Der zwölfte Tag oder: Dante in der Gasse
Windig ist es heute in Avignon. Der Mistral hat sich als Gast zum Festival eingeladen. Beim Gehen durch die Stadt, über die zum Teil engen Bürgersteige der Straßen, muss man deshalb acht geben, dass einem die Papp-Plakate der Off-Stücke nicht plötzlich ins Gesicht schlagen.
Heute also Ausstellungen. Auch hier gibt es eine Trennung zwischen In und Off Festival. Im Katalog des letzteren sind 17 aufgelistet. Ein paar davon nehme ich mir vor, betrete das Foyer des Theaters Le Balcon zu einem Moment, wo gerade noch Run auf die Karten für die nächste Vorstellung herrscht. Vielleicht drei Dutzend Gemälde eines gewissen Bruno Aimetti hängen in den beiden Räumen. Der Stil des Künstlers ist schnell erfasst. Kräftige Farben, Menschen mit dicken Bäuchen, runden Gesichtern bilden sein Universum. Worte und Sätze sind Teil der Werke.
Wer dieser Aimetti denn sei, frage ich an der Kasse, als dort der Ansturm abgeklungen ist. „Aimetti, der arbeitet schon seit Jahren mit dem Direktor dieses Theaters zusammen, entwirft Bühnenbilder, Plakate, öh… Warten Sie.“ Die junge Dame kramt hinter sich in ein paar Ordnern herum, kommt dann zurück zu mir. „Hier haben Sie eine Telefonnummer, falls Sie ihn kontaktieren möchten.“ Ich lehne dankend ab, das würde für mein Vorhaben zu weit führen. Ob sie mir denn nicht in zwei, drei Sätzen etwas mehr über Aimetti erzählen könnte. „Hm, ja, wissen Sie, draußen vor dem Theater hängt ein Plakat mit Informationen über den Künstler, ich denke, dass sie dort alles finden, was Sie wissen möchten. Viel besser ausgedrückt, als ich Ihnen das jetzt erzählen könnte.“
Draußen wird tatsächlich Werbung für die Ausstellung gemacht. So, wie für ein Theaterstück. Ich erfahre, dass Aimetti im nahe gelegenen Carpentras ein Atelier mit einer Dauerausstellung hat, dass seine Web-Seite unter www.aimetti.com zu finden wäre. Das ist aber auch alles. Ansonsten: kurze Sätze in allen möglichen Sprachen der Welt, mit Hand geschrieben, kaum zu entziffern, wohl von Menschen, die dem Künstler irgendetwas mitteilen wollten. Viel schlauer werde ich also nicht, lasse diese Ausstellung dann aber auf sich beruhen und gehe zur nächsten.
Hier ist alles etwas einfacher zu verstehen. A rideau fermé – Bei geschlossenem Vorhang – heißt die Fotoschau, bei der auf einer langen Stellwand schöne stimmungsvolle Fotos aus verschiedenen Bereichen des Theaters zu sehen sind. Ein Blick durch die Linse hinter die Kulissen. Der Flur, der Körper, die Kulissen heißen einzelne Sektionen, die manchmal nur aus zwei Fotos bestehen. Dazu gibt es immer einen Text, der in verspielter, künstlerischer Form die Stimmung des gezeigten Theaterbereichs versucht einzufangen. Kostprobe:
Die Bühnenausstattung wartet, ist in Gedanken versunken / Leere Stühle hoffen auf die Handlung, die das Unbelebte mit Leben erfüllen wird / Erster Atem, ein Köper gleitet vorbei / Techniker im Dienst der Kunst / Ameise des Schattens als Glied in der Theaterkette.
Einige Besucher des Collège de la Salle, in dessen Eingangsbereich die Fotos aufgestellt sind, nehmen sich sogar die Zeit und schauen sich die Bilder an, lesen die Texte. Einige, aber nicht viele. Kurz nach der Kasse sind die meisten mit etwas anderem beschäftigt. In dem Goldenen Buch der Ausstellung sind nach eineinhalb Festivalwochen drei Einträge notiert.
Auch bei der nächsten Ausstellung erwarten mich Fotos. Bilder aus den Logen der Schauspieler, auf Fotopapier gebracht von Mathieu Dumay. Doch als ich vor dem Gilgamesh Théâtre ankomme, sind dessen Pforten geschlossen. Um die Ecke finde ich die Gilgamesh Bar, frage dort nach. „Ah, das Theater: Die haben heute Ruhetag.“ Morgen könnte ich wiederkommen.
Also weiter zum Espace Roseau. Gleich vier der 17 Ausstellungen sollen hier zu sehen sein. Drei davon sind tatsächlich erlebbar. „Der hier ist noch nicht gekommen“, sagt mir der junge Mann am Empfang und zeigt im Katalog auf die Beschreibung der Ausstellung von Eugeniusz Zegadlo – Art naïf/sculptures (Naive Kunst/Skulpturen). Aber die drei anderen sind ja da. Im Eingangsfoyer hängen die Gemälde von Josianne Rizzo, eine regionale Künstlerin aus der Gegend östlich von Avignon. Luberon, Mont Ventoux. Südländisches Flair verbreiten ihre Bilder. Flamenco-Tänzer, Toreros und mediterrane Landschaften in warmen Farben.
Vom Innenhof des wohl ehemaligen Klosters geht es rechts in einen Raum, wo es „Incredible India“ zu entdecken gibt. Unglaubliches Indien. Große Fotos mit Straßenszenen aus Indien, eine ganze Reihe Porträts, Blütenblätter auf der Erde, eine kitschige Lichterkette auf der Erde. Im Goldenen Buch Einträge, die Ausdruck der Faszination sind. Der Bezug zum Theaterfestival?
Er bleibt mir verschlossen. Wird mir bei der dritten Ausstellung dagegen deutlicher bewusst. Hier geht es um die französischsprachige Tradition in der rumänischen Literatur. 13 Autoren des osteuropäischen Landes werden auf Tafeln vorgestellt. Sie stehen stellvertretend für all die anderen Künstler, die über die Sprache die Brücke zwischen den beiden Kulturen mit gleichen linguistischen Wurzeln schlagen. Eugène Ionesco, von dem mehrere Stücke beim Off gespielt werden, ist wahrscheinlich der bekannteste von allen.
Der Raum ist klein, ich bleibe der einzige Besucher während der zehn Minuten, die ich mich in ihm aufhalte. Noch eine weitere Ausstellung möchte ich ausprobieren. Etwas größeres, etwas, wo schon durch den Namen die große Kultur mitschwingt: Dante. Seine Göttliche Komödie bildet einen Schwerpunkt des diesjährigen In-Festivals. Das Centre Européen de Poésie d’Avignon – Das europäische Zentrum der Dichtkunst von Avignon – möchte wohl die Verbindung zwischen In und Off herstellen. Auf dem Info-Blatt, das mir die Empfangsdame in die Hand drückt, wird auf mehrere Stücke verwiesen, wo man die Hommage an Dante auch auf den Off-Bühnen erleben kann.
Die Ausstellung dagegen ist enttäuschend. „Nun, im Grunde besteht sie aus dem Film, den wir ab 12 Uhr immer zeigen“, erklärt mir die Dame. Verschiedene Menschen aus der ganzen Welt würden in dem Streifen die Göttliche Komödie lesen. So, als ob sie von einer Person erzählt werde. Ganz beeindruckend sei das, ich sollte es mir unbedingt anschauen. Leider sei die Vorführung gerade zu Ende. Also schaue ich mir lediglich die beiden Vitrinen mit Ausgaben der Göttlichen Komödie aus der ganzen Welt an. Russland, Frankreich, irgendein fernöstlicher Staat. Das älteste Buch stammt aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Kurz nach 22 Uhr befinde ich mich noch mal vor dem Poetik-Zentrum. Denn jetzt, so hatte mir die Dame gesagt, werde der Film noch mal gezeigt. Durch die große Vitrine könne man den Streifen verfolgen, die Stimmen seien auf der Gasse zu hören. Den Film sehe ich, die Stimmen höre ich nicht. „Ja, es ist jetzt noch zu laut hier“, sagt mir eine andere Dame, die mit anderen Leuten im Inneren des Zentrums irgendeine Party feiert. Ich glaube ihr einfach, dass es beeindruckend ist, wenn man bei mehr Ruhe nachts durch die Straßen läuft und plötzlich Dantes Meisterwerk ins Ohr gelesen bekommt. Solange warte ich jedoch nicht ab. Mein Tag ist jetzt zu Ende. Ohne ein einziges Theaterstück gesehen zu haben.