Der siebte Tag oder: Im Zeichen der Belgier

Veröffentlicht auf

Belgien soll heute noch mal im Mittelpunkt meiner Aktivitäten stehen. In den Nachrichten ist das Land zwar gerade mal wieder am Auseinanderbrechen. Aber so lange es noch besteht, so lange kann man sich ihm ja noch widmen.

 

Zunächst muss ich jedoch die Freikarten abstauben, die die Lokalzeitung „La Provence“ für heute in Aussicht stellt. Freikarten nicht für mich – ich komme mit meinem Festival-Presse-Ausweis meist umsonst in die Vorführungen. Sondern für Océane und Rachel, eine Freundin meiner Gastgeberin, die sich für Morgen zum Besuch angemeldet hat.

 

Abstauben ist dabei das vollkommen treffende Wort. Denn um die Karten zu erhalten, entstehen mir null Kosten. Im Off-Presse-Zentrum gibt es zwar keine Internetverbindung mehr, aber dafür liegen dort jeden Tag die neusten Ausgaben eben jener La Provence kostenlos zum Mitnehmen aus. Das Blatt ist Partner des Festivals, so lässt sich dieser Gratis-Service begründen. Die zweitgrößte Tageszeitung am Platz, Vaucluse Matin, bietet jeden Tag einen Coupon für bestimmte Stücke an, den man ausschneiden und dann zum Redaktionssekretariat in der Rue de la République tragen müsste. Schräg gegenüber von den Büroräumen von La Provence, wo ich jetzt gerade bin.

 

Zwischen 10 und 12 Uhr können die Karten eingetauscht werden, um kurz nach 11 Uhr sind noch welche da. Also schneide ich den kleinen Aktions-Artikel aus der Zeitung aus, reiche ihn der Empfangsdame und erhalte dafür: Zwei Freikarten für „Bruno, den ausgeflippten Clown“, und eine Einladung zu einer mir schleierhaft bleibenden Aufführung mit dem ins Deutsche übersetzten Titel „Anscheinend nicht“. Theater, Tanz und Puppenspiel soll sie bieten. Océane und Rachel werden entdecken, was sich dahinter versteckt.

 

Ein Tag mit so viel Glück zu Beginn kann nur reüssieren, und so habe ich tatsächlich erneut Glück, bei meinem Besuch in der Manufacture direkt die Pressedame zu erwischen, die mir Auskunft über die Philosophie dieses Spielorts gibt. Details spare ich mir für später auf und schlendere jetzt langsam zum nahe gelegenen Théâtre des Hivernales. Im dortigen Studio soll es eine belgische Tanzvorführung geben. Wenige Minuten später ist aus dem Schlendern ein Joggen in Sandalen und mit schwerem Rucksack geworden. Denn ich habe nicht genau in den Katalog geschaut. Das Stück wird nicht im Théâtre, sondern im Studio des Hivernales gegeben. Und das liegt leider direkt neben dem Théâtre des Doms, gut einen Kilometer entfernt. Hat mich mein Glück verlassen?

 

Hat es nicht, meine Eile lohnt sich. Ganz pünktlich zum Einlass bin ich am Studio und schaue mir meine ersten beiden Tanzstücke des Off an.

 

„Slipping“, Tanzstück der Compagnie Furiosas, Brüssel, und „Leopold“, Tanzstück von Charleroi/Danses.

 

An dieser Stelle wird es keine Kritik geben. Zu wenig weiß ich vom Tanz, zu selten habe ich Vorführungen gesehen, um mir ein Urteil über das heute dargebotene erlauben zu wollen. Deshalb nur meine subjektiven Eindrücke.

 

Slipping fängt schwierig an. Der Zuschauer sieht vor Beginn des Stücks Aufnahmen einer Standkamera, die zwei an den Füßen aufgehängte nackte Leiber filmt. Eine Frau und ein Mann. Sie baumeln über einer Wiese, hinter ihnen ist eine niedrige Mauer aus übereinandergelegten Steinen zu sehen. Eine Andeutung an die gewaltsamen Konflikte der jüngsten Vergangenheit im Ex-Jugoslawien? Zu getragener Musik und deutschem Text, jedoch in Ausländerdeutsch gesungen, mit Akzent und grammatikalischen Fehlern, fangen Pierre-Yves De Jonge und Cille Lansade an zu tanzen. Ein Tanz, der die die Bühne umgebenden Wände oft mit einbezieht. Sie steigen an ihnen hoch und laufen ihnen entlang, rollen sich übereinander, haben einen distanzierten, aber doch verbindlichen Kontakt miteinander.

 

Im zweiten Teil spielt die Haut als Haltepunkt eine große Rolle, die Beziehung der beiden Tänzer verändert sich nicht wesentlich. Alles dauert lediglich 25 Minuten.

 

Leopold ist dagegen von ganz anderem Charakter. Zwei Männer sitzen auf der angedeuteten Terrasse einer Bar, eine Kaffee-Tasse steht auf dem Tisch. Bleibt Harold Henning zunächst unbeweglich, so fängt Benaji Mohamed bald an, sich in Breakdance-Bewegungen zu rütteln. Die Stile sind so verteilt. Mohamed rollt bald über die ganze Bühne, Henning bewegt sich elektrisiert auf und ab. Am Ende sitzen die beiden wieder an ihrem Tisch, der vor dem abschließenden Dunkel in die Höhe zu steigen scheint.

 

„Es ist das erste Mal, dass es eine auf insgesamt drei Stücke ausgeweitete Zusammenarbeit zwischen dem Théâtre des Doms mit dem Tanz-Zentrum der französischen Gemeinschaft in Charleroi gibt“, erklärt mir beim Hinausgehen Pressesprecherin Katia Lerouge. Bislang habe sich der belgische Tanzexport auf meist ein Stück begrenzt. Ein neuer Versuch also, der zumindest vom Publikum gut angenommen wird. Der Zuschauerraum war bei der Aufführung voll besetzt.

 

Das Théâtre des Doms ist auch nach meiner Mittagspause wieder das Ziel. Diesmal kann ich gemütlich dort hingehen, das eingeplante Stück fängt erst in knapp einer Stunde an. Als ich auf halber Höhe des Felsens bin, auf dessen Plateau der einzig große Park von Avignons Altstadt liegt, und der dann schroff zur Rhône hin abfällt, merke ich schnell, dass bei diesem Theater eine andere Atmosphäre als beim sonstigen Off herrscht. Alles hat schon den Hauch des Schicken, des etwas elitären Kulturgehabes, vom geleckt Perfekten. Ein spontanes Gespräch mit einem der Verantwortlichen ist dann auch nicht möglich, weil diese zu viel um die Ohren haben.

 

Direktor Philippe Grombeer kommt jedoch trotzdem für ein kurzes Hallo zu mir, ist auch so freundlich, seine gerade eingetroffene Verabredung noch etwas warten zu lassen, um mir schnell ein Informationsblatt über die Struktur des Théâtre des Doms auszudrucken. Für weiteres verweist er aber auf seine Stellvertreterin Isabelle Jans. „Nach dem Stück, das Sie sich jetzt anschauen, denn gerade erholt sie sich ein wenig von den 16-Stunden-Tagen, die wir seit knapp einer Woche durchleben“, sagt er noch, bevor dann der terminierte Besucher an die Reihe kommt.

 

Also stelle ich mich in die Schlange für

 

„Bash Latterday Plays” von Neil Labute, XK Theater Group, Brüssel/Namur

 

Ein Stück, das sich wie das Théâtre des Doms vom übrigen Festival unterscheidet. Was mir fehlt, ist die Werkstatt-Atmosphäre, die sonst beim Off zu erleben ist. Ein normaler Theaterbesuch in einem gepflegten bürgerlichen Theatersaal ist das, was ich zu sehen bekomme. Mit einer guten Aufführung dreier Kurzstücke des amerikanischen Autors Neil Labute, die er anhand von Mordgeschichten geschrieben hat. Zwei Monologe, ein Duo.

 

Im ersten Stück besticht der junge Schauspieler Fabrice Rodriguez vor allem durch seine Reglosigkeit. Fast die ganze Zeit bleibt er in seinem Sessel sitzen, die Beine übereinander geschlagen, und erzählt als „Young Man“ vom Tod seiner kleinen Tochter Emma. Die Angst vor einem wirtschaftlichen Absturz ist es, die ihn durch unglückliche Umstände zu einem Mörder wider Willen werden lassen. Wie beiläufig. Aber doch schwer in der Konsequenz für sein eigenes Gewissen. So dass er sich nur dem Fremden in einem anonymen Hotelzimmer anvertrauen kann.

 

Das Gemisch aus emotionaler Distanz und tiefer, nur oberflächlich zu überspielender Betroffenheit ist der rote Faden auch in den beiden anderen Stücken. Trotz der Grausamkeiten bleiben die Protagonisten sympathisch. Der Mord als Alltagsgeschehen, der jedem von uns unterlaufen könnte. Aus den verschiedensten Gründen. Aus religiösen Überzeugungen, aus einer verpfuschten Jugend heraus. Das Stück schreit diese Botschaft nicht in den Saal, sondern die schlichte Inszenierung und das überaus glaubwürdige Spiel der Darsteller erlaubt es dem Zuschauer, auf subtile Art den Konflikt mit aus dem Theater zu tragen.

 

„Das Théâtre des Doms hat 2002 mit seinen Aktivitäten begonnen, nachdem es im Jahr zuvor vom Kultusminister der wallonischen Gemeinschaft gekauft worden war.“ Mit Isabelle Jans sitze ich auf den Stufen, die in den oberen Teil des großen Herrenhauses führen, das in der Mitte des mit einer Mauer umgebenen Privatgrundstücks steht. Das Theater funktioniert wie ein Kulturzentrum für die französischsprachigen Kunstschaffenden Belgiens, unterhält Aktivitäten das ganze Jahr über. Für das Festival werden die Gruppen, die hier spielen, ausgesucht. Im Durchschnitt 120 Bewerbungen gebe es jedes Jahr. Die Gruppen, die eingeladen werden, ziehen für Off-Verhältnisse das große Los. Gut 5000 Euro bekommt laut Janis jeder Künstler. Damit müssen dann alle Unkosten bestritten werden. Anreise, Unterkunft, Verpflegung.

 

Nicht nur dadurch bestätigt mir Jans meinen Eindruck, dass am Fuße des Rocher des Doms eine andere Atmosphäre als beim übrigen Off herrscht. „Off… Off...“, sagt sie. „Kann man von uns als Teil vom Off sprechen? Zum Off kann ja im Grunde jeder kommen, schon da liegt der Unterschied. Hier sind ausgesuchte Truppen, unsere Struktur entspricht eher dem In-Festival. Wir melden uns beim Off vor allem deshalb an, um mit im Katalog zu sein.“

 

Nach dem Gespräch schaue ich mich noch im Eingangsbereich des Théâtre des Doms um, mache ein Foto von dem belgischen Bier-Angebot, der Sirup-Bar vor dem Eingang – „Das machen wir, um ein wenig vom Bar-Betrieb nach draußen zu verlagern“, erzählt mir der junge Mann hinter dem Tresen, mit Belgien habe das Sirup nichts zu tun – und steige dann die Stufen zur Plattform des Rocher des Doms hinauf, um im Park in Ruhe und bei herrlichem Ausblick auf die umliegende Provence mit dem mythischen Mont Ventoux am Horizont meinen Gedanken nachzuhängen.

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post