aus Clown, Theater und Tanztheater ist vom Papier her breiter als drei Theaterstücke. Obwohl… Aber gut, ich bleibe bei der Auswahl, vertröste mich auf die verbleibenden Festival-Tage, um mir dann vielleicht das Stück über eine Journalistin, die sich angeblich in einem Fluss der Erinnerung verlieren wird, und den „Flambierten Reis“, dessen hübsches Plakat einfach schon neugierig auf die Aufführung macht, anzuschauen.

 

Bei drückend-schwüler Hochsommerhitze begebe ich mich also gegen kurz nach 12 Uhr in das Viertel zwischen Place de l’Horloge und der berühmten Brücke von Avignon. Von der den Verlauf der ehemaligen, hochmittelalterlichen Stadtmauer nachzeichnenden Rue Joseph Vernet biege ich links in einen Toreingang ab, der zu einer schmalen Gasse führt, der Rue Plaisance. Über Kopfhöhe hängen dort bunte, wohl tibetische Gebetsfähnchen, fernöstliche Atmosphäre empfängt den Besucher.

 

Es ist das zweite Mal nach 2007, dass der Taiwanesische Nationalrat für kulturelle Angelegenheiten Kompanien bei ihrem Auftritt in Avignon unterstützt. Dieses Jahr sind alle fünf Truppen in dem Théâtre Le Funambule unweit der Stadtmauern konzentriert. Sehr freundlich ist die Begrüßung der Taiwanesen an der Kasse, mit Französisch oder Englisch ist eine Verständigung möglich.

 

Dîner pour un Couvert (Abendessen für eine Person), Eigenkreation von Ma Chao-Chi, Théâtre de la Sardine, Taipeh.

 

Einen sympathischen Clown lernt der Zuschauer in der knappen Stunde dieses Spektakels kennen. Ein weiblicher Clown wohlgemerkt, vielleicht um die 30 Jahre alt. Voll bepackt mit Einkaufstaschen bahnt sie sich ihren Weg durch die nur sehr spärlich besetzten Zuschauerreichen, um ihr Zuhause auf der Bühne zu erreichen. Dort durchlebt sie ihren Abend, ihre Nacht, und verlässt erst wieder am Morgen das helle Scheinwerferlicht, als irgendeine Beschäftigung sie außer Hause verlangt.

 

Ma Chao-Chi entwickelt schnell einen reizvollen Charme, ohne jedoch mit ihrem Spiel zum lauten Lachen zu verführen. Sie stellt das Leben einer Single-Frau zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor, die sich gerne sieben Mal ihr Lieblingsfertiggericht im Supermarkt kauft, von einer Karriere als berühmte Schauspielerin, einer Reise in die Südsee, der großen Liebe träumt. Es sich im Sessel vor dem Fernseher bequem macht, sich bei den kurzzeitig aufflackernden Sorgen um ihre Linie ein paar Minuten den elektronischen Massagegürtel umschnallt, um bald darauf wieder genüsslich Chips zu verzehren. Ihre gute Laune verliert sie dabei nie wirklich, und wahrscheinlich ist es das, was sie eben so sympathisch macht.

 

Einmal singt sie ein Lied, bleibt aber sonst stumm, überlässt Gestik und Mimik die Aufgabe, alles zu sagen, was sie mitzuteilen hat. Keyboard- und Saxophon begleiten zwischendurch musikalisch die Szenen.

 

Beim Hinausgehen habe ich ein wenig Mitleid mit der Darstellerin. Denn mir hat es tatsächlich gut gefallen, ich fand es angenehm, ihr zuzuschauen. Allerdings hat sie das Publikum nicht zum Lachen gebracht. Nicht so, dass sie es auf der Bühne gehört hätte. Und misst ein Clown den Erfolg seiner Darbietung nicht gerade an den Lachern, den er erzeugt? Ich weiß es nicht, kenne zu wenige Clown-Vorführungen, weil mich das Genre grundsätzlich nicht sehr reizt. Und da ist es schon ein gutes Zeichen, wenn ich mich gut unterhalten gefühlt habe.

 

Bis zur nächsten Vorführung bleibt die Zeit für ein Baguette mit Olivenöl und Tomaten, ein Stündchen Mittagsruhe in der Gerberstraße, dann mache ich mich wieder auf den Weg einmal quer durch das Herz der Innenstadt zur Taiwanesischen Kulturinsel im Funambule.

 

Bardo Todel, von Li-Tsuei Sun, Shang Orientheatre, Taipeh.

 

Ein langsames und meist ruhiges Stück ist die Eigenkreation der 2000 gegründeten Truppe aus Taiwan, die bereits zum vierten Mal am Off teilnimmt. Der tibetanische Buddhismus steht Pate bei Inhalt und Form, lehrt die Presse-Mappe. „Das Totenbuch der Tibeter eröffnet eine hervorragende Möglichkeit, sich Gedanken über die Verwandlung zu machen.“ Eingeladen wird zu einer Reise in acht Etappen. Von dem Besuch der Gräber über verschiedene Stadien des Abschiednehmens vom eigenen Leben bis hin zur Wiedergeburt und dem Abschluss des Zyklus von Leben und Tod.

 

Eine einzige Schauspielerin, die Kompanie-Gründerin Li-Tsuei Su selbst, setzt auf der Bühne diese Reise in Bewegungen und Bilder um. Sie bleibt dabei meist stumm, singt nur selten getragen langsame Strophen von wahrscheinlich zeremoniellen Liedern. Zwei Musiker, die am Rande der Bühne Platz nehmen, begleiten sie mit Instrumenten aus der asiatischen Kultur. Oft eintöniges Schlagen, Zupfen, dumpfes Blasen.

 

Das ganze ist für westliche Augen eine Entdeckungsreise mit Masken, Puppen, verschiedenen Gewändern, wenig Licht. Eine Entdeckungsreise ins Totenreich, die buddhistische Tradition, in das Theater einer anderen Kultur. Einiges wird man verstehen – das Häuten der Person, die Angst vor neuen Masken, die Verlockung, Gewänder anzunehmen, die einem nicht passen – anderes wird für den nicht Eingeweihten unverstanden bleiben.

 

Ein stilles, unaufgeregtes Stück mit bedeutungsvollem Inhalt, das seinen Zauber aber nicht auf einfache Weise entwickelt.

 

Ein drittes Mal mache ich mich am vorgerückten Abend auf den Weg einmal quer durch die Stadt. Bei matter Müdigkeit habe ich zwar wenig Lust, aber Programm ist Programm. Zehn Minuten später biege ich in die schmale Gasse des Théâtre Le Funambule. Viele Zuschauer erwarte ich um diese Uhrzeit – 22 Uhr – nicht. Einmal wegen der Zeit, aber auch wegen des Stücks und der Werbung dafür: Das Plakat für die von mir ausgewählte Tanzdarbietung ist schwarz-weiß gehalten, etwas kleiner als die anderen des Off und sieht so aus, als ob es durch den Kopierer erzeugt wurde. Dennoch sind wir vielleicht 15 Personen, die wir uns für das Stück mit dem befremdlichen Titel entschieden haben:

 

CH3CCI3, Eigenkreation von Sun Chuo-Tai, 8213 Physical Dance Theater, Taipeh.

 

Zeitgenössischer Tanz soll mit Theater verbunden werden – so lautet die Philosophie der jungen Truppe aus Taipei. Ihre Kreation CH3CCI3 basiert entfernt auf einem Klassiker des alten chinesischen Tanztheaters, dem „Shan Hai Jing“, wie in den Informationsblättern steht, die ich an der Kasse erhalte. Weiter wird erklärt, dass CH3CCI3 die chemische Formel für ein vom Mensch erzeugte, giftige Substanz sei. Die Absicht des Stücks sei es zu zeigen, wie moderne Lebensart und zwischenmenschliche Beziehungen miteinander funktionieren. Außerdem will es auf die Gefahren von umweltfeindlichen Substanzen als Zerstörer unserer Lebenswelt hinweisen.

 

Zu sehen ist dann ein Mix aus verschiedenen Theater- und Tanztraditionen. Moderne Avant-Garde Elektromusik, absurdes Theater, zeitgenössische Poesie. Beim Betreten des Saals steht auf der Bühne bereits eine dezent asiatisch gekleidete junge Frau, die jeden Gast mit einer tiefen Verbeugung empfängt. Erst als das Stück beginnt und die Frau weiter auf der Bühne bleibt, weiter mechanisch ihre Verbeugung und ihr breites, aufgesetztes Lächeln produziert, merkt man, dass sie schon Teil der Aufführung ist. Bald sind aus Verbeugung und Lächeln schnell aufeinander folgende Verrenkungen geworden. Ein wildes Kratzen am ganzen Körper, der durch innere oder äußere Schläge malträtiert zu werden scheint, ausgenutzt, wehrlos. Andeutung sexueller Handlungen. Um am Ende wieder in die anfängliche Begrüßungsposition zu gelangen. Höfliche Verbeugung, freundliches Lächeln.

 

Die Grundausrichtung des Stücks ist dagegen langsamer. Auf den atemberaubenden Beginn folgen viele ruhige Szenen der drei weiblichen und des einen männlichen Tänzers. Im Hintergrund taucht ab und zu ein Glaskugel-Künstler auf, der das durchsichtige Objekt bedeutungsvoll auf seinen Händen und Armen balanciert. Szenen einer Ehe, ein Gedicht im Regen, das Gießen einer Pflanze. Eine Hand im Fischbecken, dessen Wasser sich am Ende der Szene rot färbt… Auszüge einer Aufführung, die am Ende wieder erneut diese wilden Zuckungen erzeugt, diesmal mit allen vier Tänzern auf der Bühne, die viel von dem Chaos ausdrücken, das sich der Mensch mit dem Leben in der von ihm geschaffenen modernen Welt selbst erzeugt. Körperliche, vor allem seelische Zerrissenheit.

 

Überraschend stelle ich auf dem Weg in die Gerberstraße fest, dass mich die Aufführung mehr beschäftigt, als ich während des Stücks den Eindruck hatte. Und so schreite ich eher wie ein Fremdkörper durch die in das warme orangefarbige Licht der Straßenbeleuchtung getauchte Innenstadt, die gegen 23 Uhr noch sehr belebt ist. Wo Musik ertönt, die Eisdielen immer noch guten Absatz haben, die Leute in sommerlicher Festival- oder Ferien-Flanierlaune zu sein scheinen.

 


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Tuesday, 29. july 2008 2 29 /07 /Juli /2008 10:19

Die Straßen bleiben leer. Nun ja, nicht ganz. Aber das Ende des In-Festivals macht sich deutlicher bemerkbar, als ich mir vorgestellt hatte. Gegen kurz nach zehn Uhr ist in der Gerberstraße noch nichts los. Ein paar wenige Leute sitzen in Cafés, gähnen sich die Nacht aus den Leibern. Als ich gegen 13.30 Uhr vom Espace Alya die Rue Guillaume Puy Richtung Mittagspause hinuntergehe, kommen mir als einzige Menschen drei Flyer-Verteiler entgegen. Später am Nachmittag werde ich beim Théâtre des Hivernales Zeuge der letzten Handgriffe. Die Technik wird auf die Straße geschoben, die rollbaren Kisten abreisefertig nebeneinander platziert. Um die Ecke an der Place Pasteur steht ein Lastwagen, in dem eine andere Truppe ihr Zeug verstaut.

 

Dabei geht in den meisten Theatern die Show noch weiter. Einer der Renner des diesjährigen Off steht als erstes Stück des Tages auf meiner Liste. Eine Woche im Voraus hatte ich meine Karte bestellen müssen. Als ich sie um Viertel nach zehn abhole, erkundige ich mich, ob die seit zwei Tagen spürbar abnehmende Besucherzahl auch hier ihre Spuren hinterlässt. „Wir sind bis zum letzten Tag ausgebucht“, bekomme ich jedoch zur Antwort.

 

„Le jour où Nina Simone a cessé de chanter (Der Tag, an dem Nina Simone aufgehört hat zu singen), von Darina Al Joundi und Mohamed Kacimi, Théâtre des Halles, Avignon.

 

Es ist erhellend, am Nachmittag mit Aline über das Stück zu sprechen. Aline ist die libanesische Freundin von Océane, für die ich vor gut einer Woche auf einem Weingut nördlich von Orange an einem libanesischen Abend serviert hatte. Sie kennt die Darstellerin des Stücks Darina Al Joundi noch aus ihrer Zeit als Journalistin in Beirut, hat mit ihr auch in Avignon gesprochen. „Ich habe damals für das Fernsehen gearbeitet, Al Joundi war als Schauspielerin eine Person des öffentlichen Lebens“, erzählt Aline.

 

Damals habe die Geschichte, die Al Joundi in ihrem Stück erzählt, einige Wellen geschlagen im Libanon. Als Tochter eines liberalen, westliche Werte vertretenden Journalisten hatte Al Joundi sich gegen das traditionelle Leben in ihrer Heimat gewendet. Religiöse Regeln sollten für sie nicht gelten, Drogenkonsum und ein freizügiger Lebenswandel machten sie wohl aus.

 

In ihrem autobiographisch geprägten Stück erzählt die Schauspielerin von dieser Zeit. Noun ist bereits erwachsen, als sie ihren Vater verliert. An seinem Leichnam geht sie noch einmal die Etappen ihrer Kindheit und Jugend durch. Eine Zeit, die vom Bürgerkrieg im Libanon und dem vom Vater anerzogenen Aufbegehren gegen die Tradition geprägt war. Als dieser begraben ist, wird Noun von der eigenen Familie auf brutale Art wieder in die Schranken der muslimischen Gesellschaft ihrer Heimat gepresst.

 

Ich bleibe ein wenig ratlos vor dem überaus großen Erfolg des Stückes. Natürlich bewegt die Geschichte, löst sie Betroffenheit aus. Von der künstlerischen Darstellung überzeugt sie mich dagegen wenig. Ohne Bühnenbild bewegt sich Al Joundi nur in einem großen, auf dem Boden aufgezeichneten Viereck – man versteht, dass sie gefangen ist und bleibt. Ihre begleitenden Bewegungen zu den Erzählungen sind konventionell, ohne eine aufrüttelnde, zweite Ebene anzubieten. Vom individuellen Schicksal zum Beispiel auf eine allgemeingültige Ebene zu deuten, die den westlichen Zuschauer auf sich selbst und die Ungerechtigkeiten in Europa gegenüber Andersdenkenden verweisen würde. Die Berichte sind einzelne, in sich abgeschlossene Episoden, die nebeneinander stehen, ohne einen Spannungsbogen aufzubauen. Das Ende kommt damit umso unerwarteter. Aber es gibt keine Begründung dafür, dass nicht noch eine Episode vorher erzählt hätte werden können.

 

Das Anprangern der muslimischen Gesellschaft ist derzeit eine Mode, die sicher eine Rechtfertigung hat. Dabei wird aber zu leicht vergessen, dass Probleme nicht nur bei anderen, sondern auch bei uns bestehen. Al Joundi lässt das aber außen vor, und vielleicht ist es gerade diese simple Verführung, die mich stört. Aufführungen wie ihre haben Erfolg, weil sie eine zu einfache Botschaft vermitteln für ein westliches Publikum, das sich nach der Vorstellung weiter wohl fühlen kann, nicht gestört wird in seinen Urteilen gegenüber der Welt und seinem eigenen Alltag.

 

Al Joundi hört um 12.15 Uhr auf zu spielen, fünf Minuten später bin ich aufgrund des voll besetzten Saales – alle 200 Sessel waren besetzt, einige Zuschauer mussten auf den Stufen Platz nehmen – erst draußen, in zehn Minuten fängt mein nächstes Stück an. Ich renne also ein gutes Stück bis hin zum Espace Alya, und komme deshalb noch rechtzeitig zum Beginn von:

 

Molière et son dernier sursaut (Molière und sein letztes Aufbegehren), Eigenkreation nach Molière und Michel Vinaver, Compagnie des Lucioles, Compiègne (F).

 

Eine Flyer-Verteilerin hatte mein Interesse auf dieses Stück gelenkt. „Molière wird hier mit modernem Theater verbunden, eine Truppe von Schauspielern fragt sich, in wie weit man Klassiker modernisieren darf, wo es Grenzen gibt, ob es überhaupt Grenzen geben soll und ähnliches.“ Das fand ich interessant. Erwartungsfroh sitze ich also jetzt mit vielleicht 20 anderen Besuchern in dem für das Festival errichteten Theaterzelt in dem Espace Alya, dem kleinen Theaterdorf im Innenhof eines Gebäudes, das eine Schule beherbergen könnte. Auf der Bühne aufgestellt Plexiglasscheiben lassen das moderne Moment schon erahnen.

 

Spielerisch geht es jedoch zunächst klassisch los. Auszüge aus Molières Misanthrope – Menschenfeind – werden gezeigt. In einem übertriebenen Stil und oft durchsetzt mit herrlich aufgesetzten Lachern, die das Klischee der durch Puder- und Perücken-Gehabe verkünzelten höfischen Welt der 17. und 18. Jahrhunderte widerspiegeln. Danach schließt sich, in gleichen Kostümen gespielt, der moderne Teil an. Die Partien aus dem Menschenfeind waren, so wird verständlich, Auszüge aus einem Film, und über diesen Film unterhalten sich jetzt einige Molière-Schauspieler. Denn am Ende des Films stirbt Molière einen anderen Tod, als es die Geschichte zu berichten weiß. Darf das sein? Natürlich nicht. Der Film muss verboten werden. Doch da kommt aus Japan eine ganz andere Idee und löst die Diskussion aus über die Grenzen, die beim Umgang mit Denkmälern der klassischen (Theater-)Literatur sinnvoll sein könnten.

 

Das Ganze ist auf der Bühne in diesem Zusammenhang schwer nachzuvollziehen. Man versteht Molière im ersten Teil, den Zusammenhang mit dem zweiten nicht unbedingt, und die Frage nach dem Umgang mit Klassikern wird nie direkt gestellt, muss aus dem Spiel abgeleitet werden. Ich wäre damit ohne helfendes Presse-Material überfordert. Allein vom Zuschauen erahnt man, dass die Aufführung sehr durchdacht ist, das Bühnenbild mit seinen sich teilweise veränderbaren Elementen ebenfalls bedeutungstragend ist. Aber am Kern der Sache, am Anliegen der Truppe – „Was darf eine moderne Inszenierung mit einem Klassiker machen?“ – kann man vorbeischlittern. Was nicht unbedingt ein Schaden sein muss. Denn auch als ein etwas abgefahrenes Unterhaltungsstück funktioniert das Gesehene. Allein schon wegen der köstlich-künstlichen Lacher.

 

Nach der Mittagspause gibt es dann keinen Klassiker der Theatergeschichte, aber immerhin einen Klassiker des Off von Avignon. Geschrieben wurde es von André Benedetto, dem derzeitigen Präsidenten des Off. „Ich weiß selbst nicht, worum es in dem Stück geht“, sagt er nach der Aufführung. Künstlerisches Understatement?

 

Statues 66 (Standbilder 66), von André Benedetto, Théâtre des Carmes, Avignon.

 

Das Stück gilt im Rückblick als der Beginn des Off-Festivals – zumindest in einigen Geschichtsbetrachtungen. 1966 schon leitete Benedetto das Théâtre des Carmes in Avignon. Bis dahin war es üblich, dass während des Festivals die lokalen Theater keine Vorstellungen gaben. Mit dieser Tradition brach Benedetto, weil er nicht einsah, dass die über das ganze Jahr funktionierende Theaterwelt in Avignon zur Salzsäule erstarren sollte, wenn die großen Produktionen aus Paris und der Welt über die provenzalische Provinzstadt herfallen.

 

Ohne damals an ein paralleles Off-Festival zu denken war, mit Statues 66 jedoch ein Tabu gebrochen worden – die Entwicklung des Off nahm ihren Lauf. Nach der Uraufführung im Juli 1966 wurde Benedettos Stück nur noch einmal in Nizza gespielt. Danach nie wieder. Dieses Jahr nun steht es wieder auf dem Programm. Zieht aber nicht die Massen an, wie die insgesamt acht Zuschauer deutlich machen, die sich in den Reihen des mit 173 Sitzplätzen ausgestatteten Theatersaals verlieren.

 

Das, was folgt, erinnert stark an Beckett, an Ionesco, an absurdes Theater. Eine Frau und ein Mann tragen auf eine sonst leere Bühne zwei Holzklötze, stellen sich auf sie und beginnen einen Dialog. Sie Reden über die Welt, über sich, über Fort- und Rückschritt, über Theater, die Gesellschaft. Wort- und Silbenspiele bestimmen streckenweise ihr Gesagtes. Man hört Kritik, offene Fragen bekommen absurde Antworten – die Sprachlosigkeit vor der Welt, in der man als Mensch aber kaum ohne Sprechen zurecht kommt. Ratlosigkeit vor dem Unerklärlichen.

 

Zwischendurch läuft die Tochter der beiden auf die Bühne, stellt sich zwischen Vater und Mutter, bekommt sinnlose Aufträge, ändert öfters ihren Namen. Auch Atlas trägt zum Schluss einen blauen Gummiball als Weltkugel auf seinem Rücken. Alle Bewegungen sind stilisiert, nichts ist, nichts soll wirklich natürlich aussehen.

 

Und dann ist es vorbei und man fragt sich, was war es jetzt? Ein solches Theater ist zeitlos und verfehlt seine hinterfragende Wirkung nicht. So ist es auch mit Benedettos Stück. Gut, sich zwischendurch mal diese alten Schinken anzuschauen. So gut, wie ein alter James Bond. Der übrigens im gleichen Jahr 1966 das erste Mal auf der Leinwand zu sehen war und seine Spuren in dem Manifest 007 hinterließ, in dem Benedetto mit anderen Theaterschaffenden aus Avignon am 1. April das Vorhaben formulierte, im Juli während des Festivals die Statues 66 zu spielen.

 


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Monday, 28. july 2008 1 28 /07 /Juli /2008 08:51

Erstaunlich leer sind heute Morgen die Straßen von Avignon. „Das In ist zu Ende, das wird eine harte Woche für uns werden“, sagt Schauspieler Guillaume Videlier vom Théâtre de la Tortue. Wir laufen uns zufällig in der Fußgängerzone über den Weg, bleiben einen Moment stehen. Wie es für seine Truppe laufe? „Für die Truppe ganz gut, für mein Stück nicht unbedingt“, sagt er. Le Rôdeur leide immer noch unter dem ausbleibenden Publikum. Wie er damit umgehe, möchte ich wissen. Er zuckt die Schultern. „Ich würde mir das natürlich anders wünschen, aber demotivieren lasse ich mich davon auf jeden Fall nicht“, sagt er. Man sei ja in Avignon, um das Abenteuer hier zu genießen. Und immerhin ein Programmdirektor habe bereits verstärktes Interesse an dem Stück gezeigt. Dass sei besser als nichts. Sagt er und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Kaum zu glauben, dass er gegen 20 Uhr erneut in seine so düstere Rolle schlüpfen wird.

 

Auf meinem persönlichen Festival-Programm steht heute ein Besuch in Avignons Nachbarstadt Villeneuve lez Avignon, die auf der anderen Seite der Rhône liegt. Auch dort findet ein Teil des Off-Festivals statt. Bereits am 21. Juli ist Villeneuve en Scène zu Ende gegangen. Es versammelt Zirkustruppen und herumziehende Kompanien im Rahmen des Off. Aber es gibt auch einen Theatersaal, Le Garage, in dem bis heute eine Handvoll Off-Stücke programmiert sind.

 

Auf den Clown am Vormittag verzichte ich, weil zwischen ihm und der nachfolgenden Vorführung gute sechs Stunden liegen und der Fußweg nach Villeneuve schon seine 45 Minuten benötigt. Also geht es erst in der Nachmittagshitze hinüber ins Département Gard. Lautes Grillenzirpen und die heiße Sonne auf meinem lichten Schädel lassen den provenzalischen Hochsommer sinnlich spürbar werden. Um 17 Uhr liegt Villeneuve dann auch noch im Endstadium der Siesta. Die Kirmes kurz vor der Stadtmitte ist noch unbelebt, das kleine Theater in der schmalen Hauptstraße Rue de la République noch verschlossen. Menschen sind fast nur auf den Terrassen der Straßencafés beim Rathaus und auf dem unweit entfernt liegenden Hauptplatz der Ortschaft zu finden. Dort lasse ich mich nieder, bestelle einen Kaffee, schreibe einen Plan für die letzte Festival-Woche.

 

Kurz vor 18 Uhr ist das Theater dann geöffnet, aber die Kasse noch unbesetzt. Irgendwann fällt es jemandem auf, dass ich dort stehe, ein älterer Herr nähert sich mir. „Karten brauchen Sie nicht“, sagt er mir. Die beiden Schauspieler der Truppe hätten sich entschlossen, keinen Eintritt zu nehmen. Stattdessen stehe am Ende der Vorstellung ein Hut am Ausgang. Für das Stück um 20 Uhr könnte ich erst ab 19.45 Uhr Karten kaufen.

 

Ich spreche ihn auf einen Text an, der an verschiedenen Stellen des Theaters aushängt. Es ist eine Art Todesanzeige. Für den 30. Juli um 19 Uhr bittet die Theaterleitung die Freunde der Spielstätte zu einer Abschiedszeremonie. „Der neue Vermieter hat die finanziellen Konditionen so hoch angesetzt – 2400 Euro Miete während des Festivals, 1800 während des übrigen Jahres –, dass wir uns zur Aufgabe gezwungen sehen“, erzählt der alte Herr. Das drohende Aus vor Augen habe das Theater zwar alles Mögliche zur Rettung versucht. Die Wände neu gestrichen, in eine moderne Lichtanlage investiert. Auch der Bürgermeister von Villeneuve sei bereit gewesen für eine Sonderunterstützung. Doch das habe alles nicht gereicht.

 

Weh tue das, sagt der Alte. Er selbst habe beim Aufbau der Garage mitgewirkt. Es sei ein Ort des lokalen Kulturlebens. Eine Truppe aus Villeneuve selbst spiele hier regelmäßig, jeden Freitag und Samstag gebe es immer irgendeine Veranstaltung. Workshops ebenfalls. Nach 13 Jahren so ein Ende…

 

Durchaus neugierig gehe ich dann in die Aufführung von

 

Le Saint Valentin (Der Sankt Valentins Tag) von Franck Didier, gespielt von Les Incongrus, Jonquières (F).

 

Ein einfacher Theatersaal empfängt mich, dessen Sitze bei jeder Bewegung quietschen. Vielleicht 30 Personen schauen sich mit mir die letzte Aufführung des Stückes an. Am Valentinstag glänzt Stéphane bei der Ankunft seiner Freundin Lidy durch Abwesenheit. Immerhin hat er ihr zwei Rosen in eine Vase gestellt, ihr einen Brief geschrieben, der auf eine Videokassette hinweist, die mehr verspricht.

 

Verschiedene Ebenen des Erzählens werden miteinander vermischt, der Text ist durchaus reizvoll. Im Vergleich zum übrigen Off fällt die Darstellung auf der Bühne jedoch deutlich in die Kategorie Laien-Theater. Sicherlich gutes Laien-Theater, weil es vom Ablauf einfach passt, die beiden Darsteller engagiert sind, das nach ihren Möglichkeiten vielleicht beste geben. Aber das reicht eben nicht dafür aus, um etwas Wahrhaftiges auf die Bühne zu zaubern – was Profis ja auch oft genug nicht schaffen.

 

Obwohl ich den Hut ziehe vor dem Engagement und der Rolle, die dieses Theater spielt – einem Tiel des Publikums scheint es auch gut gefallen zu haben – spare ich mir nach dieser Erfahrung die im Anschluss geplante zweite Aufführung in Villeneuve. Der Regisseur von Camus’ Caligula ist derselbe Michel Paume, der auch für Le Saint Valentin diese Rolle übernommen hat. Ich verspreche mir keine Änderung im Stil auf der Bühne. Zu Fuß starte ich meinen Rückweg über die Rhône.

 

Am Ende der Brücke wende ich mich in Richtung des Off-Festival-Markts, der zwischen Fluss und den Stadtmauern von Avignon liegt. Ab 19 Uhr sollen dort täglich die Off-Teilnehmer die Möglichkeit haben, in zehn, 15 Minuten-Beiträgen Werbung für ihre Stücke zu machen. Als ich an der Bar du Off eintreffe, ist die Bühne dort jedoch leer. Von den zahlreich aufgestellten Tischen sind gerade mal zwei belegt. Ich gehe in die Innenstadt zurück, wo weiterhin eine für einen Festival-Sonntag auffällig entspannte Atmosphäre herrscht. Alles wegen des beendeten In?

 


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Sunday, 27. july 2008 7 27 /07 /Juli /2008 12:01

Letzter Tag des In-Festivals – doch die Bilanz ist schon gezogen. Laut Veranstalter war 2008 ein voller Erfolg. 116000 Zuschauer bei insgesamt 310 Vorstellungen, eine Auslastung von 93 Prozent. Eine kleine Steigerung sogar zum Vorjahr. Zu der vor zwei Tagen am In geäußerten Kritik, das Festival sei zu weit von den Menschen vor Ort entfernt, zu abgehoben, zu elitär, sagt Co-Direktor Vincent Baudriller: „Das Festival steht notwendiger Weise auf zwei Beinen und kann sich auf ihnen entwickeln. Das eine Bein präsentiert die Verankerung im Lokalen, das andere die internationale Dimension.“

 

Dass das Internationale auch in Frankreich liegt, macht die Gesprächsrunde im Medienkaufhaus Fnac deutlich. Jeden zweiten Tag haben sich hier Vertreter des In und des Off zu öffentlichen Diskussionsrunden getroffen. Heute ist die letzte dieser Veranstaltungen, das Thema ist, wie ich beim Blick auf den Zettel auf meinem Stuhl erahne, der Tanz. Wer auf der Bühne sitzt, wird in einer kurzen Präsentation dem Publikum erklärt – untereinander duzen sich die Gesprächsteilnehmer – dann geht es los.

 

Einen ersten Dialog nehmen die beiden Moderatoren mit Mathilde Monnier auf. „Sagen wir noch zum besseren Verständnis, dass Mathilde Direktorin des Nationalen Choreographie-Zentrums in Montpellier ist“, erläutert die weibliche Moderatorin, die sich selbst nicht vorgestellt hat. „Ja, sagen wir das noch für die einzige Person unter uns, die das nicht weiß“, kommentiert ihr männlicher Moderationspartner und lacht selbstgefällig in sein Mikro. Schon da fällt bei mir die Klappe. Sie verschließt sich beim folgenden gänzlich.

 

Denn wer Monniers Aufführung am Vorabend im Papstpalast nicht angesehen hat, ihr Schaffen nicht kennt – beides ist bei mir der Fall – der bleibt völlig ausgeschlossen von der Diskussion. Zusätzlich bekomme ich den Eindruck, dass der Moderator sich selbst wichtiger nimmt als seine Gesprächspartnerin. Ständiges Unterbrechen, Hinschmeißen von Referenzen, die deutlich machen, was er alles weiß … Nun ja, so muss das wohl sein, wenn man international sein möchte.

 

Ich lese stattdessen lieber ein paar Regale weiter in einem Buch, ein neuer Roman, der – das ist allerdings Zufall – genau diese selbstgefällige Theaterwelt mit ihrem ganzen Gehabe um Kultur, Wissen, Sein und Schein kritisiert (wen es interessiert: Judith Bernard, Qui trop embrasse). Als ich die Fnac verlasse, lausche ich noch einmal in die Diskussion hinein. Jetzt geht es um etwas Konkreteres. Um Tanz-Theater mit Behinderten. Eine nicht behinderte Tänzerin spricht über ihre Erfahrungen. Vielleicht hätte sich mehr Sitzfleisch doch gelohnt.

 

Am Abend zur besten Aperitif-Zeit geht es in eher elitärem Stil weiter:

 

Le contoir des écrits vins, musikalisches Kabarett von Jean-Denis Vivien und Eric Breton.

 

Avignon ist die selbsternannte Hauptstadt der französischen Weinregion Côtes du Rhône. Die Maison des Vins des Côtes du Rhône – Das Haus der Côtes du Rhône Weine – liegt mitten in der historischen Altstadt, in einem ehemaligen Herrenhaus, einem kleinen Palast. In dessen hübschen Innenhof werden während des Off-Festivals Wein mit Kunst vermischt. Drei unterhaltsame musikalische Programme bieten die Côtes du Rhône Vertreter in Verbindung mit einer Probe ihrer Rebsäfte an. Fünf Sänger wurden engagiert, die oft vierstimmig die einzelnen Lieder vortragen. Komponist Eric Breton begleitet sie selbst an der Elektro-Orgel, und Texter und Schauspieler Jean-Denis Vivien moderiert zwischendurch auf nicht immer ganz ernst zu nehmende Weise.

 

So ist es zumindest bei der ersten der drei Veranstaltungen, derjenigen, die ich besuche. Die lokalen Weine in der Geschichte, von den Griechen bis in die Gegenwart, bilden den roten Faden des Rahmenprogramms. Das Publikum sitzt an stilvoll hergerichteten Tischen zu zweit, dritt, viert oder auch zu zehnt, bald schon werden die ersten Gläser serviert. Mal ist es ein Rosé, mal ein Weißwein, die roten lassen nicht lange auf sich warten. Eine bestimmte Ordnung scheint es nicht zu geben.  Schade auch, dass nicht erklärt wird, welche Tropfen wir gerade genießen. Während der guten Stunde des Programms werden immer neue Weine gereicht, die Stimmung ist am Ende dementsprechend ausgelassen. Fast alle Gäste klatschen begeistert mit, als mit Les vignerons des Côtes du Rhône – Die Weinbauern der Côtes du Rhône – der Höhepunkt erreicht ist. Selbst Moderator Vivien gleitet start besäuselt am Weintresen Richtung Boden.

 

So schlimm sind die Auswirkungen bei mir nicht, weshalb ich mich zum kleinen Theater Les Ateliers d’Amphoux begebe, um auf Kabarett eine dramatische Komödie folgen zu lassen.

 

Déposez votre veste…! (Legen Sie Ihre Jacke ab…!), von Véronique Delestaing, gespielt von der Compagnie Comédie du Sud, L’Isle sur la Sorgue (F).

 

Das Thema hört sich interessant an. Im Jahr 2068 ist das Leben auf der Erde fast unmöglich geworden. Sieben Personen wurden gebeten, sich um 21 Uhr auf dem Südbahnhof einzufinden, um ein neues Leben in einem entfernten Paradies zu starten. Die sieben kennen sich nicht, lernen sich aber während der drei Stunden Wartezeit zumindest zum Teil kennen. Natürlich sind sie unterschiedlich, hätten sich im Grunde nichts zu sagen. Was sie miteinander verbindet, ist das gemeinsame Versprechen einer besseren Zukunft.

 

Véronique Delestaing, die selbst mit auf der Bühne steht, hat sich dafür entschieden, das Thema von der lustigen Seite anzugehen. Schwer und bedeutungsvoll ist bei der Aufführung nur die dunkle, getragene Musik, die zwischen den einzelnen Szenen gespielt wird. Ansonsten scheint es, als ob die Autorin Angst vor der eigenen Courage gehabt hätte. Was für Möglichkeiten auf psychologischer Ebene bietet eine Zusammenkunft von so unterschiedlichen Personen wie einer verklemmten Psychiaterin, einem verhinderten Transvestiten, einem zerrütteten Unternehmer-Ehepaar, einer liebesdürstigen Frau, die keine Kinder bekommen kann, einem von der Polizei verfolgten Außenseiter. Dazu in einer solchen Grenzsituation, kurz vor dem Sprung in ein neues Leben, bei dem Zurücklassen aller Dinge, die bislang wichtig waren.

 

Tiefe und Bedeutung hätte das Stück bekommen, wenn man behutsam mit der Thematik umgegangen wäre. Die Personen in ihren Ängsten, Beklemmungen, eigenen Welten hätte ernst genommen. Leider… Ein Außenseiter wie Yvan nennt nicht einfach nett und gefügig seinen Namen, wenn eine aufdringliche Frau im Minikleid ihn nach diesem fragt. Warum sollte er? Menschen bewegen sich nicht die ganze Zeit, sondern bleiben manchmal auch still sitzen, verharren in ihren Positionen, sind gerade in einer Situation wie der gezeichneten nicht immer dazu bereit, jeden teilhaben zu lassen an ihren intimen Gedanken. Wenn der Ehemann seiner Frau eröffnet, dass er sich schon Jahre an ihrer Seite langweilt und für sie dadurch eine Welt zusammenbricht, dann geht es nicht, dass die gleiche Frau eine Minute später wieder in voller Eintracht eingehakt an der Seite ihres Mannes das Treiben der anderen auf dem Bahnsteig kommentiert.

 

Das alles passiert aber auf der Bühne. Das Thema wird verschenkt zugunsten einer lockeren, oberflächlichen Unterhaltung, bei dem die Schauspieler nicht die Möglichkeit haben, ihre Personen zu Charakteren zu entwickeln. Das Spiel, das Sprechen, die Bewegungen wirken aufgesetzt. Bloß nicht ans Eingemachte gehen! Die Szene, wo die Mutter des Transvestiten die Neigung ihres Sohnes erkennt und akzeptiert, wird schnell und husch-husch noch vor dem Endapplaus des Publikums in das Stück gesetzt. Durch nichts vorbereitet. So, als ob man auch ein weiteres heikles Thema noch mal schnell ansprechen, den Konflikt darum aber vermeiden möchte.

 

Gut, dass ich mir vorher noch eine Flasche Wein gekauft habe, die ich jetzt im Angesicht des nächtlichen Papstpalastes köpfe. Gerade huschen noch die letzten Besucher der letzten Vorstellung des In 2008 in die mittelalterlichen Gemäuer hinein. Dann ertönt aus dem Innenhof heraus die Aufforderung, keine Fotos zu schießen. Von der Aufführung höre ich nichts auf dem großen Platz. Dafür ist er von mehreren hundert Menschen belebt. Eine laue Sommernacht in Avignon. Straßenkünstler sind an verschiedenen Ecken des Platzes verteilt, Feuerschlucker, Akrobaten, Musiker. Die Menschenmassen bewegen sich von links nach recht, von recht nach links. Jeweils zu dem Künstler, der gerade in Aktion ist. Die Terrassen der eher edlen Restaurants sind gut gefüllt, meine Weinflasche leert sich langsam. Fast wie von selbst.


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Saturday, 26. july 2008 6 26 /07 /Juli /2008 08:27

Der Tag gehört dem Zirkus. Kurz nach 9 Uhr mache ich mich auf den Weg auf die Ile de la Barthelasse, die kilometerlange Insel inmitten der Rhone zwischen den beiden Städten Avignon und Villeneuve-lez-Avignon. Auf dem dortigen Espace Vincent de Paul hat die Region Midi-Pyrénéens ihre Zirkuszelte aufgeschlagen, zeigt das Können der im französischen Südwesten beheimateten Truppen.

 

Auf dem Außengelände einer großen Sporthalle finde ich einen Campus vor, der den klassischen Vorstellungen des Zirkuslebens entspricht. Drei farblich unterschiedliche Vorführzelte stehen im Halbkreis um ein großes, offenes Zelt, unter dem Bar, Bistro und der Aufenthaltsbereich für Darsteller und Gäste eingerichtet sind. Dahinter schließt sich eine ganze Kolonie von Wohnwagen an, zwischen denen der Tag mit einem gemütlichen Frühstück um kurz vor 10 Uhr beginnt.

 

Die erste Vorführung fängt mit Verspätung an. Eine große Kindergruppe wird noch erwartet. 20 Minuten Verzögerung, die sich aber lohnen. Wie segensreich Kinder für Zirkusnummern sind, beweisen die Kleinen schon nach wenigen Sekunden. Es reicht, dass ein Clown von links hinter dem Vorhang erscheint, um rechts des Vorhangs wieder zu verschwinden, und schon erfüllt Gelächter das Zelt. Ganz zu schweigen von dem Erfolg, den der junge Clown damit hat, langsam auf die Kinder zu zugehen, anzuhalten, abzuwarten, um dann wieder einen Schritt zu machen. Die jungen Gäste lassen ihren Lachmuskeln freien Lauf. Auf meiner Tribüne mit vorwiegend erwachsenem Publikum dagegen: Schweigen.

 

Plateau Cirque, Kurze Zirkusnummern von Nachwuchsartisten.

 

Diese Veranstaltung gibt Nachwuchsartisten die Möglichkeit, während zehn, 15 Minuten eine Zirkusnummer zu präsentieren. Es geht also nicht um Perfektion, sondern darum, eine Visitenkarte des derzeitigen Könnens abzugeben. In der Hoffnung, das Publikum dennoch zu unterhalten und potenzielle Arbeitgeber – Zirkuskompanien oder Programmdirektoren – für sich zu gewinnen.

 

Tatsächlich merkt man den Darbietungen das Unfertige noch an. Vor allem im Vergleich zu den drei Vorführungen, die während des Tages noch kommen sollen. Es handelt sich um klassische Zirkuseinlagen, die sich in ein normales Programm mit abwechselnden Nummern ohne Probleme einreihen ließen. Ohne jedoch die erforderliche Perfektion zu bieten. Ein mittelmäßig lustiger Clown, eine gerade am Höhepunkt ihrer Nummer patzende Akrobatin, ein Jongleur, der mit sieben Bällen die Manege betritt, dann aber doch nur mit dreien ein wenig Zauber verbreitet, ein Akrobatenpaar, das durchaus mit seiner Nummer zu überzeugen weiß, und ein Keulen-Jongleur, dessen interessanter Einstieg dann kaum etwas mit seiner Nummer zu tun hat, füllen die rund 50 Minuten Programm.

 

Nachwuchsartisten vor dem Sprung ins Profi-Geschäft sind durchaus zu mehr fähig. Aber natürlich ist es gut, den jungen Leuten diese Plattform zu bieten. Sie sind auch kein offizieller Programmpunkt, sondern sollen als eine Art Werkstattbericht die Zirkus-Thematik auf dem Campus bereichern.  Der zahlende Zuschauer wird auch nur mit fünf Euro zur Kasse gebeten.

 

Von ganz anderem Kaliber dagegen ist mein nächster Programmpunkt:

 

Lames soeurs (Klingen Schwestern), von Yaëlle Antoine, La compagnie d’Elles, Toulouse.

 

Ist das Zirkus? Eher bei einer Theateraufführung mit akrobatischen Einlagen fühle ich mich in dem 2007 geschriebenen Stück, das auf einer wahren Begebenheit im Frankreich von 1932 beruht. Zwei Schwestern, Louise und Léa, sind Angestellte in dem Haushalt von Madame und Monsieur. Man glaubt zu verstehen, dass sie Töchter einer Prostituierten sind. Man erkennt, dass sie durch eine lesbisch-inzestuösen Liebe aneinander gebunden sind. Man versteht, dass am Tag, als diese Beziehung von Madame entdeckt wird, ein Unheil geschieht.

 

Ein beklemmend mitreißender Psycho-Thriller ist es, den die vier Darstellerinnen der Compagnie d’Elles in gut einer Stunde vor den Augen des Publikums entstehen lassen. Eine Erzählerin – Léa im Jahr 1960 – gibt durch ihren Bericht der Ereignisse vom Februar 1932 den Faden vor, an dem sich die drei anderen Schauspielerinnen entlang hangeln. Der Einfall, Louise als schizophrenes Mädchen in Doppelperson auftreten zu lassen, dazu noch gespielt von den Zwillingen Yaëlle und Sophia Antoine, ist ganz hervorragend gewählt, um die Ebene des Irrationalen darzustellen. Des Unerklärlichen. Des wohl entscheidenden Faktors, der die Morde hat möglich werden lassen.

 

Diese Ebene des Irrationalen wird im Spiel souverän und perfekt dosiert genutzt. Im Hintergrund balanciert Louise zwei auf einem Seil, verrenkt sich in hilfesuchenden Gesten, während Louise eins mit ihrer Schwester vordergründig ganz normal spricht. Das todbringende Messer kann in den Händen von Louise erscheinen, lange bevor der erste Mord vollbracht wird. Fährten werden gelegt, die zur Gräueltat führen. Ein ganz exzellentes Stück. Der lange Publikumsapplaus ist vollkommen gerechtfertigt.

 

Zum Mittagessen und der anschließenden Siesta begebe ich mich wieder auf das linke Rhoneufer. Geplant ist, auch den Rest des Tages hier zu bleiben. Doch im Espace Alya erfahre ich von Direktor Raymond Yana, dass das Internet-TV-Forum, das heute laut Festival-Katalog seine letzte öffentliche Aufnahme 2008 drehen sollte, schon vor mehreren Tagen beendet worden sei. Es ist kurz nach 16 Uhr. Früh genug, um wieder auf die Ile de la Barthelasse zu zwei weiteren Zirkusvorstellungen zu gehen.

 

Les jardins ordinaires (Die alltäglichen Gärten), Eigenkreation der Compagnie Vent d’Autan, Auch (F).

 

Ein Mann schiebt einen hölzernen Tisch auf die Bühne. Im Nacken trägt er einen niedrigen Holzhocker. Ein Seil hat er bei sich, ein Beret auf dem Kopf. Voilà die Zutaten, die für 55 Minuten Vorführung reichen. Was man mit akrobatischer Fertigkeit alles mit diesen Materialien anstellen kann, zeigt Rémy Balagué auf eindrucksvolle Weise.

 

Allerdings muss man ein Verständnis dafür mitbringen, was es heißt, einen ganz normalen Tisch auf einer Hand oder auf seinen Füßen zu balancieren. Handstand und alle möglichen Verrenkungen an der Tischkante zu machen. Den Tisch in der Schräglage zu halten und gleichzeitig so zu tun, als ob man auf ihm bergauf gehen würde. Es sieht so leicht aus, was auf der Bühne geschieht. Und bedarf doch unendlich viel Übung, Training und Kraft.

 

Trotzdem fühle ich mich nicht gut unterhalten. Der Funke von der Bühne springt nicht über. Zwar sind die Alltagsszenen hier und da zu erkennen, die der Pressetext verspricht – ein kleiner Junge in der Schule, eine Bergwanderung, ein Bettler in der Straße – aber die stumm gespielten Szenen ergreifen mich nicht. Einem Teil des Publikums scheint es ähnlich zu gehen. An den Reaktionen nach dem Stück merke ich aber auch, das die Empfänglichkeiten für diese Art der künstlerischen Darbietung durchaus unterschiedlich sind. Mehrere Zuschauer unterhalten sich noch mit Kompanie-Mitgliedern oder schreiben ihre Begeisterung in das Goldene Buch der Truppe. 

 

In sommerlicher Gartenatmosphäre verbringe ich die Zeit zwischen den beiden Aufführungen am Rande des großen offenen Zirkuszeltes, das als Bar und Aufenthaltsort genutzt wird. Ohne Bestellzwang lasse ich die Zeit verrinnen, um dann

 

Cirque sans noms, Eigenkreation des Cirque sans noms, Toulouse

 

anzuschauen. Die erste Vorstellung, die man in Deutschland mit dem Namen Zirkus in Verbindung bringen würde. Aber auch hier ist alles anders. Die Bühnenatmosphäre führt die Zuschauer in eine liebevoll eingerichtete Scheunen- oder Dachstuhl-Umgebung, die über Utensilien, Gewänder und Musik den nostalgischen Hauch der 50er-, 60er-Jahre versprüht. Die Scheinwerfer am Bühnenrand sind in großen Blechdosen versteckt. Oder wahlweise in einer Holzkiste. Hoch oben unter dem Zeltdach hängt ein Halbmond in der Horizontalen und scheint zu schlafen.

 

Meist stehen drei der vier Künstler auf der Bühne, verbreiten mit ihrem Auftritt schnell gute Laune. Clowneske Naivität in Gestik und Mimik paar sich mit akrobatischer und musikalischer Fertigkeit. Ständig nehmen sie sich selbst nicht ernst, ihr Genre, den Zirkus. Um dann doch plötzlich und fast wie nebenbei mit ihrem Können zu beeindrucken.

 

Entscheidend zum Gelingen des Gesamtkonzepts tragen die vielen Einfälle für Details bei, die das Spektakel zu einem Erlebnis machen. Hier einkomplettes Mini-Schlagzeug zum Umhängen, da ein Propeller auf der Kopfhaube. Wenn der Riese ohne Haupt mit einem Leierwagen seine Runde über die Bühne dreht, dann geht schon mal ein Rad verloren. Und schafft der Kumpel den Salto nicht, dann schafft es an seiner Stelle der kleine, aufziehbare Spielzeugstoffhund.

 

Nicht Glitzer und Glamour sorgen also bei dieser ohne Worte auskommenden Darbietung für die Show, sondern der stille und hintergründige Humor, mit dem die Künstler ihre Nummern spicken.

 

Lang anhaltender Applaus von den zahlreichen großen und kleinen Zuschauern am Ende ist der Lohn.

 

Auf dem Rückweg in die Papststadt treffe ich auf der Rhonebrücke Bruno vom Kafteur. Für den Straßburger Schauspieler neigt sich der Tag ebenfalls seinem Ende entgegen. Seine Truppe hat ein Haus auf der anderen Flussseite gemietet hat, gleich soll es Abendessen geben. Wir tauschen ein paar Belanglosigkeiten aus, dann gehen wir beide unseren jeweiligen Feierabenden entgegen.


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Über diesen Blog

  • : Der Blog avignon-festival-off-08 berichtet in Tagebuchform über das Off-Theater-Festival 2008 von Avignon (10.Juli-2.August). Erlebnisse und Atmosphären der einzelnen Tage werden verbunden mit Kurzkritiken der angeschauten Aufführungen. Der Autor Kay Wagner ist freier Journalist und arbeitet zurzeit hauptsächlich in Brüssel.
  • : Theater 2008 Festival Avignon Off kultur
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