Der zweite Tag oder: Die ersten Stücke

Veröffentlicht auf

Den Vormittag verbringe ich mit Arbeiten, Texte schreiben, den Blog verfassen. Nachdem ich alles verschickt habe, möchte ich bei der „Bar du Off“ vorbeigehen. Sie liegt im Westen der Altstadt, schon außerhalb der alten Stadtmauern, auf der Allée de l’Ouille, 50 Meter von den Wassern der Rhône entfernt.


Von der Place de l’Horloge sind es vielleicht acht Minuten zu Fuß. Ein ganzes Dorf entdecke ich, den Festival-Markt, wie mich ein erstaunter Blick auf meinen Festival-Stadtplan belehrt. Stände mit allem möglichen Flohmarkt-Kram, Bars und Fressbuden, und auch die Bar du Off. Aber alles ist erst noch im Erwachen, um 12 Uhr hat die anscheinend lange Nacht ihr Spuren deutlich hinterlassen.


Und dann ist es endlich soweit: Mein erstes Stück! Ich sehe es mir zusammen mit Océane und einer Freundin von ihr an, von daher ist es eher ein Zufall, dass die Wahl gerade auf diese Produktion fällt. Aber da das Stück von einer Truppe gespielt wird, die aus Absolventen der Theaterschule von Lassaad besteht, eine Schule, an der ich selbst zweieinhalb Monate verbracht habe, wollte ich es mir sowieso anschauen.


„En suivant les pointillés…“, Eigenkreation der Compagnie du Chien qui Tousse, Brüssel


Das Theater „La Manufacture“ ist eine der zahlreichen Spielstätten, die über das Jahr hinweg nicht als Theatersaal genutzt werden. Am Eingang unterhalte ich mich zunächst mit Aude Droessart, die für die Truppe La Compagnie du Chien qui Tousse – Die Truppe des hustenden Hundes – die Pressearbeit übernommen hat. Weil ich ein wenig das Universum kenne, in der sie und ihre Mitstreiter ihre schauspielerische Ausbildung genossen haben, interessiere ich mich dafür, wie es für sie danach weiter gegangen ist.


Die Theaterschule von Lassaad in Brüssel lehrt die Methode von Jacques Lecoq. Texttheater wird kaum gelehrt, die Arbeit an rein körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten steht im Vordergrund. „Wir sind 1999 fertig geworden, haben uns mittlerweile soweit etabliert, dass wir von unserer Kunst leben können“, erzählt Aude. „En suivant les pointillés…“ sei ihre dritte eigene Produktion. „Aber die erste, bei der wir auch viel Wert auf den Text legen“, sagt sie.


Was ich danach sehe, ist erfrischendes Theater ohne viele Requisiten, das amüsiert, aber auch eine zweite Ebene anbietet. Zwei Stühle sind alles, was außer den beiden Schauspielern Abdeslam Hadj Oujennaou und Yann-Gaël Monfort auf der Bühne ist. Aber das reicht, um eine Vielzahl von unterschiedlichen Plätzen und Umgebungen vor dem Auge zu erzeugen. Ein Café, ein Flugzeug. Eine Telefonzelle, eine Autofahrt in die Wüste. Ein wilder Ritt auf einem Kamel. Viele andere Personen – von der Hostesse über den Teppichverkäufer bis hin zum Tuareg –, die nicht erscheinen, aber doch präsent sind um die beiden Personen Michel und Najim.


Unerwartete Umstände haben sie dazu gebracht, zusammen eine Reise in ein Land im Maghreb zu unternehmen. Beide sind unterschiedlich. Michel der nordisch-europäische Typ, durchorganisiert, mit Werten der westlichen Gesellschaft, für den das Hotelzimmer mit großen Bett und den 250 TV-Kanälen wichtiger ist als das Land, in das er reist. Najim dagegen steht zwischen den Kulturen, ist in Europa aufgewachsen, seine Familie stammt aus eben dem Maghreb, in den er reist. Oft zitiert er die Weisheiten seiner Großmutter, ist offen ist für das Unbekannte, das Unerwartete. Letztlich ist er es, der beiden die Rettung in einer lebensbedrohlichen Situation ermöglicht.


Klar, präzise, beeindruckend ist die schauspielerische Leistung, ist die Aufführung. Mit wenigen gekonnten Gesten entstehen ganze Universen – eine Technik, die man bei Lassaad lernt. Fast habe ich den Eindruck, dass alles irgendwie zu perfekt ist. Doch das Stück möchte wohl auch nichts anderes. Es soll unterhalten, Spaß bereiten, und darüber hinaus auf leichte Art eine Botschaft hinterlassen. Océane und ihre Freundin sind auf jeden Fall total begeistert.





Am Nachmittag nehme ich mir die Zeit, um mir einen Überblick über das Festival zu verschaffen. Will heißen: den Katalog durchzuschauen. In einem Straßencafé auf der Place des Corps Saints bestelle ich mir ein Bier, lasse mir ein halbes Dutzend Flyer auf den Tisch legen, sehe drei, vier, fünf verkleidete Truppen, die werbend durch die Straßen ziehen, und versuche, Klarheit über mein Festival-Programm zu schaffen. Nach einer Stunde gebe ich auf. Erschlagen bin ich von der Masse des Angebots. Man müsste sich einen ganzen Tag damit beschäftigen. Und jetzt habe ich das Gefühl, mein zweites Stück sehen zu müssen. Gerade habe ich es im Katalog entdeckt, die Beschreibung fand ich spannend…

 




„Le Rôdeur“ nach einem Text von Enzo Cormann, Théâtre de la Tortue, Labastide-Clermont (F)


Die Aufführung ist zu Ende, aber ich will noch nicht aufstehen. Draußen fragt mich Regisseur Giancarlo Ciarapica, ob ich noch mit Schauspieler Guillaume Videlier sprechen möchte. „Ich muss das Stück erstmal verdauen“, sage ich ihm. „Ach ja, wieso?“ Ciarapica tut erstaunt. Aber klar: Es kommt immer drauf an, von welcher Warte aus man Theater betrachtet. Was schockiert, was als schwer empfunden wird, und was als eher leichte Kost.


Als letzteres wird der Durchschnittsbesucher „Le Rôdeur“ (Der Herumtreiber) nach einem Text von Enzo Cormann wohl nicht einstufen. Nebelschwaden durchziehen den kleinen intimen Saal des Alibi Theaters in der Rue des Teinturiers. Eingerichtet ist es für 49 Besucher, aber um 20 Uhr verlieren wir uns gerade mal zu dritt auf den Rängen. Geruch eines Räucherstäbchens, spärliche Beleuchtung, die ganz verschwindet, als das Stück beginnt. Eine Lampe wird angestoßen, schwenkt von vorne nach hinten. Dunkle, beklemmende Musik erschallt – das alles erinnert an Atmosphäre aus schwarzen Gothic-Clubs.


Dann dimmert auch die schwankende Lampe langsam aus. Dunkel. Plötzlich ein Schrei, in grellem Licht erscheint stehend ein regloser Mann, nackt, mit Blut auf Kopf und Körper. Licht aus, und Sekunden später steht der Mann drei Meter weiter – die Geschichte beginnt. Doch was wird erzählt? Ein Mörder, so vermutet man, wäscht das Blut seiner Tat ab – will sich rein von seiner Schuld waschen? Ein Irrer, ein Verrückter. Vom Wahnsinn besessen. Ein Mensch, der zur Kreatur verkommt. Durch die Verkettung und Anhäufung verschiedener Gesten und Handlungen, die alle für sich genommen ganz alltäglich sind. Ist er schuldig? Hat er wirklich Vater und Mutter umgebracht? Oder spielt sich alles nur in seinem Hirn ab?


In einem von inneren Obsessionen durchzogenen Dialog durchleben wir mit dem namenlosen Mann das Stück. Verrenkungen, Grimassen. Leiden und Aufbegehren. Die Realitäts- und Zeitebenen vermischen sich, schrauben sich langsam hoch in einer Spirale, deren Beschleunigung am Ende nicht mehr aufzuhalten ist.


Während des Stückes noch habe ich den Eindruck, dass etwas zu fehlen scheint in der Interpretation des 34-jährigen Guillaume Videlier. Ein wenig Schwere, um den Wahn wirklich Glaubhaft zu verkörpern. Drei, vier Prozent auf 100 vielleicht. Doch der Eindruck nach der Aufführung verwischt den Einwand. So nachhaltig geprägt hat mich seit Jahren kein Stück mehr. Ein unerwarteter Edelstein, der meinen Geschmack von Theater voll getroffen hat.


Ich nehme mir vor, noch andere Aufführungen des „Théâtre de la Tortue“ anzuschauen, die mit insgesamt fünf Stücken dieses Jahr in Avignon vertreten sind.

 

„Le mois de Marie“ von Thomas Bernhard, L’autre Cie & Cie Hi-Han, Toulon


Nach dem starken Eindruck von „Le Rôdeur“ zögere ich, mir noch ein weiteres Stück anzusehen. Aus dem Kino kenne ich das: Schaue ich zwei Filme hintereinander, verwischen die Bilder des erstgesehenen ziemlich schnell.


Letztlich entscheide ich mich dazu, doch hinzugehen. Am Nachmittag hatte mich einer der Schauspieler – wie ich bei der Aufführung bemerke – mit einem Flyer auf das Stück aufmerksam gemacht. Gestutzt hatte ich. Thomas Bernhard und dann zwei lustige russische Puppen auf dem Werbezettel? Diese bunten Matroschkas, die aus mehreren Schichten bestehen, zunächst ganz groß sind, dann immer kleiner werden? „Nun, lustig ist es, Sie werden hoffentlich viel lachen. Aber ein ernster Hintergrund ist auch dabei“, hatte mir Frédéric Garbe gesagt. Das hatte mich neugierig gemacht.

Und um es vorweg zu nehmen: Ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Im schönen großen Innenhof des Théâtre des Halles sind vor einer großen Nische in dem Gemäuer Stühle aufgestellt. Freilichttheater in einer lauen Sommernacht. Der Vorhang geht auf, die zwei Matroschkas erscheinen jetzt in Form von zwei Schauspielern. Männer, die Frauen spielen. Zwei alte Damen eines bayerischen Dorfes, eingekleidet in zwei gleich gestaltetet traditionelle Gewänder. Die Oberfläche der als Podest geformten Bühne beginnt auf Höhe der Knie der Schauspieler, was tatsächlich den Effekt hat, also ob ich zwei russische Puppen-Mamas vor mir sähe. Die in 35 Minuten Bernhards bigott-ätzendes Porträt der verlogenen und hinter treuherzigem Glauben versteckten Heuchelei der ländlich-katholisch-konservativen Dorfbevölkerung spielen.

Urkomisch, aber durchaus mit klarer Botschaft für den, der es sehen und hören möchte. Sehr gelungen auch der Einfall, vor den beiden Omas ein Miniatur-Dorf in Märklin-Eisenbahn-Format aufzustellen. Es lässt die beiden Frauen als Übermenschen erscheinen. Als zwei Richter, einem zweigestaltigen Geist, der über allem thront, eine unerschütterliche Macht, die erst dadurch ins Wanken gerät, dass sich das Dorf am Ende des Stücks erhebt und die beiden Puppen in der Welt untergehen, über die sie zuvor von ihrer erhobenen Warte aus gerichtet haben.

 

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post