Der 21. Tag oder: Alfred de Musset im Dreierpack

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Seit dem Ende des In ist die Atmosphäre irgendwie entspannter, aber auch alltäglicher geworden. Der aufregende Reiz des dichten Festivals ist verschwunden. Fast schon vergessen ist, dass das In an seinem Anfang ohne das Off mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatte. Christophe Galent weist für die Off-Veranstalter noch mal auf diesen Umstand hin bei dem offenen Treffen für die Gruppen, die sich über ihre Erfahrungen beim Off austauschen, weiterführende Informationen von den Organisatoren erhalten möchten. „Diese Zeitverschiebung nützt keinem von uns“, sagt Galent.

 

Und betont, dass es die Entscheidung des In war, nicht die gleichen Termine anzunehmen wie das Off. „Wir hatten unsere Festivaldaten im September bekannt gegeben, das In im Januar“, so Galent. Hätte das Off zur gleichen Zeit wie das In beginnen wollen – wie das sonst der Fall ist – hätten rund 140 Kompanien an den ersten Festivaltagen nicht spielen können. Ihre Aufführungsstätten liegen in Schulgebäuden. Und die waren am 4. Juli noch nicht besetzt.

 

Doch das Thema im Innenhof des Hôtel de la Monnaie ist heute Vormittag ein anderes. Die Kompanien sollen darüber informiert werden, was für die Planung einer erfolgreichen Off-Teilnahme sinnvoll ist. Auswahl der Spielstätte: sehr wichtig. Weil viele Spielstätten mit ihren Programmen für eine bestimmte Art von Theater stehen, die Programmdirektoren das wissen und eventuell nicht kommen, weil man auf der falschen Bühne spielt. Kontaktaufnahme mit den Programmdirektoren: auswählen. Nur rund 30 richtig im Vorfeld beackern mit Telefonanrufen, ausführlichen Pressedossiers. Unterkunft mieten: sollte im Januar schon geschehen sein. Anreise: auf jeden Fall eine Woche vor der ersten Aufführung. Um schon bei der allerersten Aufführung Höchstleistung ohne Pannen zu bieten. Denn vielleicht sitzt ja schon jetzt der Programmdirektor im Saal, auf den man seine größten Hoffnungen setzt.

 

Mit Tunnelblick gehe ich in die Gerberstraße zurück, um nicht von den Flyer-Verteilern bombardiert zu werden. Kurz vor meiner Haustür insistiert jedoch einer von ihnen. „Alors, Monsieur!“ Ich blicke auf und schaue in das strahlende Gesicht von Laurent Deville, einer der beiden Schauspieler des „Kino“-Stücks „On ne peut pas tout embrasser“. Wir unterhalten uns etwas – ja, die Woche sei flau. Nach dem Festival geht es für ihn direkt weiter. Vorbereitung für das große Straßen-Theater-Festival in Aurillac noch im August. Danach beginnen die Proben für das nächste Stück in Toulouse, Premiere November. Verschnaufpause? Scheint nicht drin zu sein.

 

In den Theatersälen konzentriere ich mich heute auf einen einzigen Autor: den französischen Romantiker Alfred de Musset (1810-1857). Von einer ganzen Reihe von Theaterschriftstellern werden gleich mehrere Stücke im Off geboten. Albert Camus, Manuel Pratt, Eugène Ionesco, Dario Fo… Molière wird am meisten gespielt. Gleich 13 Kompanien setzen sich dieses Jahr in irgendeiner Weise mit seinem Werk auseinander. Musset habe ich mir deshalb gewählt, weil ich mich im Studium mit ihm beschäftigt, ein Stück von ihm selbst inszeniert hatte und mich die Frage umtreibt, wie die Off-Truppen diesen Autor auf die Bühne bringen.

 

Denn die meisten Theaterwerke von Musset gelten als schwer spielbar. Der Autor hat sie meistens nicht für die Bühne, sondern für die reine Lektüre geschrieben. Die Stücke zeichnen sich oft durch viele Orte, viele Personen, verschiedene Zeiten aus und entsprachen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht den damals geltenden Regeln für ein vernünftiges Theaterstück.

 

On ne badine pas avec l’amour (Man spielt nicht mit der Liebe), von Alfred de Musset, La Troupe Nature, Le Bouscat (F).

 

Es ist das Stück, das ich selbst im Jahr 2000 mit einer studentischen Amateur-Gruppe in Bamberg nach eigener Bearbeitung aufgeführt habe. Deshalb bin ich besonders neugierig, wie die jungen Schauspieler der Troupe Nature mit dem Text umgehen. Ich merke, wie sehr ich die Siesta-Zeit vergesse, gar nicht müde werde und gespannt dem Geschehen zuschaue, das mir doch so bekannt ist. Hier und da Textpassagen wieder erkenne, sogar gleiche Ideen auf der Bühne umgesetzt findet.

 

Perdican, der Sohn des Barons, kehrt nach seiner Studienzeit in Paris als Doktor in seine Heimat zurück. Sein Vater hat alles arrangiert, damit er seine Cousine und Jugendliebe Camille heiraten kann. Auch Perdican möchte diese Verbindung. Nur Camille weigert sich. Unter dem Einfluss der Nonnen, wo sie ihre Erziehung genossen hat, hat sie sich dazu entschlossen, den Schmerzen und Enttäuschungen der weltlichen Liebe zu entsagen und ihr Leben im Kloster zu verbringen. Doch so einfach gibt sich Perdican nicht geschlagen…

 

Textgetreu im Wortlaut spielen die jungen Leute das Stück auf einer fast immer gleich bleibenden Bühne, dessen einziges bewegliches Element ein großer Sarg ist. Sie teilen die Figuren in zwei Gruppen: die Hauptdarsteller des Liebes-Konflikts, die „junge Generation“ auf der einen, die anderen Figuren, die „ältere Generation“, auf der anderen Seite. Letztere Gruppe treibt die Handlung voran und bringt die erfrischende Lockerheit in die Aufführung, die den ausgleichenden Kontrast zu den ernsten, ruhigen, textlastigen Passagen um den Liebeskonflikt bietet. Ein fetziger Karneval, ein nevrosierter Baron, ein trinkfreudiger Erzieher. Ein paar moderne Elemente – die Tanzmusik beim Karneval zum Beispiel – in einer sonst eher klassisch gehaltenen Atmosphäre. Mir gefällt das alles sehr gut. Die Truppe ist der Kitsch-Falle entgangen, legt ein gut rhythmisiertes Stück hin, das unterhält, ohne den Ernst des Kernkonfliktes zu vernachlässigen.

 

Musset Nummer zwei findet in dem Fabrik’Theater statt, dort, wo auch das hervorragende Stück der Südkoreaner gezeigt wird:

 

Andrea del Sarto, von Alfred de Musset, Compagnie Les Désaxés Théâtre, Meyzieu (F).

 

Ich kenne das Stück nicht, die Voraussetzungen sind anders als heute Mittag. Die breite Bühne lässt Gestaltungsraum für ein größeres Bühnenbild, das von zwei riesigen Gemälden des Florentinischen Renaissance-Malers Andrea del Sarto bestimmt wird. Eine Videoleinwand hängt über dem linken Teil der Bühne, die dort in den Spielpausen gezeigten Bilder von Wäldern, Gesichtern, manchmal lachend, manchmal blutend, Nahaufnahmen von Zärtlichkeiten, Figuren der Bühnenhandlung, bleiben mir unerklärlich. Sollen womöglich den Konflikt, das Zusammenbrechen der Welt und Werte von Andrea del Sarto verdeutlichen, dessen letzter Lebenstag in Mussets Stück nachgezeichnet wird.

 

Erneut dreht sich der Hauptkonflikt um Werte wie Freundschaft, Liebe, Ehre. Alles geht del Sarto innerhalb von 24 Stunden verloren. Das ihm vom französischen König zum Kauf von Gemälden anvertraute Geld hat er veruntreut, seine Frau Lucrèce und sein Freund Cordiani lieben sich, die Kunstwelt entwickelt sich weiter, und Andrea del Sarto kann dem allem nicht folgen, geht an diesen Niederlagen zugrunde.

 

Auch hier bleibt die Inszenierung in einer vergangenen Welt, der Plattenspieler aus den 50er Jahren unterstreicht den antiquitierten Anstrich der Aufführung. Habe ich zu Beginn Schwierigkeiten, in den zunächst langsamen Rhythmus des Spiels hineinzukommen, gewinnt alles mit der Zeit an Fahrt parallel zum Aufblühen von del Sarto Darsteller François Tantot. Je verzweifelter seine Figur sein muss, je besser wird er und desto mehr lasse ich mich von dem Geschehen auf der Bühne fesseln  Durch seine Dynamik immer tragend auch Lionel Armand als Lionel, Guillaume Kervevan hervorragend als verschmitzter Grémio.

 

Es ist schon dunkel draußen, als ich von außerhalb der Stadtmauern einmal quer durch die Innenstadt bis fast an die Rhône laufe, um mich in die Warteschlange für meinen letzten Musset für heute zu stellen:

 

Lorenzaccio, von Alfred de Musset, OV Productions, Avignon.

 

Wohl das bekannteste Werk des französischen Romantikers. Lange Zeit ungespielt, weil zu kompliziert. Bis 1952 beim Festival in Avignon eine Inszenierung gefunden wurde, die zu einem Riesen-Erfolg in Paris wurde. Der Regisseur des Lorenzaccio 2008, Antoine Bouseiller, zeichnet die Geschichte des Stückes vor der Aufführung nach. Ein erfahrener Regisseur ist der alte Mann und hat mit seiner jungen Truppe eine zeitgenössische Inszenierung einstudiert. Hilfreich dafür sind die Raumverhältnisse. Das ganze Théâtre du Vent, in dem ich „On ne badine pas…“ angesehen habe, würde sicher zweimal auf die große Werkstattbühne des Théâtre de l’Oulle passen, auf dem Lorenzaccio geboten wird.

 

Wieder ist der Handlungsort Florenz, in dem Herzog Alexander wie ein Tyrann über die Republik regiert. An seiner Seite: Lorenzaccio. Doch der ist ein Wolf im Schafspelz, korrumpiert sein eigenes Leben für einen in seinen Augen hehren Wert: den Tyrannenmord. Mit elf Schauspielern, die zum Teil unterschiedliche Rollen ausfüllen, geht Bouseiller das Stück an. Die meisten Männer sind in weiß gekleidet, geben der Aufführung eine sterile, geleckte Atmosphäre. Und setzen es gleichzeitig außerhalb von Zeit und Raum. Vielleicht ist es auch diese große, weite Bühne. Sie hat ihren unleugbaren Reiz. Aber durch sie bleibt das Spiel auch distanziert. Auf jeden Fall ergreift es mich nicht. Unverkennbar ist die Professionalität der Darsteller. Aber eine Glaubwürdigkeit bringen sie zu mir nicht rüber. Ich nehme nicht wirklich teil am Geschehen auf der Bühne.

 

Immerhin der einzige Versuch, Musset durch die Inszenierung aus einem klar definierten Vergangenheitsbild zu holen, sage ich mir auf dem Nachhauseweg. Obwohl: Eine wirkliche Modernisierung bietet dieser Lorzenzaccio auch nicht. Oder besser: Was heißt es, einen Klassiker zu modernisieren? Weiße Hemden und Hosen und der Verzicht auf ein Bühnenbild reichen zumindest nicht aus. Warum überhaupt noch Klassiker heute spielen? Worin liegt der Sinn – außer, ein kulturelles Erbe zu pflegen?

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