Der vierte Tag oder: Drei neue Genres

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Die Nacht war furchtbar. Mehrere Dutzend Mücken müssen sich an mir satt gesaugt haben. Ein nicht enden wollendes Konzert von Summtönen hat mein Ohr über sich ergehen lassen müssen. Eine Jagd auf die Plage war mir verwehrt gewesen aus Rücksicht auf die Leute, die mit mir im Zimmer schliefen. Beim Frischmachen im Mini-Bad sieht mein Körper dementsprechend gezeichnet aus.

 

Deshalb bin ich froh, jetzt draußen zu stehen. 7 Uhr, die Straßen sind ungewohnt leer. Müll liegt auf der Rue des Teinturiers, ein junges Pärchen scheint die Nacht gerade zu beenden und torkelt die letzten Meter irgendeinem Bett entgegen. Die Sonne scheint wieder, als ob es die heftigen Gewitter am Vortag nicht gegeben hätte.

 

Auch die Place des Corps Saints schlummert noch. Die Cafés sind geschlossen. Auf einer Terasse stehen Tische und Stühle, ich setze mich dort hin und schreibe mein Tagebuch. Während dessen öffnet das Café, ich trinke meinen ersten Kaffee und entscheide mich spontan für ein erstes Theaterstück. Bis 11 Uhr und meiner Verabredung mit Océane und ihrer Freundin Sophie dürfte noch genügend Zeit bleiben. Ein rascher Blick in den Katalog, der vom Genre her keine Wahlmöglichkeit zulässt. Also dann: ein Kindertheaterstück bitte.

 

Crastouilles en vadrouille, Eigenkreation der Compagnie „Les Rats Conteurs“, Montpellier.

 

Die Kartoffelschale Solène, die Eierschalenhälfte Matine und die halb gerauchte Zigarette Marla lernen sich im Mülleimer kennen. Gemeinsam beschließen sie, ihrem Gefängnis zu entrinnen. Einmal in Freiheit, machen sie sich auf die Suche nach ihren Ursprüngen und einer besseren Zukunft. Als letztere bietet die Aufführung die Wiederverwertung an. In einem didaktischen Moment wird den Zuschauern das Recyceln von Hausmüll beigebracht.

 

Das Stück ist damit gewollt engagiert und pädagogisch. Dafür wird in Kauf genommen, dass die schöne Fiktion der Geschichte am Ende verloren geht durch den konkreten Bezug auf die Alltagsrealität. Mir hätte der Verbleib in der Märchenwelt sicher besser gefallen. Aber natürlich verstehe ich die Absicht, die hinter dem ganzen steht. Deshalb ist es auch nicht so wichtig, dass die schauspielerische Leistung der vier jungen Darsteller mehr von ihrem Engagement als von professioneller Fertigkeit geprägt ist. Dem Anlass entsprechend machen sie ihre Sache sehr ordentlich. Ein amüsanter Beginn des Festivaltages.

 

Da ich mich nach Ende des Stücks noch ein wenig mit den Schauspielern über eine kurze Passage unterhalte, in der eine Kartoffel in Okzitanisch spricht – in der Sprache, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Muttersprache der Menschen in Südfrankreich war und heute vom Aussterben bedroht ist – bleibt mir am Ende gerade genug Zeit, einmal quer durch die Innenstadt zu laufen, um pünktlich zum Einlass am Ring-Theater zu sein. Océane und Sophie warten schon, wir gehen in den Saal.

 

Le bonheur de la Tomate (Das Glück der Tomate) von Bernard Da Costa, gespielt von der Compagnie Salieri-Pages, Avignon.

 

Böse ausgedrückt gibt hier ein weiteres Genre seine diesjährige Off-Premiere vor meinen Augen: das Amateurtheater. Böse deshalb, weil nach all meinen Informationen der Anspruch der vorführenden Truppe ein anderer ist, die Compagnie Salieri-Pages das Theater das ganze Jahr über betreibt und sich wohl eher dem professionellen Lager zurechnet.

 

Aber schon nach zehn Minuten notiere ich mir eben: Amateurtheater. Der mir bis dahin unbekannte Text ist streckenweise sehr schön und legt unüberhörbare Pisten für eine mehrschichtige Interpretation. Lediglich: Die Inszenierung begibt sich auf keine von ihnen. Und so wird die Geschichte der einsamen Tomatenzüchterin Clémentine und des straffälligen Jünglings Karim, der ab und zu aus seiner Erziehungsanstalt ausbricht, um bei der gebrochenen Frau die Aufzucht der Tomaten zu erlernen, ohne Raffinessen eins zu eins umgesetzt. Wo im Text sicher ein Tomatenfeld als Regie-Anweisung steht, da sehe ich auch ein Tomatenfeld auf der Bühne. Dem Körperspiel der beiden Schauspieler fehlt die Spannung, so dass auch zwischen ihnen keine solche aufkommen kann. Einstudierte Stellungen sind als solche zu deutlich zu erkennen. Und sprachlich reicht das einfache, nur mit wenig Betonung versehene Heruntersagen des Textes in fast immer gleicher Tonlage nicht wirklich aus für höhere Ansprüche.

 

Nur einmal wird es spannend. Als Olivier Desautel als Karim seine Wut an den Tomatenpflanzen und auch an Clémentine auslässt, kommt Leben in das Stück. Viel mehr davon hätte man sich gewünscht. Und auch eine Ausreizung der Tomate als Metapher für – ja, man wäre gespannt auf die Wahl gewesen: für was? Das Leben? Die Menschen? Aber Regisseurin Marie Pagès gibt in ihrer Inszenierung keine Antwort. Gewollt oder ungewollt. Schade.

 

Zurück in der Wohnung sind die Übernachtungsgäste verschwunden. „Als ich ihnen um halb elf das Frühstück gebracht habe, waren sie alle noch am schlafen“, erzählt mir Océane. Das genannte Frühstück liegt noch unangerührt auf der Spüle, so dass wir uns halt drüber her machen. Baguette und zwei Déjeunettes, über die ich später mal mehr schreiben werden. Dann Mittagsruhe, und auf zum nächsten Stück.

 

Imi Tati, geschrieben von Thea Deege nach Filmen von Jacques Titi, Sabbattini Mimetheater, Gent (B).

 

Jetzt sind es wahre Menschenmassen, durch die ich mir den Weg zur Place de l’Horloge bahnen muss. Vortag des französischen Nationalfeiertags, Ferien in Frankreich und Europa – was liegt da näher, als den Sonntagnachmittag in Avignon zu verbringen? International hört es sich auch in der Warteschlange zum Saal des Kino Vox an, in der die nächste Vorstellung stattfindet. Englisch vor mir, Deutsch in meinem Rücken. Ob es daran liegt, dass die gleich spielende Truppe aus dem flämischen Teil Belgiens auf gesprochene Worte verzichtet und lediglich durch Mimik und Gestik ihre Geschichte erzählen will?

 

Vier Personen, wohl zwischen 40 und 50 Jahren, gehen ihrem Alltag nach. Büro, Metro, Feierabend – und dann kommen die Ferien. Urlaub am Meer. Entspannung? Oder neue Spannungen? Jeder hat seine kleinen Ticks, die beiden Männer möchten gerne der gleichen Frau etwas näher kommen, eine weitere Frau stolpert ungeschickt zwischen den anderen umher – amüsant und locker das alles, untermalt mit französischer Musik aus den 50er,60er Jahren. Eine Art Stummkino auf der Theaterbühne.

 

„Alles ist von den Filmen von Jacques Titi inspiriert, den man bei uns in Flandern aber leider kaum kennt“, erzählt mir Schauspielerin und Autorin Thea Deege nach der Aufführung in einem Straßencafé. Zugegeben, ich kenne auch nur den Namen eines der Großen des französischen Kinos. Aber das hat mich nicht daran gehindert, das Stück zu mögen. Die Ideen sind lustig, den Schauspielern merkt man ihre Reife und die damit einhergehende Souveränität an.

 

Dann ist es Zeit, die Musiker zu suchen. Lucien hatte Océane versprochen, per SMS Bescheid zu geben, wo sie gegen Abend in den Straßen der Altstadt ihre Instrumente auspacken würden. Immer noch warten wir auf die SMS. Océane fragt noch mal nach, wir schlendern durch die Straßen. Auf dem Platz vor dem Papstpalast spielt ein älterer Herr japanische Musik, zwei Akrobaten haben sichtlich viel Erfolg mit ihrer spontanen Darbietung. Lucien und Mitstreiter geben durch, dass sie nicht wissen, wie der Ort heißt, an dem sie gerade stehen.

 

Fünf Minuten später finden wir sie aus Zufall. An der Place Carnot stehen sie an der Kirche St. Pierre und sind unentschlossen. Vor einem Café hätten sie gespielt. Aber da sei es zu lauf gewesen. Jetzt wissen sie nicht, wo es am besten wäre, einen erneuten Versuch zu starten. Nach einer Viertelstunde brechen Sie auf, Richtung Papstpalast – aber der vorgesehene Platz ist besetzt. Auch in der Nähe des Kino Utopia war ein Puppenspieler schneller. Schließlich bleiben die fünf in der Rue du Vieux Sentier in der Fußgängerzone unweit der Halles stehen. Ein geeigneter Platz nach all dem Gesuche? Ich habe meine Bedenken.

 

Doch täusche mich zum Glück. Anstatt wie von mir gedacht einfach nur weiterzulaufen, weil die bereits geschlossenen Geschäfte zu keinem Halt einladen, bleiben die Leute tatsächlich stehen. Nach zwei Liedern hat sich ein großer Halbkreis um die Musiker gebildet. Mit großem Bass, zwei Akkustik-Gitarren, mit einem Rhythmus, der durch Schlagen auf eine Holzkiste erzeugt wird, spielen und singen die Fünf französische Chansons in eigenen Arrangements. Oder eigene vertonte Gedichte französischer Poeten. Brassens, Brel und Apollinaire. Das Publikum ist angetan. Lässt sich von der Stimmung der Lieder gefangen nehmen. Hier ein Lächeln, dort ein Tänzchen, und fröhliche Enttäuschung, als nach acht, neun Liedern die Vorstellung zu Ende ist. Spontane Verzauberung unter freiem Himmel – auch das ist Avignon während des Festival.

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