Der dritte Tag oder: Die erste Enttäuschung
Ein heftiges Gewitter entlädt sich in der Nacht über Avignon. Zwar hat es sich am Morgen verzogen, doch die Schäden sind erstmal geblieben: Die Wifi-Verbindung des Off-Festivals ist nicht mehr funktionsfähig. Wann es repariert sein wird, kann keiner sagen.
Den Theatern scheint der Sturm nichts angehabt zu haben – unverdrossen nimmt das Festival seinen Lauf. Mein erster Termin liegt spät am Nachmittag, 17 Uhr. Wieder führt mich der Weg in das Théatre des Halles. Dort, wo ich gestern schon Thomas Bernhard gesehen habe. Heute findet die Aufführung jedoch nicht unter freiem Himmel statt, sondern in dem Hauptsaal des Hauses. Was auch gut ist. Denn mitten während der Vorstellung erschallt von draußen lauter Donner. Regen prasselt auf das Theaterdach, gegen Ende tropft Wasser von der Decke auf meine Hose.
„Je veux qu’on me parle“ (Ich möchte, dass man mit mir spricht), Eigenkreation nach Texten von Louis Calaferte des Théâtre des Halles, Avignon.
Alles deutet darauf hin, dass es wieder ein prima Stück wird. Die Pressemappe verspricht eine „Entdeckungsreise durch das Werk von Calaferte unter der Perspektive von Kafka“, einer der Vorbilder des in Italien geborenen und in Lyon aufgewachsenen Schriftstellers Louis Calaferte (1928-1994). Die „Komödie und Tragödie des Lebens“ werden laut Ankündigung gleichzeitig vor den Augen der Zuschauer entstehen. Die Zusammenstellung verschiedener Texte soll zum Nachdenken über das Leben, die Gesellschaft und die Welt anregen.
Nach fünf Minuten frage ich mich, ob ich im falschen Theater sitze. Vor meinen Augen findet eine Zirkusvorstellung statt. Ein dementsprechendes Zelt ist mit vier über der Bühnenmitte zusammenführenden Leuchtketten angedeutet, darunter ein Manege-Rund ohne Seitenbegrenzung. Die Schauspieler betreten die Bühne durch einen samt-roten Vorhang. Und wie das Bild, so das Spiel. Ein kurzer Sketch folgt dem anderen, im Minutentakt wechseln die Darsteller ihre Kostüme und Rollen. Aufgesetzte Heiterkeit mit gattungsgemäßer Mimik und Gestik. Lichtpausen markieren die Wechsel. Während der Blacks ertönt immer die gleiche halb fröhliche, halb melancholische Drehorgel-Guinguette-Musik im Stil von Amélie Poulain.
Nach 40 Minuten fange ich an, mich zu ärgern. Kafka, wo bist du nur?! Es bedarf schon eines hohen Maßes an Abstraktionsfähigkeit, um das auf der Bühne wieder zu finden, was die Ankündigung verspricht. Oder verstehe ich einfach nicht den französischen Theatergeist? Denn dem Publikum gefällt es. Brausender Applaus und Bravo-Rufe beenden meine eineinhalbstündige Qual.
Mir haben nur die Schauspieler gefallen, vor allem die beiden männlichen. Nicolas Gény und Roland Pichaud spielen ihre Rollen dem Genre entsprechend hervorragend. Etwas weniger überzeugt Yaël Elhadad. Sie wirkt selbst in der Zirkus-Nummer oft zu künstlich.
Aber egal, Schwamm drüber und auf zum nächsten Termin. Diesen setze ich mir spontan in einer Bar an der Place Pie, in der ich mit einem Bier meinen Ärger über den ersten Reinfall des Festivals herunterspüle. Für eine belgische Internet-Zeitung soll ich einen Bericht über die belgischen Gruppen hier in Avignon schreiben. Deshalb sollten in den nächsten Tagen gehäuft Belgier auf meinem Programm stehen. Warum dann nicht gleich damit anfangen? Es ist 19.30 Uhr, in einer halben Stunde gibt’s eine eine Komödie.
„Faites l’amour avec un Belge!“ (Schlafen Sie mit einem Belgier), Eigenkreation der Compagnie Michaël Dufour, Brüssel.
Das kleine Theater La Tache d’Encre liegt nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt, in einer schmalen Seitengasse der Rue des Teinturiers. „Die Plätze sind schon alle belegt, wir haben Kissen in die erste Reihe gelegt, wenn Sie das nicht stört?“, sagt mir die junge Frau an der Kasse. Das riecht nach einem Publikumsmagnet. Die beiden Schweizerinnen, die neben mir auf der untersten Stufe – die Kissen werden erst nach uns ausgelegt – Platz nehmen, bestätigen die Vermutung. „Wir haben gehört, dass das hier lustig sein soll“, sagt mir die eine. Die Mund-zu-Mund-Propaganda zeigt schon am dritten Tag erste Früchte.
Lustig wird es auch in den knapp 50 Minuten, meine Nachbarinnen haben einiges zu lachen. Auch meine Heiterkeitsmuskeln regen sich manchmal, ganz im Gegensatz zum Stück davor. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden Belgier auf der Bühne nicht vorgeben, künstlerisch tief greifende Literatur lustig inszeniert auf die Bühne zu bringen? Dass man hier von vornherein weiß: Hey, das ist eine Komödie! Das will Spaß bereiten, und kaum mehr?
Im Stück dreht es sich um das junge Ehepaar Vanessa und Jean-Paul, beide Belgier. Szenen einer Ehe. „Für die Franzosen sind wir Belgier irgendwie ein bizarres Völkchen, und schaut man näher hin, dann gibt es tatsächlich Unterschiede. Zum Beispiel beim Humor“, erzählt die Schauspielerin Katia Mele nachher in der Bar. Als Beispiel nennt sie die Szene, in der angedeutet wird, dass Jean-Paul Vanessa im Staubsauger hat verschwinden lassen. „So etwas würden Franzosen auf der Bühne in dieser Art nicht bringen, aber die Leute finden es trotzdem amüsant.“
„Was machst du schon Soziales?“ – „Was ich Soziales mache? Ich schlafe mit einem Belgier!“ Solche Dialoge sind es, die gut eine Stunde gut unterhalten. Als Test sehen die beiden Avignon für ihre Tournee in Belgien, wo zumindest Michaël Dufour bereits bekannt ist. „Die Leute erwarten dort von mir etwas tolles, hier kann ich ohne den gleichen Druck ausprobieren, verändern, das ganze perfektionieren“, erzählt der 36-Jährige, der auch noch mit einer One-Man-Show dieses Jahr in Avignon auftritt.
Während wir uns in der Open-Air-Bar des Theaters unterhalten, fängt es wieder an zu regnen. Nach dem Gespräch flüchte ich deshalb in die nahe Wohnung. Océane erwartet für heute Nacht einen Freund mit ein paar Musiker-Kollegen, die für ein oder zwei Tage während des Festivals irgendwo auf der Straße spielen wollen. Sie sollten schon da sein, sind es aber noch nicht – ich gehe erneut raus in den Regen. Dort entdecke eine weitere Funktion der aus Pappe bestehenden Plakathalter der Off-DINA3-Werbung: Man kann sie auch als Regenschirmersatz benutzen, um sich vor der herabfallenden Nässe zu schützen.
Als ich gegen 23.30 Uhr wieder bei Océane bin, liegen Decken und Kissen als vier Schlafplätze zubereitet auf der Erde aus. In der 16 Quadratmeter großen Wohnung wird es heute Nacht eng. Lucien, Océanes Bekannter, kommt kurz vorbei und bringt einen weiteren Rucksack. „Wir gehen noch in eine Bar, kommt ihr mit?“ Wir verneinen beide und legen uns schon hin. Erst gegen vier, fünf Uhr morgens kommen die Künstler auf leisen Sohlen zurück.