Der letzte Festivaltag

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„Entgegen all den Gerüchten, die im Umlauf sind, kann man sagen, dass das Off 2008 ein großer Erfolg ist.“ Lautes Lachen, einige Buhrufe – die Bilanz-Pressekonferenz des Off-Veranstalters Avignon Festival & Compagnies hat begonnen. Viele der Anwesenden in dem überfüllten Innenhof des Hôtel de la Monnaie sind absolut nicht einverstanden mit den Eingangsworten von AFC-Präsident André Benedetto. Zwei Stunden lang wird heftig, manchmal giftig diskutiert. Schädlich sei die zeitliche Verschiebung zum In gewesen, der finanzielle Verlust sei für viele Truppen ganz schwer zu verkraften, AFC solle zu seinen Fehlern stehen. Die auf dem Podium platzierte Vereinsspitze erklärt, weist zurück, rechtfertigt sich.

 

Am Ende beschließt Benedetto die Veranstaltung mit einem Paukenschlag: Er werde als Präsident der Vereinigung der Theater von Avignon zurücktreten. Zu unpassend fand er wohl die Angriffe des Direktors des Theaters Chêne Noir, Gérard Gélas, auf den AFC – von dem Gélas übrigens selbst Mitglied ist. Präsident des AFC will Benedetto dagegen bleiben.

 

Außer dem Streit werden auch Zahlen geliefert, und zumindest diese geben Benedetto Recht, wenn man den Erfolg eines Festivals an seinem Wachstum ablesen möchte: 957 Stücke gegenüber 756 im Vorjahr, 818 Kompanien (2007: 756). 28802 Festival-Pässe, die einen reduzierten Eintrittspreis ermöglichen, wurden bis zum 31. Juli verkauft (2007: 27484). Wie viele Zuschauer die Aufführungen sahen, kann noch nicht gesagt werden. Hierfür müssen die Einzelbilanzen der einzelnen Theater abgewartet werden. Als Gerücht läuft in Off-Kreisen die Einschätzung, dass hier Einbußen verkraftet werden müssen.

 

„Ein letztes Mal!“ Zufällig laufe ich Mathieu und seinen Mitstreitern der Truppe L’art dans tous ses états über den Weg. Sie stehen vor dem Pittchoun Theater, es ist kurz nach 11 Uhr. Yoan hat seine Gitarre umhängen, Marie ihre gute Laune wieder dabei, Cédric sitzt noch ein wenig mutlos auf ein paar Stufen, Mathieu selbst trägt weiter tapfer das Werbeplakat für sein Stück „Amers“ hoch. „Viele Truppen sind schon abgereist und haben einfach die Zelte nach den ersten schlechten Tagen der letzten Woche abgebrochen“, sagt der Jungschauspieler. Den großen Durchbruch kann er mir immer noch nicht vermelden. Kontakte zu Programmdirektoren ja, aber nichts Konkretes. Die Lokalpresse, sie ist nie gekommen.

 

„Jetzt müssen wir uns im September an die Telefone hängen, nachhaken bei den Leuten, die sich für uns interessiert haben“, sagt Mathieu mit seinem anscheinend nie versiegenden Lächeln auf dem Gesicht. Gestern hätten sie Kumpels und Festival-Freunde zu ihrer Aufführung eingeladen, das Theater sei voll gewesen. Und heute? Achselzucken. Und dann geht es ein letztes Mal los durch die Straßen, ein kleiner Werbe-Umzug mit ihrem Lied, Vorstellung um fünf nach zwölf, und eine Stunde später: Schluss. Sachen packen, zurück nach Paris. Hoffen, nachhaken, und weiterarbeiten an anderen Projekten. Die Theaterleidenschaft als Antriebskraft für eine unbekannte Zukunft. „Je prends le large, large, large / Et puis je rame, rame rame / …“ (Ich fahre raus, raus, raus / Und ruder, ruder, ruder). Der Refrain tönt ein letztes Mal an meine Ohren.

 

Als Abschlussstücke meines persönlichen Off habe ich mir die beiden Taiwanesen aufgehoben, die ich an meinem Taiwan-Tag aufgrund der Parallel-Vorführungen nicht habe sehen können. Die Flyer-Verteiler auf dem Weg zum Théâtre Le Funambule sind deutlich weniger geworden – klar: Jetzt Werbung zu machen lohnt sich nur noch für Stücke am Nachmittag und Abend.

 

L’adieu de l’ombre (Der Abschied des Schattens), von Chiao Chung, Assignement Theatre, Taipeh.

 

Irgendwie passt die Beschreibung im Off-Katalog lediglich in Bruchteilen zu dem, was ich auf der Bühne sehe. Ob die Vorführung nur die auf 75 Minuten, für Avignon reduzierte Fassung eines längeren Stücks ist? Zwei Musiker sitzen am Bühnenrand, eine alte, gebückte Frau (sehr glaubhaft gespielt von einer jungen Schauspielerin), tappelt langsam und zitternd in den Saal, schaut einzelne Zuschauer in der ersten, zweiten Reihe an, reicht ihnen langsam die Hand, schaut ihnen eindringlich, flehend in die Augen. Verzweiflung pur in Gestik gepackt. Ein starker Auftakt zu einer Vorführung, in dem sich solche intimen, ergreifenden Momente mit dynamischem Tanz zu mitreißender Musik abwechseln. Bewegungstheater mit Sprechpassagen, Lieder mit Stille. Ein heterogener Mix in traditionellen Gewändern.

 

Erzählt wird die Geschichte der irrenden Seele von Liu Chin. In einem Erdbeben 2008 soll sie ihr Leben verloren haben. Ihre Seele trifft auf Schamanen, die sie mit Ausschnitten aus ihrem Leben konfrontieren. Bis zu ihrer Geburt im Jahr 1950 führt diese Reise. Liu Chin hat die Möglichkeit, Etappen ihres Lebens zu verstehen, ihren Frieden zu machen mit dem Tod ihrer Mutter, dem politischen Schicksal ihres Vaters, der sie zur Waisen werden ließ. Versöhnt mit der Vergangenheit kann ihre Seele zur Ruhe gelangen.

 

Emotional packendes Theater aus Fernost zeigen die fünf Schauspieler auf der Bühne. Zwischendurch entstehen ganz großartige, zauberhafte Momente. In der Szene, wo die Zuschauer Blumen auf die Bühne stellen sollen, die ihnen beim Kauf der Karte ausgehändigt wurden, wird es jedoch unnötiger Weise kitschig. Die Motivation zu dieser Teilnahme ist aus der Luft gegriffen, wird nicht vorbereitet, bleibt eine einzelne Handlung. Auch ohne diese Geste versteht man, dass die Aussage des Stücks uns alle betrifft.

 

Rührende Szenen dann am Ende, als die Vorführung, als Avignon 2008 für die Truppe zu Ende ist. Langer, ganz lang anhaltender Applaus von den vielleicht 40 Zuschauern, vor allem gestützt von dem guten Dutzend Taiwanesen, die im oberen Teil der Zuschauerränge mit Bravo-Rufen noch eins draufsetzen. Einer der Schauspieler macht die zwei, drei Schritte auf die ersten Zuschauer zu, reicht ihnen die Hand, strahlt über das ganze Gesicht. „Merci! Merci!“ Als der Beifall endlich verstummt, fallen sich die Schauspieler selbst in die Arme. Lachende Gesichter, von Anspannung befreite Körper.

 

Ein letzter Nachmittagsspaziergang durch die Festivalstraßen. Gewöhnliche Samstagsbummler und Sommerurlauber mischen sich unter die Festivalbesucher. Das langsam auslaufende Festival lässt Melancholie aufkommen.

 

Um kurz nach 18 Uhr sehe ich mir im Programm-Kino Utopia den Film „Le bruit des gens autour“ (Der Lärm der anderen Leute) an. Er spielt während des Festivals von Avignon, wurde im vergangenen September hier gedreht. Für einen Drehabend konnte ich eine Statistenrolle erwerben – und tatsächlich entdecke ich mich tanzend auf der Leinwand. Ansonsten enttäuscht der Film eher. Auch bei den Bewohnern von Avignon, die doch immerhin ihre Stadt und ihre Festival im Kino gezeigt bekommen, scheint der Streifen kein Renner geworden zu sein. Der Zuschauerzuspruch gleicht dem eines schlecht laufenden Off-Stücks.

 

Und dann noch einmal in die kleine Gasse zu den Taiwanesen. Die Dame an der Kasse erkennt mich wieder, freut sich, bietet meiner Gastgeberin Océane, die ich zu dieser Vorstellung einlade, von sich aus einen Künstlertarif an.

 

Riz Flambé (Flambierter Reis), von Craig Quintero, Riverbed Theatre, Taipeh.

 

Es ist das Stück mit dem schönen Plakat, und in eine schöne, zauberhafte Welt entführen die fünf Schauspielerinnen tatsächlich den Besucher. Aber eine zauberhafte Welt, die verschlüsselt bleibt. Unverständlich. Surrealistisch, wie es der kurze Pressetext nennt. Nur in Zeitlupentempo bewegen sich die Frauen auf der Bühne. Die ganze Vorführung basiert auf dieser Langsamkeit der Gesten. Die Bewegungen und Szenen werden dadurch bedeutungsschwanger, ohne dass sie sich eindeutig entschlüsseln ließen.

 

Eine Frau in einem gelben Kleid betritt die Bühne, geht auf die als Tisch dienende Holzkiste zu, setzt sich auf den halb zerfallenen Holzstuhl. Aus der Papiertüte zieht sie einzelne Blätter, auf deren Rückseite, für den Zuschauer gut lesbar, steht: „Erinnerst du dich an alles?“ Dann stülpt sich die Frau die Tüte über den Kopf, eine andere Frau betritt die Bühne, stellt sich hinter die sitzende Frau, pult ihren Finger von oben in die Tüte, in die Fontanelle der Sitzenden, und zieht die Finger wieder hinaus. Sie sind jetzt mit blauer Farbe beschmiert.

 

Und so rätselhaft geht es weiter. Eine zusammenhängende Geschichte ist höchstens zu erahnen. Ein großer Vogel erscheint ebenso auf der Bühne wie ein Chor singender Frauen, das große Mond- oder Sonnengesicht, das auf dem Plakat zu sehen ist. Frauen holen Vögel aus ihren Mündern, verschlucken sie wieder. Am Ende sind Stuhl und Holzkiste verschwunden, es bleibt eine bemalte Holzplatte auf dem Boden zurück, die den blauen Himmel mit weißen Wolken zeigt. Eine stille, sonderbare, durch die häufig eingespielte langsame Klaviermusik ein wenig melancholisch schwere Stimmung liegt über dem Stück, die auch beim Applaus nicht den Freudentänzen wie am Nachmittag Platz macht. Ernst und sichtlich noch in ihren Rollen befangen, verbeugen sich die Darstellerinnen.

 

Auf dem Weg nach Hause bin ich fast dabei, Océane eine Wette vorzuschlagen: Wenn wir jetzt noch einen Flyer-Verteiler treffen… Ich mache es nicht, denke, dass um 23 Uhr wohl keiner mehr für sein Stück werben wird. Und irre mich. Kurz vor dem Eingangstor zu Océanes Wohnung wollen uns doch tatsächlich noch zwei Unbeugsame für ihre Vorstellung um 23.30 Uhr als Gäste gewinnen. „Freier Eintritt“, versuchen sie es als letztes Mittel. Wir lehnen dankend ab.

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