Der erste Tag

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Um 5 Uhr morgens haben die Tankstellen noch geschlossen. Schlecht, denn die Benzinuhr meines Wagens neigt sich dem unteren Ende zu. In Valence versuche ich, an einer Tanksäule mit meiner Kreditkarte zu bezahlen – vergeblich. Mein deutsches Plastik wird in Frankreich nicht akzeptiert. Das Licht im Tankstellengebäude ist zwar schon an, ein Mann bereitet alles für den Verkaufstag vor. „Ich öffne um sechs“, ist jedoch die einzige Antwort, die ich auf meine Bitte nach außerplanmäßigem Tanken erhalte.

 

Bei langsamer Fahrt halten die Reserven noch bis Montélimar. Dort finde ich endlich – es ist nun auch schon kurz nach 6 Uhr – die gewünschte Nachfüllstation. Ob es jetzt noch klappt, Océane zu erreichen, bevor sie zur Arbeit aufbricht?

 

Um 7.20 Uhr hetze ich vom Parkplatz vor den historischen Altstadtmauern Avignons schwer bepackt der Rue des Teinturiers, der Gerbergasse, entgegen. Keine Zeit, die Atmosphäre zu genießen. Doch die Eile wird belohnt: Meine Gastgeberin ist gerade noch da, ich brauche nicht bis 9 Uhr warten, um den hinterlegten Zweitschlüssel in einer nahen Kunstgalerie abzuholen. Sofort kann ich mich für ein paar Stunden hinlegen.

 

Ausgeruht und mit eigenem Schlüssel versehen mache ich mich dann um elf Uhr auf den ersten Erkundungsweg. Jetzt habe ich auch Zeit, meine Umwelt wirklich wahrzunehmen. Ja, das ist es. So kenne ich es aus dem vergangenen Jahr. Überall an den Häuserwänden, den Laternenmasten, an Absperrgittern hängen Plakate, die auf die einzelnen Aufführungen des Off hinweisen. Das System ist fast immer das selbe: Man nehme einen A3 großen Pappkarton, klebt das Plakat seines Stücks drauf, und befestigt es neben den anderen Pappkartons, die nach dem gleichen Muster gestaltet sind.

 

Wenn man denn noch Platz bekommt. Die beiden Plakatierer von „La Salamandre Fusion“ haben lediglich ganz unten an der Wand eine freie Stelle gefunden. Unverdrossen heften sie den Werbekarton für ihr Stück „Gauche Uppercut“ dennoch neben die Kartons der Konkurrenz. Ich schieße ein erstes Foto, sie drücken mir einen Flyer in die Hand, ermutigen mich, zu ihrem Stück zu kommen. „Du kannst auch bei der Aufführung fotografieren“, sagen sie mir. Ob sie das denn nicht störe? „Nein, das ist doch Werbung, ganz wichtig für uns.“

 

Ich lasse mich auf kein festes Versprechen ein, bedanke mich und gehe jetzt zielstrebig dem Büro der Festivalleitung entgegen. Spätestens hier wird noch einmal die Trennung zwischen In- und Off-Veranstaltung klar. Beide Festivals sind unabhängig voneinander und haben deshalb ihre Organisationsbüros auch an unterschiedlichen Orten eröffnet. 1966 fand das Off das erste Mal als kleine Parallel-Veranstaltung zum bereits etablierten und weltweit bekannten In-Festival statt. Eine Plattform für die alternative Szene sollte das Off sein.

 

Diesen Charakter hat es sich bis heute bewahrt. Auch, wenn sich hinter den Kulissen allein schon wegen der Ausmaße des Festivals ein großer Organisationsapparat aufgebaut hat. Doch der alternative Anstrich ist im Büro der Maison des Pays de Vaucluse noch zu spüren. Wie notdürftig hingestellt sehen die einfachen Tische aus, Kartons stehen an den Wänden, ein halb-professionelles Wirrwarr herrscht in dem von den hochsommerlichen Temperaturen aufgeheiztem Raum. Zwei, drei Standventilatoren sorgen für ein wenig Erfrischung.

 

Zunächst warte ich in der falschen Schlange, die Hinweisschilder waren nicht sehr eindeutig. Dann spricht mich eine der Betreuerinnen an, fragt nach meinem Anliegen: „Da müssen Sie sich hier anstellen“, und weist mich in die zwei Meter neben mir parallel verlaufende Wartereihe. Doch alles ist im Grunde kein Problem, geht zügig vor sich, die Helfer sind ruhig und auskunftsfreudig. Schnell sind deshalb die Formalitäten erledigt, habe ich die Internet-Leitung überprüft und die ersten Zahlen zum diesjährigen Festival erfragt.

 

Avignon Off 2008, das sind 957 Stücke, 818 Gruppen – 740 aus Frankreich, 78 aus dem Rest der Welt, davon zwei aus Deutschland –, 110 Spielorte, 3547 Künstler. Erwartet werden mindestens genau so viele zahlende Zuschauer wie 2007. Also knapp mehr als 700 000. Plus die geschätzten 250 000 kostenlosen Eintritte. Ein Mega-Event also. Das größte seiner Art in der Welt? „Nun, das behaupten einige, kann ich Ihnen aber nicht wirklich bestätigen“, sagt mir die junge Dame hinter dem Presse-Tisch. Objektive Vergleiche würden fehlen. Aber zumindest eins der größten sei Avignon. Das sei sicher.

 

Den Rest des Tages verbringe ich in den Straßen der Stadt. Lasse mich treiben, sauge die ersten Eindrücke auf, orientiere mich. Die Rue des Teinturiers, in der ich Quartier bezogen habe, gilt als die Hauptstraße des Festivals. Im Schatten von Platanen, am Rande eines kleinen, von einer Mauer eingegrenzten Bachlaufs ist die Atmosphäre auf dem Kopfsteinpflaster sehr dicht, sehr sommerlich, sehr südfranzösisch. Lockere Urlaubsstimmung brauche ich hier nicht zu suchen. Brüssel liegt plötzlich ganz weit weg.

 

Allerdings herrscht noch nicht das große Treiben, wie ich es von vergangenem Jahr in Erinnerung habe. Das mag am ersten Festivaltag liegen, mit der Zeit wird sich das wohl ändern. Die Rue des Lices hält erneut die prächtigste Plakatwand bereit, am pulsierendsten ist es heute auf der Place de l’Horloge, dem großen Platz im Zentrum Avignons, an dem das Rathaus, die Oper und zahlreiche Straßencafés liegen. Animation ist überall zu finden, aber gerade am Nachmittag konkurrieren gerade hier zahlreiche Gruppen um die Aufmerksamkeit der Einheimische, Touristen und Festival-Besucher.

 

Männer in überdimensionalen Pampers, eine Tanzgruppe mit großen Tierköpfen über den eigenen, venezianische Maskenträger, die am Eingang des Platzes geheimnisvoll regungslos die Flyer für ihr Stück verteilen. Ein Brautpaar aus Belgien – „Schaut her, wir sind lustig, wir kommen aus Belgien!“, rufen sie gewollt selbstironisch in die Menge. Die Schauspielerin Boonty, die es sich in einer großen bemalten Mülltonne gemütlich gemacht hat und dort jedem, der sie im Vorbeigehen anschaut, eine freche Grimasse schneidet, um danach in herzliches Lachen auszubrechen. Später werde ich sie noch sehen, wie sie von ihren beiden Mitstreitern Guiboon und Le Radis – das Radießchen – durch die Straßen gerollt wird.

 

Vor dem riesigen Papstpalast mit seinen mächtigen Mauern, in deren Inneren die prestigeträchtigste Aufführungsstätte des In-Festivals liegt, ist es dagegen verhältnismäßig leer. Hier sind einige Straßenkünstler zu sehen. „Wir haben bewusst keinen Saal gewollt, weil die Straßenkunst unsere Sparte ist“, erzählt Elodie, die für die Gruppe „Les Arlequins“ die Kostüme entwirft. Mit einem Programm von Molière sind sie vor die historische Kulisse gekommen, jeden Abend spielen sie dreimal unter freiem Himmel. „Wir stehen auch im Katalog“, sagt Elodie noch.

 

Eine Tatsache, die für den Rest der Straßenkünstler meist nicht der Fall ist. Sie sind oft einfach so nach Avignon gekommen, um an dem großen Theater-Fest auf ihre Weise teilzunehmen. Spontan. Ihr Zentrum scheinen die Mauern um den Papspalast zu sein. Dort sehe ich noch drei junge Frauen, die sich nach einem geeigneten Platz zum Spielen umschauen. In einer schmalen Gasse haben sich ein paar Reggae-Musiker eingerichtet, ein paar Schritte weiter präsentiert ein spanischer Puppenspieler sein Marionettentheaterstück.

 

Gegen 19 Uhr gebe ich meiner Müdigkeit nach, gehe zurück in mein Zimmer. Nein, zu einem Theaterstück reicht es heute noch nicht. Morgen, so nehme ich mir vor, muss ich erstmal Ordnung in all die ganzen Eindrücke bringen. Den Katalog etwas durchschauen, eigene Favoriten herauszusuchen, vielleicht so etwas wie einen Plan erstellen. Hinweise darauf, welche Stücke ich „auf jeden Fall“ schauen sollte, weil sie „einfach absolut sehenswert“ sind, habe ich bereits genug erhalten. Wohl zwei Dutzend Werbe-Flyers stecken in meinem Rucksack. Eine kostenlose Einladung für zwei Personen ist auch dabei.

 

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