Der 22. Tag oder: Einmal ins Paris

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Langsam geht das Festival zu Ende. Ich schaue auf die Liste der Themen, die ich noch bearbeiten wollte: Gespräch mit einem Theaterdirektor über die Kosten des Festivals. Teilnahme an den Plateaux ouverts im Espace Alya, wo dort spielende Truppen mit dem Publikum über ihr Theaterschaffen sprechen. Nachtleben des Festivals… Gerade letzteres habe ich stark vernachlässigt zugunsten des frühen Aufstehens an den Vormittagen. Im Off Programm sind die Party-Nächte aufgeführt, die jeden Abend ab 22.30 Uhr auf einem Boot am Rhôneufer stattfinden. Aber auch in anderen Kneipen oder Clubs wäre es sicher interessant gewesen. Allein von der Bar neben meiner Unterkunft in der Gerberstraße tönen jede Nacht bis zwei, drei Uhr morgens laute Stimmen ins Zimmer. Obwohl das Fenster in den Hinterhof führt.

 

Auf der Ebene der Stücke: die Musiker aus der Schweiz im Palais Royal, die klassische Musik vortragen – gut, ich war bei den Weinvertretern der Côtes du Rhône. Ist irgendwo ähnlich. Clown Buffo. Ah, Buffo! Vor eineinhalb Jahren bin ich einmal abends mit drei Nachwuchsclowns von Brüssel kilometerweit in die belgische Pampa gefahren, um den großen amerikanischen Clown in einer kühlen Novembernacht in einem windigen Zelt verloren im Nichts zu sehen. Und jetzt, wo er nur wenige hundert Meter entfernt jeden Tag auftritt... Das Stück mit dem Hakenkreuz auf dem Plakat – nicht schlimm. Komödien im Paris. Ja. Stimmt. Ein großer Renner des Festivals. Nicht mein Ding. Aber gut. Heute Abend also?

 

Und die Déjeunettes. Sie hatte ich ja angekündigt. Vergangenes Jahr waren diese Mini-Brote gleichsam zur typischen Festivalnahrung geworden. Kein Tag verging, an dem ich nicht eine dieser Stangen gegessen habe. Die Bäckerei Olivero an der Place des Corps Saints, unweit von Ginette & Marcel, wo ich oft meinen Morgenkaffee geschlürft habe, stellt diese Déjeunettes her. Ins Deutsche übersetzt heißen sie „Frühstückchen“, sind Brote aus einem hervorragend leckeren Teig mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen: schwarze Oliven, Nüsse, Chorizo, Speck, Schafskäse, Feigen. Doch dieses Jahr gab es keine Wiederholung. Irgendwie… Der Teig war auch anders, lockerer. Es war nicht mehr das besondere. Vier, glaube ich, habe ich verzehrt.

 

Was ist noch nicht realisiert? Das okzitanische Kulturfestival in Rodez habe ich dem Off geopfert, meinen Schulfreund Arne in Marseille nicht besucht, die Reisebereichte nicht geschrieben, um die mich ein Kunde in Deutschland unverbindlich gebeten hatte. Alles auf einmal geht wohl nicht, und deshalb ziehe ich am Mittag die Notbremse, hetze nicht um 13 Uhr ins Taiwanesische Stück, das ich noch sehen möchte, sondern entscheide mich für die Siesta. Der lange Musset-Abend gestern hat doch Spuren hinterlassen.

 

Ausgeruht also kann ich die nächste Festivalerfahrung angehen:

 

Antigone nach Henry Bauchau, Faim Rouge, Avignon.

 

Die Darsteller sind schon auf der Bühne, als die Zuschauer den kleinen Raum, der eigentlich kein Theatersaal ist, betreten. Zwei Frauen, ein Mann im Hintergrund, Matteo de Bellis, der mit seiner Musik zwischendurch das Stück begleitet. Lediglich zwei schwarze Sitzblöcke an der linken und rechten vorderen Seite der Bühne. Auf dem linken hat Pauline Hornez Platz genommen. Abwechselnd wird sie die Rollen von Clios und Ismène, Polynice, Créon und Bauchau selbst einnehmen, mit Antigone sprechen, das Geschehen aus der Schriftstellerperspektive kommentieren. Letzteres jedoch nur selten.

 

In der Mitte der Bühne Antigone, die in ihrer ersten Handlung einen ersten, großen Kreis um sich selbst auf den Boden zeichnet. Weitere, immer engere Kreise folgen. Jeweils aus einem anderen Element: Kreide, Wasser, Lehm. Der Handlungssielraum für die Protagonistin schrumpft, sie selbst schränkt ihre Möglichkeiten ein aufgrund ihrer unbeugsamen Haltung gegenüber ihrer Außenwelt. Sie weiß das, spürt das, lässt sich dadurch nicht ändern. Hoffnung als letztes Wort des Stücks.

 

Es ist diese letzte Szene, die sehr beeindruckend ist. Laure Vallès als aufrecht stehende Antigone im innersten, gerade ihre Füße umspannenden Kreis, in ihrem roten Kleid, nach extatischen Tänzen, Diskussionen mit ihren Angehörigen, ihrem Schweigen. Der Scheinwerfer konzentriert sich mehr und mehr nur noch auf ihr Gesicht, dimmert nach dem letzten Wort langsam aus, hinterlässt eine schemenhafte Maske im einsetzenden Dunkel.

 

Ich kann mit dem Theaterstoff Antigone in all seinen Varianten grundsätzlich wenig anfangen. Daran mag es liegen, dass ich nie wirklich in die Aufführung hineinfinde. Text mit vielen Andeutungen auf Handlungen, die Voraussetzungen für das Stück sind. Viel Mythologie. Der Gegenwartsbezug, ich kann ihn nur manchmal über einige Sätze heraushören. Meine Gastgeberin Océane, die mich begleitet hat, war dagegen sehr angetan vom Stück, vom Spiel, von der Inszenierung. Nicht nur von der Schlussszene.

 

Nach dem Abendessen suche ich nach einem der lustigen Stücke, das ich mir heute Abend antun möchte. Océane sitzt am Tisch, liest mir eins nach dem anderen vor: Die Schöne, die Blonde, die Schlampe!! Chronik eines normalen Homo. Jules liebt seinen Nächsten. Oder doch: New 752, der waschechte Hund unter den Menschen? Die Auswahl fällt nicht leicht. Soll ich nicht lieber doch ein sinnvolles Stück anschauen? Um 22.30 Uhr läuft Gauche Uppercut im Théâtre des Corps Saints, wo ich auch noch nicht war.

 

Aber nein. Das Off ist eben auch diese seichte Unterhaltung. Also rein in die Sandalen, raus auf die Straße, ab zum Paris. Dort stehe ich zunächst in der falschen Schlange, die bis auf die Straße hinausreicht. Nach ein paar Minuten erkenne ich, dass ich für ein Ticket für „Je länger es ist, je besser…“ anstehe. Aber ich will doch „Eine verrückte Homo-Hochzeit!“ sehen. Dafür muss ich an der Schlange vorbei ins Paris hinein, das wohl ein ehemaliges Kino ist. „Oh, dann sind wir heute ja ganz international“, sagt die beleibte, fröhliche Dame hinter der Kasse, als sie meinen Presseausweis sieht. Fotos mit Blitz – kein Problem. „Aber nicht zu viele, ja?“

 

Das Publikum, das mit mir auf den Einlass wartet, ist in lockerer Urlaubsstimmung. Neben mir unterhalten sich die jungen Leute über den besten Zeitpunkt für das Abendessen – Mc Donald’s ist immer eine gute Lösung, wenn es mal eng werden sollte. Im Saal bestehen die Sitzreichen aus mit Stoff bezogenen Bierbänken, die Bühne ist schon hergerichtet, aber wir müssen noch warten, bis es anfängt.

 

Als Zeitvertreib steht plötzlich die Dame von der Kasse auf der Bühne, bestimmt einen Freiwilligen aus dem Publikum, nach vorne zu kommen. Der junge Mann soll eine zweite Freiwillige aus dem Saal auf die Bühne bitten. Drei Perücken erscheinen, gelb, grün, rot. Rauf auf die Köpfe. Dazu überdimensionale Brillen, die die halben Gesichter bedecken. Auf Kommando geht’s los: „DJ Patrick, Musik bitte!“ Disco-Mucke dröhnt basslastig in den Raum, Hüften werden auf der Bühne geschwunden, die Hintern betatscht. Das Publikum klatscht begeistert mit, riesiger Applaus beim Abgang. „So, sind wir jetzt so weit?“, fragt die Dame hinter die Bühne. Ja, sind sie. Also dann:

 

Un mariage follement gai! (Eine verrückte Homo-Hochzeit!), von Thierry Dgim, Tronches d’api, Tarascon (F).

 

Marcy und Sébastien leben in einer WG zusammen. Marcy ist 38 Jahre alt, Jungfrau, lesbisch und verklemmt. Sébastien seinerseits ist homosexuell, liebt die Musik von Madonna und ist viel lockerer drauf als seine Mitbewohnerin. Diese hat sich auf ihrer Arbeit in Anne-Lize verliebt – und irgendwie schafft sie es, ihre neue Flamme als Mitbewohnerin in die WG zu bekommen. Welch ein Schreck für Sébastien, der in Anne-Lize genau die Frau erkennen muss, mit der er als Jugendlicher seine erste sexuelle Erfahrung gemacht hat. Ohne die Romantik, mit der Anne-Lize auf diese Zeit zurückblickt, zu teilen.

 

Ein Café-Théâtre soll das ganze sein und füllt das Genre dann auch gut aus. Ein Gag jagt den anderen, Ernst ist bitte nicht zu erwarten. Das Publikum ist schnell erobert, witzige Wortspiele und Klischees folgen manchmal so schnell aufeinander, dass einige Damen mittleren Alters Schwierigkeiten beim Luftholen bekommen. Zwischendurch wechselt das Licht auf der Bühne, stellen sich die drei Schauspieler in Formation auf, führen eine Disco-Choreographie vor. Pop-Musik auch bei den Blacks zwischen den Szenen.

 

Lustige, oberflächliche Unterhaltung ohne die geringste Botschaft am Ende. Außer der Selbsterkenntnis, dass man eine Stunde lang viel gelacht hat und es lustig fand, sich von einer neuen Kombination von immer wirksamem Slapsticks die Zeit hat vertreiben zu lassen.

 

Welch ein Unterschied zum übrigen Festival! Aber was ist schon d a s Off? So viele Facette bietet es. Einige Zuschauer sehen nur solche Stücke, wie ich mir gerade eins angetan habe. Andere lieben anspruchsvollere Komödien, Tragödien, Clowns, Zirkus, Musik-Theater…

 

Langsam schlendre ich durch das nächtliche Avignon zurück in die Gerberstraße. Die Plakate zeigen schon deutliche Spuren der drei vergangenen Festivalwochen, ein Mann tackert neue Flyer an einige Kartons. Noch zwei Tage, dann ist alles vorbei.

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