Der neunte Tag oder: Zwei Puppenspiele
Rachel hat Feuer gefangen. Ein Tag Festival plus heute scheinen ihr nicht genug. „Ich könnte mit meiner Schwester zurückkommen, damit sie das auch mal sieht“, sagt sie, kurz nachdem sie aufgewacht ist. Océane ist schon zum Arbeiten weg, ich sitze vor meinem Computer. Rachel vertieft sich in den Festivalkatalog, wechselt öfters die Pläne. Gemeinsam suchen wir nach den Freikarten für Clown Buno, ohne sie zu finden. Also fällt das schon mal weg.
Schließlich hat sich Rachel entschieden. 10.30 Uhr, 14.10 Uhr, 19 Uhr und 0.15 Uhr jeweils ein Stück. Das letzte jedoch nur, wenn drei Voraussetzungen erfüllt werden: dass ihre Schwester in Marseille nicht schon etwas für heute Abend geplant hat; dass Océane einverstanden ist, Rachel eine weitere Nacht zu beherbergen; dass die Bahn Rachels Karten umtauscht. Letztlich ohne Frühstück verlässt sie das Zimmer, um ihrem ersten Stück entgegen zu streben.
Bis Mittag bin ich mit Schreiben beschäftigt, zu dritt nehmen wir Baguette mit Tomaten und Melone zu uns. Dabei erfahren Rachel und ich, was aus den Karten für Buno geworden ist: Océane hat sie am Morgen mitgenommen, um sie jemandem zu schenken. Sie seien nur noch heute und Morgen gültig, und da wir jeweils andere Pläne hätten… Auch das erste von Rachels Hindernissen löst sich in Luft auf: Océane hat nichts gegen die Pläne der Freundin. Erfreut schnappt sich Rachel noch ein Stück Melone und läuft zur nächsten Aufführung, „En suivant les pointillés…“, das ich am ersten Tag gesehen und ihr empfohlen hatte.
Zu meinem eigenen ersten Stück begebe ich mich um kurz vor 17 Uhr zu einer mir neuen Spielstätte. Die Schule Collège de la Salle hat sich für die Festival-Zeit zu einem großen Theaterdorf verwandelt. Rund 40 Kompanien spielen in den verschiedenen Sälen der Privatschule an der Place Pasteur, viele Gruppen zeigen Puppentheater, Kindertheater – das dann natürlich auch für Erwachsene geeignet ist. Meine Wahl fällt mir nicht leicht. Um 17 Uhr fangen gleich vier Aufführungen an. In die engere Auswahl kommen „La nuit s’en va le jour“, weil es eine Reise zu den Sternen in der Art von Jules Vernes verspricht und vor allem, weil die Truppe aus Tournefeuille kommt, einer kleinen Gemeinde im Großraum von Toulouse, meiner französischen Lieblingsstadt. Und das Puppenstück „Téberli’l“, das letztlich meinen Zuschlag erhält.
Téberli’l „du château au sable…“ (Téberli’l – vom Schloss zum Sand…), von Thierry Paillard, gespielt von Le Rouge et le Vert, Arles.
Téberli ist eine noch unentdeckte Insel irgendwo in den Weiten des Meeres. Das Leben geht friedlich und gemütlich vor sich. Wenn Cal’amarre seine Angelroute auswirft, dann will er Caille Poisson, den er bald am Haken hat, nicht etwa zum Mittagessen verspeisen, sondern einfach nur mit ihm Tratschen. Als eines Tages Cal’amarre, Ouf Ouf Kimon und Hydromadaire zusammen am Strand sind, überbringt der Post-Papagei Mère Hoquet Neuigkeiten aus der Welt: Ein Schiff halte Kurs auf die Insel, die „Große Welt“ werde bald am Strand von Téberli anlegen. Neugierig fragen sich die Bewohner der Insel, was die Ankömmlinge ihnen wohl zu sagen haben…
Das Stück ist ein Puppentheater, für Kinder geeignet, und zieht deshalb viele Register, um auch die jungen Besucher zu faszinieren. Schöne Bilder entstehen vor allem am Anfang, wenn der Mond auf seiner Laufbahn von einem Vogel begleitet wird. Das Meeresrauschen und die gute Beleuchtung erzeugen die passende Karibik-Atmosphäre, die Puppen sind originell gestaltet. Beeindruckend einfühlsam das Spiel des jungen Puppenspielers Olivier Deliens, der mit Téberli an seiner ersten Aufführung teilnimmt und Schüler seiner Bühnenpartnerin und Regisseurin Sandrine Hatt ist.
Ein Blick auf die Kinder während der Aufführung macht hingegen deutlich, dass das Stück dennoch nicht ganz funktioniert. Die Kleinen sind nicht immer bei der Sache. Warum? Wahrscheinlich, weil Téberli dann doch zu textlastig, zu kompliziert ist. Der Konflikt zwischen den Inselbewohnern und den Eroberern, die sich ihre Entdeckung unter den Nagel reißen und die „Eingeborenen“ zu ihren Untertanen machen wollen, wird fast nur über Dialoge, nicht über Aktionen ausgetragen. Lange Minuten hält nichts wirklich in Atem, ist nichts wirklich lustig, nichts verzaubernd. Die Logik des Affen Ouf Ouf gegenüber General Falz’art, die Botschaft des Stücks, ist zwar gut und wertvoll zu hören. Aber man kann sie auf der Bühne nicht nachleben.
Vielleicht sollte sich hier die Kompanie noch etwas einfallen lassen, um ein bisschen mehr Spannung ins Spiel ihrer Puppen zu bringen. Um die herum sie übrigens ein ganzes Universum mit Postern, Postkarten und einem kleinen Büchlein erschaffen hat. Ein sehr liebevoll gestalteter Werbeträger, gegenüber dem die Aufführung leider streckenweise etwas hinterher hinkt.
Kurze Zeit später im Eingangsbereich der Chapelle du Verbe Incarné treffe ich auf eine enttäuschte Rachel. Am Bahnhof habe man ihre Fahrkarte nicht umtauschen wollen, bis gestern hätte es die Möglichkeit dazu gegeben. Aber das Stuck „En suivant les pointillés…“, ja, das habe ihr gefallen. Aber wem könne das wohl nicht gefallen? Wir betreten den Saal für mein zweites Puppentheater an diesem Tag:
Le jeune prince et la vérité (Der junge Prinz und die Wahrheit), von Jean-Claude Carrière, gespielt vom Studio Théâtre de Stains, Stains (F).
Eine ganz andere Dimension erwartet mich. Wurden die Ereignisse auf der Insel Téberli in einem kleinen Klassenraum aufgeführt, so ist der Schauplatz für die Abenteuer des jungen Prinzen ein richtiges Theater mit einer großen und tiefen Bühne. Auf dieser Stapeln sich eine Vielzahl von Kisten, Truhen und Koffern, zum Teil zu Türmen gestapelt, und während der Aufführung öffnen sie sich, werden selbst zu Mini-Bühnen, aus denen Schauspieler oder Puppen schauen, oder klappern einfach nur als Effekte herum, oder werden von innen beleuchtet, oder…
Während der ersten 20, 25 Minuten bin ich vollauf begeistert. Ein erfrischendes Spiel voll Leichtigkeit, Witz und Einfallsreichtum präsentiert sich vor meinen Augen. Puppen in unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit, von der als Esel verkleideten Hand bis hin zu den übermenschlichen, mit Masken versehenen Zigeunerinnen, bevölkern die Bühne mal hier, mal dort. Dazwischen die von Pauline Delerue einfühlsam geführte und gesprochene Figur des namenlosen Prinzen, der sich eines Tages in die Tochter eines Bauern verliebt. Um sie heiraten zu dürfen, muss er jedoch die Wahrheit finden. Und so macht sich der Prinz auf den Weg, die Wahrheit zu suchen. Begleitet wird er dabei von der etwas griesgrämigen Erzählerin der Geschichte, herrlich gespielt von Béatrice Ramos.
Verschiedene Stile und Elemente lockern die Aufführung auf. Musik und Tanz sind zu hören und zu sehen. Zuviel des Guten wird es jedoch, als während des Besuchs im Dorf der Blinden Sonja Mazouz plötzlich anfängt, in Zeichensprache die gesprochenen Worte nachzuformen. Spätestens hier geht der rote Faden verloren, verzettelt sich die Inszenierung in zu viele Ideen, die auf die Bühne gebracht werden sollen. Das ist schade, denn der Beginn war mitreißend, stringent, beeindruckend. Der Atem hat nicht für die gute Stunde der Aufführungszeit gereicht.
Dennoch lohnt das Stück durchaus einen Besuch. Auch wegen des etwas überraschenden Endes, das für die ein oder andere Schwäche im zweiten Teil hinwegtröstet.
Die Festivalstraßen sind gut bevölkert, als wir danach wieder langsam zu unserer Unterkunft zurückschlendern. Möglichst den Flyer-Verteilern aus dem Weg gehend, so zumindest meine Strategie. Was an den ersten Tagen noch Spaß gemacht hat, ist mittlerweile – nun ja, zur Belästigung will ich aus Respekt vor den Kompanien nicht sagen, aber es geht schon in die Richtung – halt zu so etwas eben geworden. Plötzlich grüßt Océane ein Pärchen, das uns entgegen gekommen ist. „Den beiden habe ich die Karten für Buno gegeben, sie scheinen tatsächlich hinzugehen“, sagt sie. Also hat sich ihre Aktion gelohnt, Buno braucht nicht vor leeren Rängen spielen.
Noch ein bisschen plaudern, wieder Baguette mit Tomaten essen, dazu ein Schluck Wein, dann muss sich Rachel verabschieden. „Vielleicht doch nicht so schlecht“, sagt sie. Denn je länger man beim Festival bleibe, desto größer werde die Lust, auch noch dieses oder jenes andere Stück anschauen zu wollen. Und mit einem Blick auf ihre Geldbörse sei es wohl besser, sich dieser Versuchung nicht auszusetzen.