Der elfte Tag oder: Die koreanische Überraschung
Der Tag fängt durchaus lustig an. Die ganze Woche schon hatte ich mir vorgenommen, das Stück der Straßburger Truppe vom Kafteur anzuschauen. Weniger aus Verbundenheit zur alten Heimat, als vielmehr wegen der Freude, Bruno Dreyfürst aus der Bühne zu sehen – ein Kumpel aus Straßburger Theater-Sport-Zeiten. Und so führt mich mein erster Weg heute zum Theater La Luna, nicht weit von der Gerberstraße entfernt. Ich entdecke eine Kino artige Anlage mit großer Empfangshalle, Bar und drei Sälen. Ein angenehmes Ambiente für ein kleines Theater-Zentrum. Im Saal eins findet mein Stück statt: Einmal die Treppe hoch, und dann heißt es herzlich willkommen in:
Eaux les Bains (Bad Heilwasser), Eigenkreation der Compagnie Le Kafteur, Strasbourg.
Ein Kur- oder Wellness-Zentrum ist Schauplatz der 80 minütigen Vorstellung. Das sichtlich ineinander verliebte Inhaber-Ehepaar hat noch so manche Ausbesserung an den Anlagen zu erledigen, als die ersten Gäste schon in der Empfangshalle stehen. Darunter befindet sich auch ein Inspekteur des Gesundheitsministeriums. Die Betreiber haben den entsprechenden Telefonanruf jedoch verpasst, so dass sie, ohne sich der Tragweite ihres Handelns bewusst zu sein, die Kunden nach besten Möglichkeiten zu versorgen suchen.
Das klappt dann eben nicht immer wie gewünscht – die noch nicht vollendeten Installationen sind daran schuld. Dazu entwickeln sich zwischen den Gästen Beziehungen, die zu weiteren unvorhersehbaren Situationen führen. Lustigen Situationen, die als Klischee tatsächlich zur Welt der Kur-Aufenthalte gehören.
Es kann also gelacht werden bei der Kafteur Darbietung. Gelacht auf erster Ebene. Tiefgang oder eine verschlüsselte Ebene des Gezeigten ist nicht zu erwarten oder entdecken. Das Stück will auf amüsante Weise unterhalten und erfüllt sein Vorhaben ordentlich. Nach 45 Minuten ertappe ich mich allerdings dabei, wie ich das erste Mal auf die Uhr schaue.
Mein Kumpel Bruno kann leider nicht so glänzen, wie es in seinen Fähigkeiten liegt, da das Stück fast ohne Worte auskommt und er nur einer von insgesamt sieben Schauspielern ist – eine beträchtliche Zahl für das Off in Avignon, wo viele Aufführungen Monologe sind oder mit zwei, drei Personen auskommen.
Drei Stunden später bin ich bei meinem zweiten Stück Extra Muros. Diesmal musste ich jedoch nicht erst in einen Bus steigen, der mich mehrere Kilometer in das moderne, triste Avignon hinein gefahren hat. Extra-Muros ist diesmal einmal über die Ringstraße hinweg, die um die Stadtmauern Avignons führt. Dort liegt das Fabrik’Théâtre wieder eine neue Vorstellungsstätte für mich. Versteckt liegt das Gebäude hinter Gewerbehallen. Eine bunt bemalte Mauer mit dem Programm des Festivals weist den Weg von der großen Straße die rund hundert Meter in das Gebäudegewirr hinein:
L’Ange et le Bûcheron (Der Engel und der Holzfäller), Eigenkreation nach einem koreanischen Märchen vom Cho-In Theater, Seoul.
Wieder ein Stück ohne Worte. Klassisches Mimentheater trifft auf koreanische Tanz- und Bewegungstradition. Der Leiter der Truppe, Park Chung-euy, hat diesen Stil Ende der 1990er Jahre entwickelt, mit der Kompanie Cho-In zunächst Straßentheater gespielt, bevor die ersten Stücke für Theatersäle eingeprobt wurden. Aus den Presseinformationen erfahre ich weiter, dass die Koreaner bereits vergangenes Jahr mit ihrem Stück in Avignon waren. Wie so manch andere Gruppe, die sich zwei, drei Jahre hintereinander mit der gleichen Produktion beim Off präsentieren.
Die Geschichte basiert auf einer traditionellen koreanischen Erzählung, die von der Truppe jedoch erweitert, umgeschrieben worden ist. Unter unglücklichen Umständen tötet der junge Holzfäller einen Wilderer und flieht mit seiner Mutter tiefer in den Wald hinein. Dort entdeckt die Frau eines Tages einen Engel, stielt ihm den Mantel, mit dessen Hilfe er wieder in den Himmel zurück kann und zwingt ihn so, auf der Erde zu bleiben. Engel und Holzfäller verlieben sich ineinander, bekommen eine Tochter, bevor ein Krieg die Familie auseinander reißt und in Tod und Elend stürzt.
Wenn das Bühnenbild die Handlung eindeutig im fernöstlichen Raum belässt und man deshalb erahnen kann, dass die Kriegsgeschichte aus Koreas eigener Historie des 20. Jahrhunderts gespeist ist, so besteht nie Zweifel daran, dass die Botschaft universell ist. Das Spiel ohne Worte verbreitet hier seine ganze Wirkung. Krieg, Leid, Trauer sind überall zu Hause. Eine ergreifende Vorstellung entwickelt sich auf der Bühne, zauberhafte Momente des fernöstlichen Theaters verbinden sich mit dem körperbetonten Spiel der fünf Darsteller, die Emotionen werden verstärkt durch getragene Hintergrundmusik – das einzige Element, das mich vielleicht stört, weil es zu sehr an die Rezepte der großen amerikanischen Kinofilme erinnert.
Gerne lass ich mich jedoch von der Emotion übermannen. Ein großer Theatermoment für mich, ein humanitäres, politisches, auf seine stille weise engagiertes Theater, das ohne Zeigefinger auskommt und dennoch genau das ausdrückt, was es ausdrücken möchte. Die Schönheit wird hier nicht ihrer selbst willen gezeigt, sondern als Trägerin einer Botschaft benutzt.
Lang anhaltender Applaus am Ende der Vorführung. Der erst durch den Vorhang abgewürgt wird, der die Bühne wieder verdeckt: Die nächste Truppe muss sich vorbereiten können.
Zurück Intra-Muros laufe ich durch die Festivalstraßen ohne richtiges Ziel. Es fängt kurz an zu regnen, ich setze mich in ein Café an der Place Pie. Blätter im Katalog. Richtig. Neben Theater gibt es noch so viel anderes zu entdecken. Diskussionsrunden, Ausstellungen, Konzerte... Alles auf das Festival ausgerichtet. Ich nehme mir vor, meinen Erfahrungshorizont in den nächsten Tagen zu erweitern. Und auf der anderen Seite ist es auch so einfach, „nur“ Theater zu schauen. So zahlreich ist das Angebot, so viele Stücke locken. Auch für heute Abend bin ich noch unentschlossen. Fassbinder, ein Stück über Kuba, eine französische Gesellschaftskritik? Fassbinder bekommt den Zuschlag, das Théâtre de l’Etincelle.
Anarchie en Bavière (Anarchie in Bayern) von Rainer Werner Fassbinder, Compagnie de L’Imminence, Paris.
Rekord: Zehn Schauspieler auf einmal verteilen sich über die lang gestreckte Bühne. Grob unterteilt in zwei Gruppen: die Anarchisten und eine konservative Familie. Geschrieben 1969 erzählt das Stück von einer erdachten Revolution in Bayern, durch die die Roten die Macht im Freistaat erringen und Anarchie verordnen. Geld wird abgeschafft, Kirchen zu Museen umgewandelt. Alles gehört allen.
„In Frankreich wurde in der letzten Zeit sehr viel über die Gesellschaft diskutiert, der Platz der Debatte im öffentlichen Raum thematisiert. Dazu kamen noch all die Gedanken zu 40 Jahren Mai 68. Da ist mir das Stück von Fassbinder in die Hände gefallen und ich finde, dass es heute immer noch so aktuell wie damals ist.“ Soweit Regisseurin Iris Gaillard vor dem Stück.
Die Inszenierung ist wohl durchdacht, alles hat seinen Platz, ohne dass der Zuschauer alles direkt in seinem Sinn erkennt. Mir helfen nach der Vorstellung die Erläuterungen in der ausführlichen Pressemappe. Die Wahl der Farben – schwarz und weiß – der Unterschied zwischen den beweglichen Revolutionären und den mehr oder weniger fixierten Familienmitgliedern, das Wechselspiel zwischen Gruppenaussagen und individuellen Äußerungen einzelner Personen.
Tatsächlich werfen Text und Stück viele Fragen auf, die heute wieder – auch in Deutschland – aktuell sind. Welchen Platz hat das Geld in unserer Gesellschaft? Kostenlose öffentliche Verkehrsmittel für alle? In wieweit kann eine Führungsschicht ein bestimmtes Verhalten diktieren, wenn die Bevölkerung für den Wandel nicht bereit ist? Was macht die Freiheit einer Gruppe, einer einzelnen Person aus?
Die Inszenierung stößt diese Fragen auf angenehme, intelligente Weise an. Hier liegt die Stärke des Stückes. Bei den Schauspielern ist ein Leistungsgefälle festzustellen. Nicht alle überzeugen in ihrer konzeptuellen Rollen. Was den insgesamt positiven Eindruck, den das Stück hinterlässt, aber nicht wirklich schmälert.