Der 13. Tag oder: Melancholische Chansons
Ganz offensichtlich erlebe ich ein anderes Festival als die große Masse der Off-Besucher. Aus der Lokalzeitung La Provence erfahre ich, dass die Theatersäle des Palace und des Paris die Liste der meist besuchten Spielstätten anführen. Beides Theater, in denen ich noch nicht war. Gezeigt werden dort vor allem Komödien. Das mag die Erklärung sein. Aber auch dem Chien qui fume und dem Chêne Noir habe ich noch keinen Besuch abgestattet. Immerhin kann ich mich trösten, dass ich für die Vorführung von „Le jour où Nina Simone a cessé de chanter“ (Der Tag, an dem Nina Simone aufgehört hat zu singen) schon eine Karte für nächsten Montag reserviert habe. Laut La Provence ist das Stück im Théâtre des Halles jeden Tag ausverkauft, die internationale Tournée schon geplant.
Meine bisherigen Lieblingsstücke tauchen dagegen nicht im Artikel auf. Interessant dann eine Seite weiter in der Rubrik „Le Festivalier“ – Der Festivalbesucher – zu lesen, dass die 29-jährige Estelle Martinet aus Bordeaux, die heute die Ehre hat, ihre positiven und negativen Eindrücke den Lesern mitzuteilen, gerade das Programm des Palace nicht mag. Zu billig, zu vulgär seien die Komödien dort.
Ich für meinen Teil begnüge mich damit, heute mal an der Fassade des Palace vorbeizugehen, allem Anschein nach ein ehemaliges Innenstadt-Kino. Genau so wie das Paris nur wenige hundert Meter weiter. Mein erstes Stück war eigentlich für 11 Uhr geplant, eine szenische Umsetzung des Romans „Der erste Mensch“ von Albert Camus. Doch als ich an den Ateliers d’Amphoux eine Karte erstehen will, erfahre ich, dass das Stück nur bis zum 17 Juli gespielt wurde. Auf einen schnellen Ersatz verzichte ich, um erst am Nachmittag wieder den Festival-Betrieb zu betreten.
Im Focus: die Veranstaltungen, die die Off-Organisatoren während ihres Festivals begleitend anbieten. Da ist zunächst die Reihe Le Off en Créations – Das Off in der Schaffensphase. Das Konzept besteht darin, Truppen in der Entstehungsphase eines neuen Stücks mit Programmdirektoren zusammen zu bringen. Die Künstler geben eine Art Werkstattbericht ab, zeigen Auszüge aus ihrer Arbeit, und die potenziellen Käufer kommentieren dies. Das Publikum ist eingeladen, an diesen Treffen teilzunehmen.
Für 16 Uhr habe ich mir eine solche Veranstaltung ausgesucht und stehe in der Eingangshalle des offiziellen Off-Zentrums für das breite Publikum, im Hôtel des Monnaies direkt gegenüber dem Eingang des Papstpalastes. Die Veranstaltung findet im ersten Stock statt. Beziehungsweise findet nicht statt. Denn kurz nach 16 Uhr sitzen lediglich drei Leute um den Tisch auf der Bühne. Veranstaltungsleiter Christophe Galent, eine Repräsentantin der Tanz-Kompanie Encore aus Rennes und ich. Kein Produzent scheint sich für die Künste der Bretonen zu interessieren.
„Das wundert mich nicht unbedingt“, sagt Galent. Tanztheater habe noch einen schweren Stand beim Festival, sei wenig präsent und locke deshalb auch wenige Produzenten an. Außerdem sei die intensivste Woche des Festivals – die Woche nach dem 14. Juli – bereits vorbei, das sich abzeichnende Ende des In mache sich durch den langsamen Abzug der Agenten bemerkbar.
Da auch ich mich nicht näher für das entstehende Encore-Projekt interessiere, heben wir die Versammlung auf, und ich vertreibe mit Festival-Katalog-Blättern die Zeit bis zur nächsten Veranstaltung: eine Podiumsdiskussion. Thema heute: In die Welt zurückbringen.
In dem kleinen Innenhof des alten Hôtel des Monnaies ist eine Sitztribüne aufgebaut, von der aus der Blick auf das Podium fällt. Platz genommen haben dort erneut Christophe Galent, der Theaterkritiker Jean-Marc Adolphe, die Regisseurin des Off-Stückes Beyrouth Adrénaline, Hala Ghosn, und der Regisseur der Off-Produktion Africare, Lorent Wanson. Unterhalten wollen sich die vier über die Funktion des Theaters, den Menschen die Welt besser erklären zu können, als es die modernen Medien tun. Man sei heute schnell über alle Ereignisse auf allen Kontinenten unterrichtet. Doch was wisse man wirklich von den Gegebenheiten dort, von den Ländern und Menschen in diesen weit entfernten Gebieten, die wir durch unsere moderne Informationsgesellschaft gut zu kennen glauben?
Es entwickelt sich eine Diskussion über den Wert des Darstellens der Einzelschicksale. Die beiden genannten Off-Stücke leisten genau dies. Sie führen dem Zuschauer die Realität des libanesischen Bürgerkriegs der 80er Jahre und die Kriegszustände im Kongo exemplarisch vor Augen.
Rund 20 Personen verfolgen die Diskussion, die einseitig bleibt, weil kein Vertreter der zu schnell abgestempelten „Medien“ mit auf dem Plateau sitzt. Das wirklich Kontroverse fehlt. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass zum Beispiel das Fernsehen nicht nur Nachrichten-Informationen bringt, sondern auch die Möglichkeit der Reportagen besitzt und ausnutzt, um eben genau das zu leisten, was das Theater anscheinend so gut kann: Nämlich anhand von Einzelschicksalen die Welt aus dem Kleinen heraus zu erklären. Und das dem Theater seinerseits die Möglichkeit des großen Überblicks fehlt. Es im Grunde gar keine andere Wahl hat, als das Exemplarische zu erzählen.
Beim Weg zurück zu meiner Unterkunft stelle ich fest, dass die Zeit zwischen 18, 19 Uhr eine hervorragende zu sein scheint, um mit den Werbeparaden für die Theaterstücke auf Zuschauerfang zu ziehen. Sicherlich ein halbes Dutzend dieser bunten Duos, Trios oder von noch mehr Personen gebildeten Gruppen kommt mir entgegen und verstopft mehr als einmal die stark bevölkerte Gerberstraße.
Während der Podiumsdiskussion im Off-Zentrum haben die aufladbaren Batterien meine Kamera den Geist aufgegeben, bis zu meiner Abendveranstaltung bekomme ich sie nicht mehr aufgeladen, und so muss ich die zweite der beiden deutschen Gruppen des Off-Festivals ohne Fotoapparat besuchen gehen.
Anna Kufper C/o Alberding, Sale temps pour les poètes! (Schwere Zeiten für die Dichter), Chansons à Langues von Ferré, Lorca, Machado, Manger…
Vor den Toren der Altstadt, Extra Muros, befindet sich das Studio Théâtre Avignon Temps Danse, ein neuer Aufführungsort für das Off. Klein, in einer Seitengasse versteckt, aber südländisch gemütlich. Knapp 20 Personen haben den Weg hier hinaus gefunden, um sich unterhalten zu lassen von – ja, nicht von einem Theaterstück, sondern von Liedern. Von Chansons, oft in Moll gehalten, die meist von Erinnerungen erzählen. Von Einsamkeit, Enttäuschung, von Hoffnungen und Träumen.
Zu einer Reise durch eine ganze Reihe von Ländern lädt die in Berlin geborene Schauspielerin und Sängerin Anna Kupfer ein. Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Deutschland… Die Lieder erklingen in ihren Originalsprachen, die Texte wurden von Dichtern geschrieben, von ihnen selbst oder Freunden vertont. Eine schön melancholische Stimmung erfüllt schnell den eher für Tanzdarbietungen gemachten Raum. In dessen Mitte Kupfer mit ihrer Gitarre sitzt, an ihrer Seite Bruno Sansalone, der die Deutsche mit Klarinette und Bass-Klarinette begleitet. Ein an die Wand projizierte Sternenhimmel – nicht kitschig – die zwei nach außen weisenden, verschlossenen Fenster im Hintergrund… Ein Hauch von leidender Ferne. Alles in allem eine angenehm unterhaltende Stunde, in der man viel von dem Tiefgang erahnt, der in den Kulturen der besungenen Länder und Völker beheimatet ist.
„Dass ich als Deutsche beim Off gemeldet bin, hat rein administrative Gründe“, erzählt mir Kupfer nach dem Konzert. Schon rund 30 Jahren lebe sie in Frankreich, zurzeit ist Lyon ihre Heimat. Den Chansons widme sie sich seit etwa zehn Jahren. „Aber natürlich zieht es mich immer wieder nach Deutschland, nach Berlin vor allem, und wenn es eines Tages mit Auftritten auch dort klappen könnte, würde mich das sehr freuen.“