Der fünfte Tag oder: Das Abenteuer Avignon
„Wenn es nicht klappt, stürze ich mich aus dem Fenster.“ Thea Deege lacht schnell hinterher, um ihrer Aussage die Schärfe zu nehmen.
Gut eine halbe Stunde nach der Aufführung ihres Stücks „Imi Tati“ sitzt die 56-jährige Schauspielerin und Autorin des Sabbattini Mimetheater aus dem belgischen Gent entspannt am Tisch eines Straßencafés der großen Place de l’Horloge in der Altstadt von Avignon. Ein Glas Weißwein hat sie sich bestellt, eine bescheidene Belohnung für die erledigte Tagesarbeit. „Gleich fahren wir mit unseren Fahrrädern nach Sorgues zurück, rund zehn Kilometer, und fürs Abendessen hat unser Ungar Dönci einen Gulasch vorbereitet“, erzählt sie.
Es ist das erste Mal, dass Deege und ihre Kompanie in Avignon beim Festival sind. “Ein großes Abenteuer“, wie sie es nennt. Ähnlich wie vielen anderen Theatergruppen geht es auch den Belgiern darum, hier beim Off entdeckt zu werden. „Das Ziel ist, unser Stück zu verkaufen, Engagements zu erhalten“, sagt die Künstlerin. Wenn ihre Truppe am Ende mit drei, vier Verträgen für kleinere Tourneen in der Tasche zurück nach Flandern fahren würde, wäre sie zufrieden.
Der Versuch, sich den Traum der größeren Bekanntheit zu erfüllen, lässt sich das 1922 in Gent gegründete und in dieser Stadt längst etablierte Theater viel kosten. Zahlen nennt Deege nicht. Aber aufgrund ihrer Erzählung entsteht eine Vorstellung über das finanzielle Risiko, das Avignon für sie birgt. „Der teuerste Posten ist der Theatersaal. Er rentiert sich für uns eigentlich erst dann, wenn wir immer ausverkauft wären.“ Bei der heutigen Vorstellung waren vielleicht 60 Personen anwesend – eine Besucherzahl, von der andere Truppen träumen würden. In einem Kino-Saal mit mehreren hundert Sitzplätzen jedoch bei weitem nicht die erforderliche Menge. „Dazu kommen die Druckkosten für Plakate und Flyer, die Miete für das kleine Haus in Sorgues, die Fahrtkosten, Essen und Trinken“, vervollständigt Deege die Liste.
Immerhin können sie in Avignon dabei sein. Ihr Manager, der sich seit einem Jahr um eine professionelle Vermarktung des flämischen Mimen-Theaters bemüht, hatte den französischen Markt mit DVD der Truppe versorgt. „Eigentlich müsste die Thematik unseres Stückes hier ankommen, die Filme von Jacques Tati sind in Frankreich jedem, auch den jüngeren Menschen, ein Begriff“, fasst Deege den Vorteil Frankreich gegenüber ihrer belgischen Heimat zusammen. Dort sei der französische Kult-Kino-Regisseur gerade noch der älteren Generation bekannt. Ein Theater aus Pau fand dann tatsächlich Gefallen an der DVD und nahm das Sabbattini Mimetheater in sein Avignon-Programm auf. „Was aber im Grunde nur heißt, dass sie uns den großen Saal vermieten, in dem wir spielen können“, sagt Deege.
Auf finanzielle Unterstützung bei ihrem Abenteuer in der Provence können die Belgier nicht unbedingt hoffen. Die flämische Regionalregierung habe zwar eine Förderung in Aussicht gestellt. Eine Bestätigung sei der Truppe bis heute ebenso wenig zugekommen wie eine Angabe darüber, wie hoch der Betrag ausfallen könnte. Auch von der komfortablen Situation im Théâtre des Doms, das fest in belgischer Hand ist und von der Heimat aus programmiert wird, können die Genter nicht profitieren. „Das Haus ist den französischsprachigen Truppen vorbehalten, weil das Theater von der wallonischen Regionalregierung finanziert wird“, so Deege.
Avignon könnte also trotz des tollen Erlebnisses mit der ganzen Stimmung in der Innenstadt und den drei Wochen Aufführungen am Stück zum großen Fiasko für die Truppe aus Gent werden. Weshalb Deege beim letzten Schluck aus ihrem Weinglas auch resümiert: „Es ist wirklich ein Wahnsinn für uns, hier in Avignon zu sein.“
Die Stücke des Tages:
Une Passion (Eine Leidenschaft), Monolog erarbeitet aus einem Roman von Christiane Singer, Las Plumas asbl, Brüssel.
In das kleine Théâtre Littéraire le Verbe Fou (Das verrückte Verb) mit seiner außerordentlich intimen Atmosphäre führt mich mein erster Theatergang am heutigen Tag. Vor einem Jahr hatte dort ein Monolog, der auf dem Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq basierte, für meinen persönlichen Höhepunkt des Off 2007 gesorgt.
Ein Jahr später, zur gleichen Uhrzeit an einem Feiertagmorgen (10Uhr), ist es wieder ein Monolog mit Romanvorlage, den ich hier erlebe. Wieder sind nur wenig Zuschauer da – wir sind ein kleines Dutzend – wieder bereue ich mein Kommen nicht. Aber das große Aha-Erlebnis wie vor einem Jahr ist es diesmal nicht.
Die Brüsseler Schauspielerin Carmela Locantore trägt die große Liebesgeschichte des Mittelalters zwischen Héloïse und Abélard vor. Ein großes Thema der Literatur, erzählt von und aus der Sicht der 60-jährigen Héloïse. Doch der Hintergrund ist nicht das wichtigste. Es geht vielmehr um große Fragen, die jeden Menschen bewegen. Wie zum Beispiel: Welcher Platz gebührt dem Gefühl im Leben eines Menschen? Und es geht um die Situation der Frau, des Weiblichen, in der Gesellschaft. Gestern und heute.
Locantore spielt mit viel Leidenschaft, mit viel ruhiger Leidenschaft, einer 60-jährigen Héloïse durchaus angemessen. Ihr Theater ist klassisch, moderne Einflüsse und Elemente fehlen. Der Text steht im Vordergrund, die wenigen Bewegungen und dezenten Kostümveränderungen unterstreichen angenehm unauffällig das Gesprochene. Schön auch das Auf- und Abtreten am Anfang und Ende des Stückes aus und in den Rücken der Zuschauer, das lange Schweigen am Beginn… Schön, ja, intim, ja, mitreißend nicht unbedingt. Aber das sollte es wohl auch nicht sein.
Café équitable et décroissance au beurre (Fair-Trade Kaffee und schrumpfendes Buttercroissant), geschrieben von Christophe Moyer, Cie Sens Ascensionnels, Lille.
Ein engagiertes, ein gesellschafts-politisches Theater, das sich der normalen Kritik entzieht. Um die „Décroissance“ geht es, ein Wort, das nur schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. Die Anhänger dieser Bewegung predigen das Gegenteil von Wachstum. Eine Gesellschaft, die im „Immer-Mehr“ ihr Ziel sieht – mehr Geld, mehr Konsum, mehr Wachstum – sei auf dem Irrweg, weil die natürlichen Ressourcen der Erde nun mal begrenzt seien. Ein glücklicheres Leben sei mit „Lieber weniger“ besser zu erreichen.
Die Bewegung hat – im Gegenteil zu Deutschland, wo sie meines Wissens kaum oder gar nicht verbreitet ist – in Frankreich eine gewisse Öffentlichkeit gefunden. Weshalb es nicht unbedingt überrascht, dass der mit Neonlicht beleuchtete Klassenraum des Pasteur-Gymnasiums voll gefüllt ist. Für mich bleibt nur ein Stehplatz übrig.
Zwei Profi-Schauspielrinnen führen drei längere Sketche vor, die die verschiedenen Ebenen eines Engagements für die Décroissance-Bewegung zeigen. Das private Alltagsleben – Muss ich in der Stadt mit einem Geländewagen fahren? Wie wäre es mal mit Fahrradfahren? Brauche ich wirklich ein Handy? –, die Beziehungen zwischen erster und dritter Welt und die angeblichen Zwänge, in denen sich die obersten politischen Entscheidungsträger befinden. Dadurch sollen Fragen aufgeworfen werden, über die das Publikum in einer anschließenden Diskussion mit Autor Christophe Moyer debattieren kann.
Heute fällt die Diskussion leider nicht kontrovers aus, weil nur Befürworter der Décroissance im Saal sind. Schade. Also auf zum nächsten Stück:
On ne peut pas tout embrasser (Man kann nicht alles umarmen), Eigenkreation der Compagnie du Périscope, Toulouse.
Kann man Kino auf einer Theaterbühne spielen? Laurent Deville und Michel Escaillas versuchen es. Eine Stunde geben sie sich dafür Zeit. Die Zeit, die der Marmorkuchen zum Backen benötigt, den Deville beim Eintritt in den kleinen Saal des Theaters Au Magasin (Im Geschäft) auf der Bühne zubereitet. Am Ende bekommt jeder Besucher ein ofenwarmes Stück mit auf den Weg zurück ins Festivaltreiben.
Knapp 70 Filme standen Pate für die Vorführung, mit der die Toulousaner schon vergangenes Jahr in Avignon waren. Deville übernimmt dabei den Part, das Autorenkino zu präsentieren. Escaillas ist der Mann für Horror-, Action- und Science-Fiction-Filme. Letzteres funktioniert hervorragend. Eine Dracula-Parodie zur Musik von AC/DC eröffnet den Reigen. James Bond durchlebt in fünf Minuten alle Möglichen Explosionen, Verfolgungsjagden und Liebesaffären. Schließlich geht es mit Apollo 13 ins Weltall, wo das Universum aus Krieg der Sterne auf unseren meist stummen Action-Helden wartet.
Schwieriger dagegen, die Leidenschaft für das Autorenkino ins Theater zu übersetzen. Die Darstellung ist sehr textlastig, die Sprünge zwischen den einzelnen Filmen sind für den Laien kaum nachvollziehbar. Bleibt auch die Frage nach dem Sinn des Stücks. Was will es? Mir ist es nicht ganz klar geworden. „Es soll unsere Liebe zum Kino zeigen, das so viele Gesichter hat und ganz unterschiedliche Menschen zusammenführen kann“, hatte der sympathische Deville bei einem Treffen auf der Straße erzählt. Das Ergebnis ist für meinen Geschmack zu heterogen, obwohl es natürlich die ganze Problematik des Kinos getreu abbildet: Wer könnte schon mit dem Erfolg eines isländischen Problem-Quassel-Films in Originalversion an der Kasse eines Multiplex-Kinos rechnen?
Vielleicht liegt in dieser Schwierigkeit ja der verschleierte Sinn des Namens des Stücks.
Um 23 Uhr schaue ich mir noch die Aufführung einer der beiden deutschen Truppen des diesjährigen Festivals an. Mehr dazu dann Morgen.