Der zehnte Tag oder: Ein Lied zeigt Wirkung

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Das Lied zeigt Wirkung. Jeden Tag tönt es mindestens einmal von irgendwo her, erinnert es mich an christliche Jugendfreizeiten, an Gitarre, fröhliche Gesänge über Jesus und das schöne Leben. Einmal waren die Schauspieler auch an meinen Tisch bei Ginette & Marcel getreten, hatten mir einen Flyer gegeben. Der Werbetext erscheint viel versprechend:

 

„In einem Fischerdorf erkennen Jenny, Kevin und Joe, dass sie sich in ihrem Leben getäuscht haben. Jetzt wollen sie das ändern. Ihr Kampf gegen sich selbst, gegen den Blick der anderen, gegen die Familie beginnt. Doch diese Hinwendung zum Leben, sollte sie sich nicht lohnen?“

 

Abgehetzt stehe ich vor dem kleinen Pittchoun Théâtre. Internet-Probleme. Seitdem die Off-Festival-Leitung den Presseraum www. mäßig  ebenfalls off gesetzt hat, ist alles ziemlich kompliziert geworden. Bei Ginette & Marcel funktioniert die Leitung nicht immer wie gewünscht, gerade eben war es mal wieder so weit… Von daher die Verzögerung. Jetzt aber kann alles wieder gut werden, der Theaterleiter macht kurz vor Vorstellungs-Beginn noch mal Werbung für das Stück: „Die Entdeckung des diesjährigen Off, Les Amers, um fünf nach zwölf“, ruft er marktschreierisch. Auf einem der aufgestellten Werbeplakate ist eine Zusatzaufführung für die Abendstunden angekündigt. „Aufgrund des großen Erfolgs“, wie es heißt.

 

Wenig später sitze ich in dem kleinen gemütlichen Theatersaal in der ersten Reihe und damit fast schon auf der Bühne. Der Theaterleiter spricht noch ein paar Worte zum Publikum, lässt das Stück dann von dem Schauspieler einer anderen Off-Truppe vorstellen – „So, wie es früher Tradition beim Off war“, wie er sagt – dann geht es los.

 

Les amers (Die Leuchttürme), von Mathieu Beurton, gespielt von La Compagnie l’art dans tous ses états, Montereau (F).

 

Ein schauspielerisches Feuerwerk wird vor meinen Augen abgebrannt und macht zum Teil vergessen, dass das Stück inhaltlich zumindest meinen Erwartungen nicht entspricht.

 

Denn lange, viel zu lange für meinen Geschmack drehen sich Text und Spiel um das aussichtslos erscheinende, triste Leben der drei jungen Menschen in ihrem Fischerdorf. Als dann endlich der Wendepunkt kommt, der Versuch, aus dieser Trostlosigkeit auszubrechen, bekomme ich diesen gar nicht richtig mit. Plötzlich sind alle anders drauf. Sehen ihr Leben positiv, wollen etwas draus machen. Woher dieser überraschende Wandel?

 

Nur für Jenny wird die Wende deutlich und lang und fast unangenehm moralisch vorbereitet. Ohne aber auch hier zu erklären, was die junge Frau letztlich dazu gebracht hat, plötzlich zu diesem optimistischen Mensch zu werden, der die Energie aufbringt, sich gegen sein bisheriges Leben und das vorgezeichnete Schicksal aufzulehnen.

 

Entschädigung kommt durch die schauspielerischen Leistungen. Faszinieren, beeindruckend. Vor allem Marie Lombard als Jenny und der Autor Mathieu Beurton höchstpersönlich als Kevin. Ein bisschen weniger Yoan Masson als Joe, aber seine Rolle lässt auch weniger zu. Alle drei sind sie für die Dauer der guten Stunde ihre Personen, lassen keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Spiels. Kaum Gestaltungsraum für ihre Rolle als ungeborenes Kind hat dagegen Claire Mailles. Sie bleibt allgemein ein Fremdkörper im Stück, den man eventuell anders darstellen könnte als mit einer erwachsenen Schauspielerin.

 

Gelungen auch das einfache Bühnenbild, das mit wenigen Utensilien – eine große Truhe, ein Fass, eine große Plastikplane – auskommt.

 

So gegen 15 Uhr treffe ich die vier, wieder mit Gitarre ausgerüstet und lauthals singend, vor dem Papstpalast. Ob sie denn nachts nicht von dem so eingänglichen Lied träumen würden? „Doch, ich schon“, sagt Claire Mailles und lacht. „Wir haben das Lied extra für unsere Werbezüge durch die Straßen von Avignon geschrieben“, erzählt Beurton. Der Text spreche die gleichen Dinge wie das Stück an, die Hoffnung, etwas verändern zu können in seinem Leben, wenn man sich nur darum bemühe. Mein Vergleich mit christlichen Jugendliedern überrascht ihn. „Aber das habe ich schon mal gehört, irgendwas muss da dran sein“, meint er. Beabsichtigt sei das aber auf keinen Fall.

 

Ansonsten verbringe ich die Zeit bis halb vier in den Straßen der Stadt unter einer hochsommerlich heiß scheinenden Sonne. Festivaltreiben an einem Samstagmittag. Die große Rue de la République ist für den Autoverkehr gesperrt, die Innenstadt somit zu einer großen Fußgängerzone geworden. Samstag, Urlaub und das Festival füllen Avignon mit Menschenmassen.

 

Am späten Nachmittag fliehe ich dieses Gedränge und fahre Richtung Orange. Beziehungsweise werde dorthin gefahren, auf ein Weingut rund fünf Kilometer vor den Toren dieser alten römischen Stadt 30 Kilometer nördlich von Avignon. Aline, eine Freundin von Océane, soll dort einen libanesischen Abend kulinarisch bestreiten. Zur Bedienung der rund 50 Gäste hat sie Personal gesucht, mich mit eingeladen, weil sie Océane schon verpflichtet hatte.

 

Das Abendessen wird durch die Geschichtenerzählerin Layla Dawiche aufgelockert, die auch beim Festival auftritt. „In Avignon erzähle ich die Abenteuer von Taptap dem Wolf“, sagt sie. Am heutigen Abend werde sie dagegen Geschichten aus 1001 Nacht vortragen. Zwischen den einzelnen Gängen, die unter anderem ich servieren werde.

 

Wie es denn in Avignon laufe, möchte ich wissen. „Für uns ganz hervorragend“, sagt die junge Frau. Sie tritt in einem von der Stadt unterhaltenem Sozialzentrum auf. Was den Effekt hat, dass die Stadt Avignon sich um Werbung für die Off-Veranstaltungen in dieser „Maison pour tous“ gekümmert hat. „Schon vor dem Festivalbeginn war die Hälfte der Plätze für meine Geschichten verkauft“, erzählt Layla. Für die zweite Woche hatte sie sich vorgenommen, selbst Werbung zu machen, mit Flyern durch die Stadt zu laufen. „Aber das werde ich nicht machen müssen“, sagt sie und bedauert das keineswegs. Dieses Flyer-Austeilen sei nämlich ziemich ätzend.

 

Dann muss sie wieder raus, der Hauptgang ist zu Ende, es geht weiter bei den 1001 Nacht-Geschichten. Unter einem sternenklaren Himmel bei sommerlichen Außentemperaturen im Innenhof eines alten Gehöfts. Um etwa 1 Uhr morgens ist der Abend zu Ende, wir als Küchen- und Serviceteam machen uns wieder auf den Rückweg in die Festival-Stadt.

 

Dort ist die Gerbergasse noch gut belebt. Getrunken, gesungen, erzählt wird hier, die Nacht scheint noch einige Stunden andauern zu sollen. Ich dagegen bin geschafft, der Wein zeigt seine Wirkung. Die bis ins Zimmer dringenden Stimmen von draußen hindern mich nicht daran, schnell einzuschlafen.

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