Der 20. Tag oder: Entdeckungsreise nach Taiwan
Taiwan ist mit fünf Truppen beim Festival vertreten – und ähnlich wie mit Japan nehme ich mir für heute eine Entdeckungsreise in diese für mich fremde Theaterkultur vor. Beim Blick in den Festival-Katalog stoße ich jedoch auf eine nicht unerhebliche Schwierigkeit: Alle fünf Stücke interessieren mich. Aber um die Mittagszeit und abends gegen 22 Uhr finden jeweils zwei Aufführungen fast parallel statt. Alle fünf an einem Tag sind also nicht drin. Schweren Herzens treffe ich eine Auswahl zugunsten der verschiedenen Stile. Der Mix aus Clown, Theater und Tanztheater ist vom Papier her breiter als drei Theaterstücke. Obwohl… Aber gut, ich bleibe bei der Auswahl, vertröste mich auf die verbleibenden Festival-Tage, um mir dann vielleicht das Stück über eine Journalistin, die sich angeblich in einem Fluss der Erinnerung verlieren wird, und den „Flambierten Reis“, dessen hübsches Plakat einfach schon neugierig auf die Aufführung macht, anzuschauen.
Bei drückend-schwüler Hochsommerhitze begebe ich mich also gegen kurz nach 12 Uhr in das Viertel zwischen Place de l’Horloge und der berühmten Brücke von Avignon. Von der den Verlauf der ehemaligen, hochmittelalterlichen Stadtmauer nachzeichnenden Rue Joseph Vernet biege ich links in einen Toreingang ab, der zu einer schmalen Gasse führt, der Rue Plaisance. Über Kopfhöhe hängen dort bunte, wohl tibetische Gebetsfähnchen, fernöstliche Atmosphäre empfängt den Besucher.
Es ist das zweite Mal nach 2007, dass der Taiwanesische Nationalrat für kulturelle Angelegenheiten Kompanien bei ihrem Auftritt in Avignon unterstützt. Dieses Jahr sind alle fünf Truppen in dem Théâtre Le Funambule unweit der Stadtmauern konzentriert. Sehr freundlich ist die Begrüßung der Taiwanesen an der Kasse, mit Französisch oder Englisch ist eine Verständigung möglich.
Dîner pour un Couvert (Abendessen für eine Person), Eigenkreation von Ma Chao-Chi, Théâtre de la Sardine, Taipeh.
Einen sympathischen Clown lernt der Zuschauer in der knappen Stunde dieses Spektakels kennen. Ein weiblicher Clown wohlgemerkt, vielleicht um die 30 Jahre alt. Voll bepackt mit Einkaufstaschen bahnt sie sich ihren Weg durch die nur sehr spärlich besetzten Zuschauerreichen, um ihr Zuhause auf der Bühne zu erreichen. Dort durchlebt sie ihren Abend, ihre Nacht, und verlässt erst wieder am Morgen das helle Scheinwerferlicht, als irgendeine Beschäftigung sie außer Hause verlangt.
Ma Chao-Chi entwickelt schnell einen reizvollen Charme, ohne jedoch mit ihrem Spiel zum lauten Lachen zu verführen. Sie stellt das Leben einer Single-Frau zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor, die sich gerne sieben Mal ihr Lieblingsfertiggericht im Supermarkt kauft, von einer Karriere als berühmte Schauspielerin, einer Reise in die Südsee, der großen Liebe träumt. Es sich im Sessel vor dem Fernseher bequem macht, sich bei den kurzzeitig aufflackernden Sorgen um ihre Linie ein paar Minuten den elektronischen Massagegürtel umschnallt, um bald darauf wieder genüsslich Chips zu verzehren. Ihre gute Laune verliert sie dabei nie wirklich, und wahrscheinlich ist es das, was sie eben so sympathisch macht.
Einmal singt sie ein Lied, bleibt aber sonst stumm, überlässt Gestik und Mimik die Aufgabe, alles zu sagen, was sie mitzuteilen hat. Keyboard- und Saxophon begleiten zwischendurch musikalisch die Szenen.
Beim Hinausgehen habe ich ein wenig Mitleid mit der Darstellerin. Denn mir hat es tatsächlich gut gefallen, ich fand es angenehm, ihr zuzuschauen. Allerdings hat sie das Publikum nicht zum Lachen gebracht. Nicht so, dass sie es auf der Bühne gehört hätte. Und misst ein Clown den Erfolg seiner Darbietung nicht gerade an den Lachern, den er erzeugt? Ich weiß es nicht, kenne zu wenige Clown-Vorführungen, weil mich das Genre grundsätzlich nicht sehr reizt. Und da ist es schon ein gutes Zeichen, wenn ich mich gut unterhalten gefühlt habe.
Bis zur nächsten Vorführung bleibt die Zeit für ein Baguette mit Olivenöl und Tomaten, ein Stündchen Mittagsruhe in der Gerberstraße, dann mache ich mich wieder auf den Weg einmal quer durch das Herz der Innenstadt zur Taiwanesischen Kulturinsel im Funambule.
Bardo Todel, von Li-Tsuei Sun, Shang Orientheatre, Taipeh.
Ein langsames und meist ruhiges Stück ist die Eigenkreation der 2000 gegründeten Truppe aus Taiwan, die bereits zum vierten Mal am Off teilnimmt. Der tibetanische Buddhismus steht Pate bei Inhalt und Form, lehrt die Presse-Mappe. „Das Totenbuch der Tibeter eröffnet eine hervorragende Möglichkeit, sich Gedanken über die Verwandlung zu machen.“ Eingeladen wird zu einer Reise in acht Etappen. Von dem Besuch der Gräber über verschiedene Stadien des Abschiednehmens vom eigenen Leben bis hin zur Wiedergeburt und dem Abschluss des Zyklus von Leben und Tod.
Eine einzige Schauspielerin, die Kompanie-Gründerin Li-Tsuei Su selbst, setzt auf der Bühne diese Reise in Bewegungen und Bilder um. Sie bleibt dabei meist stumm, singt nur selten getragen langsame Strophen von wahrscheinlich zeremoniellen Liedern. Zwei Musiker, die am Rande der Bühne Platz nehmen, begleiten sie mit Instrumenten aus der asiatischen Kultur. Oft eintöniges Schlagen, Zupfen, dumpfes Blasen.
Das ganze ist für westliche Augen eine Entdeckungsreise mit Masken, Puppen, verschiedenen Gewändern, wenig Licht. Eine Entdeckungsreise ins Totenreich, die buddhistische Tradition, in das Theater einer anderen Kultur. Einiges wird man verstehen – das Häuten der Person, die Angst vor neuen Masken, die Verlockung, Gewänder anzunehmen, die einem nicht passen – anderes wird für den nicht Eingeweihten unverstanden bleiben.
Ein stilles, unaufgeregtes Stück mit bedeutungsvollem Inhalt, das seinen Zauber aber nicht auf einfache Weise entwickelt.
Ein drittes Mal mache ich mich am vorgerückten Abend auf den Weg einmal quer durch die Stadt. Bei matter Müdigkeit habe ich zwar wenig Lust, aber Programm ist Programm. Zehn Minuten später biege ich in die schmale Gasse des Théâtre Le Funambule. Viele Zuschauer erwarte ich um diese Uhrzeit – 22 Uhr – nicht. Einmal wegen der Zeit, aber auch wegen des Stücks und der Werbung dafür: Das Plakat für die von mir ausgewählte Tanzdarbietung ist schwarz-weiß gehalten, etwas kleiner als die anderen des Off und sieht so aus, als ob es durch den Kopierer erzeugt wurde. Dennoch sind wir vielleicht 15 Personen, die wir uns für das Stück mit dem befremdlichen Titel entschieden haben:
CH3CCI3, Eigenkreation von Sun Chuo-Tai, 8213 Physical Dance Theater, Taipeh.
Zeitgenössischer Tanz soll mit Theater verbunden werden – so lautet die Philosophie der jungen Truppe aus Taipei. Ihre Kreation CH3CCI3 basiert entfernt auf einem Klassiker des alten chinesischen Tanztheaters, dem „Shan Hai Jing“, wie in den Informationsblättern steht, die ich an der Kasse erhalte. Weiter wird erklärt, dass CH3CCI3 die chemische Formel für ein vom Mensch erzeugte, giftige Substanz sei. Die Absicht des Stücks sei es zu zeigen, wie moderne Lebensart und zwischenmenschliche Beziehungen miteinander funktionieren. Außerdem will es auf die Gefahren von umweltfeindlichen Substanzen als Zerstörer unserer Lebenswelt hinweisen.
Zu sehen ist dann ein Mix aus verschiedenen Theater- und Tanztraditionen. Moderne Avant-Garde Elektromusik, absurdes Theater, zeitgenössische Poesie. Beim Betreten des Saals steht auf der Bühne bereits eine dezent asiatisch gekleidete junge Frau, die jeden Gast mit einer tiefen Verbeugung empfängt. Erst als das Stück beginnt und die Frau weiter auf der Bühne bleibt, weiter mechanisch ihre Verbeugung und ihr breites, aufgesetztes Lächeln produziert, merkt man, dass sie schon Teil der Aufführung ist. Bald sind aus Verbeugung und Lächeln schnell aufeinander folgende Verrenkungen geworden. Ein wildes Kratzen am ganzen Körper, der durch innere oder äußere Schläge malträtiert zu werden scheint, ausgenutzt, wehrlos. Andeutung sexueller Handlungen. Um am Ende wieder in die anfängliche Begrüßungsposition zu gelangen. Höfliche Verbeugung, freundliches Lächeln.
Die Grundausrichtung des Stücks ist dagegen langsamer. Auf den atemberaubenden Beginn folgen viele ruhige Szenen der drei weiblichen und des einen männlichen Tänzers. Im Hintergrund taucht ab und zu ein Glaskugel-Künstler auf, der das durchsichtige Objekt bedeutungsvoll auf seinen Händen und Armen balanciert. Szenen einer Ehe, ein Gedicht im Regen, das Gießen einer Pflanze. Eine Hand im Fischbecken, dessen Wasser sich am Ende der Szene rot färbt… Auszüge einer Aufführung, die am Ende wieder erneut diese wilden Zuckungen erzeugt, diesmal mit allen vier Tänzern auf der Bühne, die viel von dem Chaos ausdrücken, das sich der Mensch mit dem Leben in der von ihm geschaffenen modernen Welt selbst erzeugt. Körperliche, vor allem seelische Zerrissenheit.
Überraschend stelle ich auf dem Weg in die Gerberstraße fest, dass mich die Aufführung mehr beschäftigt, als ich während des Stücks den Eindruck hatte. Und so schreite ich eher wie ein Fremdkörper durch die in das warme orangefarbige Licht der Straßenbeleuchtung getauchte Innenstadt, die gegen 23 Uhr noch sehr belebt ist. Wo Musik ertönt, die Eisdielen immer noch guten Absatz haben, die Leute in sommerlicher Festival- oder Ferien-Flanierlaune zu sein scheinen.