Der achte Tag oder: Das Festival in der Banlieue

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„Wir sind die bedeutendste Spielstätte im Off.“ Murielle Richard sitzt an einem der schattigen Tische im Gartencafé des Theaters La Manufacture, „sehr müde“, wie sie sagt. Während des Gesprächs grüßt sie öfter in die Runde, steht einmal sogar vom Tisch auf, um an der Eingangsrampe mit jemandem zu sprechen. „Wir sind das Theater, das den Gruppen den besten Rahmen bietet, auf Qualität großen Wert legt, eine eigene Pressesprecherin stellt.“ Mit letzterem meint sie sich selbst.

 

2001 gründete der Belgier Pascal Keiser die Manufacture. Seine Idee war es, eine Spielstätte für zeitgenössische Theaterschaffende einzurichten. Zeitgenössisch auf allen erdenklichen Ebenen: Text, Technik, Form… „Selbst, wenn sich bei uns jemand mit einem zeitgenössischen Stück bewirbt, es aber klassisch inszeniert, wird er keine Chance haben“, erzählt Richard. Offen für die ganze Welt des frankophonen Theaters möchte man sein, was sich in diesem Jahr jedoch kaum im Programm niederschlägt. Fast alle Gruppen kommen aus Frankreich.

 

Ein Theaterstück für nur einen Zuschauer bietet die Manufacture als Leckerbissen dieses Jahr. Allerdings geht dieser „außergewöhnliche Parcours“ schon morgen zu Ende. Kurzfilme über die ersten sieben Jahren Manufacture, Ausschnitte aus den dargebotenen Stücken, sind ebenfalls im Angebot. Und der ausdrückliche Wille, zwei Spielstätten zu unterhalten, von denen eine außerhalb der Stadtmauern liegt, gilt als weitere Besonderheit der Manufacture, die nur während des Festivals als Theater funktioniert. „Wir möchten dadurch das Off hinaus zu den Menschen in der ganzen Stadt tragen“, begründet Richard.

 

Zwischen 2005 und 2007 hatte die Manufacture mit einem Heim für psychisch Kranke zusammen gearbeitet. Über das Jahr hinweg war es die Aufgabe der Heimbewohner, einen großen Theatersaal herzurichten, in denen die aufwendigen Inszenierungen der Manufacture stattfinden konnten. „Unser Saal hier Intra-Muros ist von seinen Möglichkeiten her begrenzt, ein Auto, wie zum Beispiel bei unserem Goya Stück dieses Jahr, könnten wir hier nicht reinbringen“, sagt die Pressesprecherin.

 

Im vergangenen Jahr musste das Heim jedoch schließen, die Manufacture stand ohne Partner Extra-Muros da. Deshalb haben die Verantwortlichen dieses Jahr die Eissporthalle gemietet. Diese liegt in einem für französische Städte typischen Banlieue-Viertel mit seinen tristen Hochhäusern und einer Bevölkerung, die meist einen Immigrantenhintergrund hat. Dort ein eher intellektuelles Theater? Das gilt es auszuprobieren.

 

Und so reserviere ich mir eine Karte für die Aufführung von La Mort du Roi Tsongor nach dem gleichnamigen Roman des 36-jährigen Schriftstellers Laurent Gaudé. Den Roman hatte ich vor vielleicht drei Jahren gelesen: Eine sehr schön erzählte Geschichte aus einem imaginären Großreich in Afrika, wo zwei junge Männer um die Hand von Tsongors Tochter anhalten, darüber einen jahrelang andauernden Krieg anzetteln. In einer Parallelhandlung reist der jüngste Sohn des Königs im Exil umher, um den letzten Willen seines Vaters zu erfüllen.

 

20 Minuten vor Beginn soll ich mich mit den anderen Besuchern am Eingang der Manufacture einfinden, damit wir gemeinsam mit einem Pendelbus raus zur Eishalle fahren. 20 Minuten vor 16.45 Uhr macht für mich 16.25 Uhr. Aber da in Avignon die Zeitrechnung südfranzösisch und nicht deutsch ist, sind 20 Minuten vor der Aufführung 16.45 Uhr, also die auf allen Plakaten angegebene Zeit. Egal, wir gehen los. Vielleicht 40, 50 Personen. Nur wenige hundert Meter trennen uns von der Porte Thiers, eins der Stadttore Avignons, über die die Autos den Verkehr um die Mauern herum erreichen.

 

Unser Bus hält an einer richtigen Bushaltestelle, wir steigen ein und begeben und durch den Stadtverkehr raus Richtung Stadtsüden. Die Trennung von Avignon in eine malerische Altstadt Intra-Muros und eine eher hässliche und funktionale Neustadt Extra-Muros macht sich im gesamten Alltagsleben bemerkbar. Der Blick nach draußen verdeutlicht es: Kein einziges Plakat weist auf das Festival hin, hübsche, alte Gebäude sind nicht zu sehen, Tristesse von Vorstadtvierteln an einer Ausfallstraße. Die meisten Businsassen schauen sich das aber nicht an, haben die Vorhänge vor die Fenster gezogen, um sich vor der stechenden Sonne zu schützen.

 

Nach vielleicht zehn, 15 Minuten sind wir da, werden direkt vor der Eishalle ausgespuckt. Ein Programm-Plakat der Manufacture hängt an der Außenwand, auf der Veranstaltungstafel wird noch für das letzte Eishockeyspiel der Castors aus Avignon geworben, das sie im vergangenen März hier ausgetragen haben. Besucher von vor Ort gesellen sich nicht zu unserer Gruppe. Dort, wo sonst die Eisfläche zum rutschigen Vergnügen lädt, ist jetzt ein großer Vorführsaal mit Vorhängen abgegrenzt. Wir setzten uns auf Schalensitze, der Zauber kann losgehen.

 

La mort du Roi Tsongor (Der Tod des Königs Tsongor), nach einem Roman von Laurent Gaudé, Théâtre du Phare, Champigny sur Marne.

 

Schauspieler Olivier Letellier trägt die Geschichte des Königs Tsongor und seiner Kinder alleine vor. Begleitet wird er dabei von Julie Läderach und ihrem Cello. Eine große Bühne, von deren Decke sieben weiße Bänder wie Lianen herabhängen, ist die Spielwiese. Letellier und Läderach bewegen sich oft hin und her, bleiben stehen, huschen weiter. Dezente Lichteffekte vermitteln verschiedene Ebenen der Geschichte, das Totenreich mit der irrenden Seele der Königs kann somit zum Beispiel deutlich abgehoben hervorgezaubert werden.

 

Es bleibt eine imaginäre Welt, die Geschichte lebt vor allem durch die Schönheit der Geschichte selbst und die fehlerlose Umsetzung von Letellier. Er schafft es, das Interesse an dem Geschehen aufrecht zu erhalten, die Spannung über mehr als eine Stunde nicht absinken zu lassen. Doch letztlich bleibe ich ein wenig ratlos vor der Aufführung. Wodurch ist sie zu einem angenehmen Moment geworden? Der Roman von Gaudé an sich ist schon ein Genuss, sprachlich, von der Geschichte. Für Zauber ist alleine daher schon gesorgt. Ist das Cello dann wirklich notwendig? Es stört nicht, aber das Plus bleibt mir verschlossen. Außer, ein belebendes Element hinzuzufügen. Vielleicht soll es genau das erreichen? Einfach nur das?

 

Während der Aufführung ist einmal ein lautes Geräusch zu hören. So, als ob kräftig an der Eingangstür der Eishalle gerüttelt würde. Ob da ein paar Jugendliche der Vorstadt Randale machen wollen? Schießt es mir durch den Kopf. Doch das war es wohl nicht. Nach der Vorstellung – generöser Applaus, einige Bravo-Rufe – geht es schnell wieder in den bereits wartenden Bus und durch den immer noch dichten Verkehr zurück zur Stadtmauer von Avignon. Ob es für die Bewohner des Viertels eine Möglichkeit gibt, Tickets direkt an der Eishalle zu kaufen, möchte ich von unserer Begleiterin aus der Manufacture wissen. „Nein, so etwas haben wir nicht eingerichtet“, sagt sie. Man müsse telefonisch vorbestellen, die Karte können dann direkt beim Eingang abgeholt werden. Extra für den Kartenkauf die vier, fünf Kilometer Weg in die Innenstadt zu machen, sei nicht nötig.

 

Zum Abendessen treffe ich Océane und Rachel in meiner Zeit-Unterkunft, Tomaten, Gurken, Ziegenkäse und Couscous bilden einen Salat, Baguette und Rotwein komplettieren das stärkende Mahl, dann geht es noch mal ins Theater. Die beiden Damen wollen sich „Femina Vox“ anschauen, gespielt vom Théâtre de la Tortue. Die gleiche Kompanie, die mich schon mit „Le Rôdeur“ begeistert hatte. Mir ist diese Wahl mehr als recht, sollte Femina Vox doch die weibliche Version des Rôdeur sein, wie mir Regisseur Giancarlo Ciarapica gesagt hatte.

 

Der Enthusiasmus von Rachel wird an der Kasse ein wenig gebremst. 13 Euro kostet die Karte, eine Ermäßigung ist trotz Studentenausweis nicht drin. „Ich finde das Festival schon ein wenig teuer“, mault sie herum. Die Preise würden sicher so manchen abschrecken und nur einer finanzkräftigen Schicht das Theater-Vergnügen erlauben. Das habe sie schon beim Beobachten des Festival-Publikums bemerkt. Studenten, junge oder einfache Leute seien wenig zu sehen.

 

Femina Vox, geschrieben von Giancarlo Ciarapica, Eigenkreation des Théâtre de la Tortue, Labastide Clermont.

 

Eine Frau sitzt auf einem schmalen Bett. Medikamente liegen verstreut herum, auf dem Bildschirm eines Laptops steht Drosera, später beau – schön. Die Frau hat ihren Freund verlassen. Den einzigen Menschen, bei dem sie Halt gefunden hat im Leben. Doch eigentlich wollte sie, dass ihr Freund die Trennung nicht akzeptiert. Weil sie ihn braucht. Braucht zum leben. Zum überleben…

 

Im Hintergrund ist Musiker André Stern nur schemenhaft zu erkennen. Mit seiner Gitarre begleitet er den Monolog von Pauline Latournerie, trägt seinen Teil zu der beklemmenden Stimmung bei, die sich schnell von der Bühne auf den Zuschauer überträgt. Wahn, Zerrüttung, Unglück. Verzweifelung, Auflehnung, Hoffnungslosigkeit. Ein Register nach dem anderen wird gezogen. Die Gefühle, Empfindungen, Stimmungen vermischen sich, überlappen sich, verschwimmen ineinander zu einem komplexen Schrei der Ausweglosigkeit. Eine potenzierte Psychose, aus der es kein anderes Entrinnen mehr gibt als ein durch und durch schwarzes Ende.

 

„Der Text basiert auf tatsächlich erlebten Begebenheiten, die ich entweder selbst erfahren habe oder die mir Frauen erzählt haben“, sagt Ciarapica nach der Aufführung. Wieder geht es dem Regisseur darum, den Zuschauern das Menschsein ohne Schminke in all seinen Widersprüchen vor Augen zu führen. Wieder ist ihm das in einer starken Stunde auf beeindruckende Weise gelungen. Wieder bin ich noch lange benommen nach dem Stück.

 

Zusammen mit Océane und Rachel drehe ich noch eine Runde durch die nächtlichen Straßen der Stadt, um aus dieser dunklen Welt wieder langsam aufzutauchen.

 

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