Der 14. Tag oder: "Ich fahre raus, raus, raus"
18.10 Uhr, sie kommen an: Mathieu, Marie, und Claire. Yoan, Cédric und Alexandra. „Tut mir leid, der Verkehr um diese Zeit…“, entschuldigt Mathieu die kleine Verspätung. In einem Appartement nahe des Stadtrings, der Rocade, haben die vier jungen Schauspieler der Truppe L’art dans tous ses états Quartier bezogen. Zusammen mit Co-Regisseur Cédric und ihrer Co-Produzentin vom Pariser Pixel-Theater.
Lange halten sich die sechs nicht auf. Kurze Begrüßung der Leute vom Pittchou-Theater, wo sie jeden Tag um 12.10 Uhr ihr Stück „Les amers“ aufführen, dann geht es los. Vorneweg Marie und Mathieu, der ein Werbeplakat trägt. Dahinter Alexandra und Yoan, der seine Gitarre umhängen und schon die ersten Akkorde angespielt hat. Den Abschluss bilden Claire und Cédric. Die Formation wird sich in den nächsten Minuten auflösen, vermischen. Mal wird der eine, mal der andere ausscheren, um einen Flyer einem Café-Gast auf den Tisch zu legen, einem Passanten in die Hand zu drücken.
„J’m défile, j’m d´file / Ma vie n’est qu’une mer d’huile“ (Ich entgleite mir, ich entgleite mir / Mein Leben ist nichts als ein Meer aus Öl). Der Gesang der Truppe erfüllt die Rue de la Bonneterie, die sie Richtung Place de l’Horloge hinaufzieht. „Zunächst hatten wir geplant, Textauszüge als Werbung beim Flyeraustragen vorzutragen“, erzählt Claire. Doch noch vor dem Beginn des Festivals sei die Idee des Liedes entstanden. Yoan hatte seine Gitarre mit nach Avignon genommen, er und Mathieu setzten sich zusammen und komponierten rasch den Song, der zum Inhalt des Stücks passt.
„Je prends le large, large, large / Et puis je rame, rame rame / …“ (Ich fahre raus, raus, raus / Und ruder, ruder, ruder) – der in Französisch eingängige Refrain bleibt schnell in den Köpfen hängen. „Einige Geschäftsinhaber, bei denen wir regelmäßig vorbeiziehen, haben uns schon gefragt, ob es davon eine CD gebe“, berichtet Claire.
Auch die gute Laune der sechs Sänger scheint dazu beizutragen, dass der Song ein Erfolg ist. Lächelnd, Freude ausstrahlend, vollkehlig singend ziehen sie durch die Fußgängerzone. Marie passt ihre Gangart dem Rhythmus der Musik an, ein junger Mann wippt mit seinem Kopf dazu, ein Lächeln auf den Lippen. Den ihm hingestreckten Flyer weist er jedoch zurück. Ein älterer Mann bleibt stehen, schaut der Truppe mit einem ausdruckslosen Gesicht hinterher. Ein kleines Mädchen zeigt mit dem Finger auf die Schauspieler, sagt irgendetwas zu seiner Mutter, will nicht weitergehen.
Dann verstummen Gesang und Gitarre plötzlich. „Wir hören immer auf zu singen, wenn wir Paraden von anderen Gruppen kreuzen, um sie nicht zu stören“, erklärt Marie. Hinter dem Straßencafé, immer noch in der Fußgängerzone, nehmen die sechs ihr Lied wieder auf. Kurz darauf ist die zentrale Place de l’Horloge erreicht. Umarmungen und Küsschen mit Mitgliedern einer anderen Parade.
„Mit denen haben wir in Paris im gleichen Theater gespielt“, sagt Claire. Ein paar Neuigkeiten werden ausgetauscht, dann brechen die sechs in die Rue Agricole auf. Ein eher reiches Viertel sei das hier, die Leute fühlten sich leicht gestört durch den Gesang, das Flyer-Austeilen, erzählt Claire weiter. Eine ganz andere Atmosphäre als in den Teilen der Stadt, in denen die Festivaltheater liegen.
Auf dem Platz vor dem Papstpalast halten sich die jungen Absolventen der Pariser Schauspielschule Cours Florent nicht lange auf, ziehen wieder zurück Richtung Pittchoun Theater. An der Place St. Pierre gehen Marie und Cédric über die Terrasse eines Straßencafés, verteilen Flyer. 35000 dieser kleinen Werbezettel hat die Truppe für das Off in Avignon gedruckt, jeden Tag gehen im Durchschnitt 1000 davon raus. Eine erste Parade-Tour drehen sie vormittags, die zweite in den frühen Abendstunden. Wie gerade. „Das, was ich bei denen mag, sind ihre Gesichter“, sagt eine Frau mittleren Alters zu ihrer Begleiterin, nachdem die Truppe gerade singend an ihnen vorbeigezogen ist.
An den Straßencafés der Place Pie ist gerade eine andere Kompanie dabei, mit einer Kostprobe ihres theatralischen Könnens für ihr Stück zu werden. „Ich glaube, das ist Don Juan“, vermutet Yoan. Es lässt die Gitarre verstummen, unter dem Blätterdach der mächtigen Platanen warten die sechs ab, bis die Kollegen mit ihrer Fechteinlage fertig sind. Dann ist es an ihnen: „Je prends le large, large, large…“
Zurück am Pittchoun Theater ist die Luft draußen. Cédric ist verschwunden, die Gruppe bleibt vor dem Theater auf der Straße stehen. Yoan fängt an, andere Lieder auf der Gitarre zu spielen. Ein junges Pärchen bleibt stehen, spricht ihn an, singt ein paar Lieder mit. Marie und Alexandra haben sich auf den Bordstein gesetzt, sprechen miteinander. Nur Mathieu und Claire gehen ihrem eigentlichen Vorhaben noch nach. „Bonjour, ich stelle Ihnen ein Stück vor, dass ich geschrieben habe. Es ist die Geschichte von drei jungen Meschen in einem Fischerdorf…“ Mathieu hat ein Händchen dafür, die Leute zu interessieren. Kaum jemand, der bei diesem strahlenden Gesicht mit dem breiten Lächeln einfach weitergeht.
„Nein, ich gebe mir schon einen Ruck, wenn ich die Flyer verteile“, erzählt er in einer Pause. „Für mich ist es schwierig, mich selbst zu verkaufen. Ich muss den Leuten ja im Grunde sagen: Ich bin toll, ich bin außergewöhnlich, mein Stück müssen Sie unbedingt sehen! Aber ich weiß doch eigentlich gar nicht, ob unsere Arbeit tatsächlich so außergewöhnlich ist, den Geschmack der Leute trifft.“ Ätzend sei es, wenn er jemanden anspreche, dieser aber ohne jegliche Reaktion weitergehe. „Zumindest ein Lächeln oder ein Merci wäre doch angebracht.“ Dann versucht er bei den nächsten Passanten sein Glück.
Und so verstreichen die Minuten. Claire und Marie sind mittlerweile auch verschwunden. „Es ist Mitte des Festivals, wir sind alle etwas müde, heute hängt die Parade ein bisschen durch“, erklärt Alexandra. Außerdem sei der erhoffte Erfolg bislang ausgeblieben. Gar nicht mal von Seiten des Publikums. Mit den durchschnittlich 30 Zuschauern pro Aufführung seien sie zufrieden. Vielmehr seien es die Presse – „Noch keine einzige Zeitung ist gekommen“ – und das magere Produzenten-Interesse. „Viele sagen, dass das Stück nicht in ihr Programm passt“, berichtet sie. Aber klar, noch sei das Festival nicht vorbei, und die Entscheidungen, welches Stück gebucht wird, falle oft erst in den Monaten nach Avignon.
20.10 Uhr. Die Truppe ist wieder komplett. Aber die Dynamik kommt nicht zurück. Mathieu, Claire und Alexandra verteilen weiter Flyer an die vorbeilaufenden Fußgänger, Marie, Cédric und Yoan hängen herum. Zehn Minuten später schlägt Marie vor, mit Cédric und Yoan plakatieren zu gehen. Die Gruppe teilt sich auf. Claires Versuch, Yoan beim Flyer-Austeilen zu halten – „Dann könnten wir zwischendurch doch noch mal singen“ – bleibt ohne Erfolg. „Das ist doch blöd ohne Musik“, murmelt sie resigniert.
„Wir plakatieren nicht immer, aber jetzt nach der Hälfte des Festivals, nach dem heftigen Wind der letzten Tage, ist das sicher noch mal gut“, sagt. Mathieu. Dann kommt Claire über die Straße. „Ich habe den Damen da eben erzählt, dass das Stück von drei Personen handelt, die ihr Leben neu gestalten. Sagt die Dame: Oh, das ist ja ein volles Programm! Ich: Ja, und das alles in einer Stunde und zehn Minuten!“ Die beiden lachen, Mathieu hat auch etwas zu erzählen: „Eben bei einem Ehepaar sage ich ihnen, dass es die Geschichte von drei jungen Menschen ist, die sich in ihrem Leben geirrt haben. Meint die Frau doch: Genau wie ich!“ Wieder lachen die beiden Schauspieler.
21.15 Uhr, die drei Plakatierer kommen zurück. Zum Abendessen hat Yoan eine Spezialität von der französischen Insel La Réunion in Aussicht gestellt. „Die Mutter von Yoan kommt von dort“, erzählt Matieu noch. Dann ziehen sie alle wieder die Gerberstraße Richtung Stadtmauern davon. Richtung Auto, Richtung Feierabend.
La Pyramide (Die Pyramide) von Copi, gespielt von der Compagnie Nam Tok, Morangis (F).
Verstörend ist das mindeste, das sich zu dieser gelungenen Aufführung sagen lässt. Das Universum des absurden Theaters steht Pate beim Stück des Argentiniers Copi, der Genres vermischt, Anklage in Humor kleidet, verbale Phantasie mit Erfindungsgeist paart. Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen allgemein, im speziellen an den Zuständen in seiner Heimat während der Entstehungszeit des Stückes, den 70er Jahren, klingt in den meisten Passagen des Stückes an. Ohne, dass sie sich direkt oder eindeutig aufschlüsseln lassen.
Die blinde Königin der Inka lebt mit ihrer Tochter und einem Jesuitenpater in einer Pyramide. Es gibt nichts mehr zu essen, die Außenwelt ist unerreichbar. Da erscheint plötzlich eine Riesenratte – und alles scheint wieder möglich. Die Ratte essen – aber wie sie töten? Vom Reichtum des Gastes profitieren – aber wie einen Scheck unterschreiben, wenn es keinen Kuli mehr gibt?
Hin und her geht es in Folge. Bündnisse und Pläne werden geschmiedet und verworfen, Hoffnungen geäußert und nicht realisiert. Wer wird wen essen, wer mit wem bald die Macht ausüben? Ein Markt der Möglichkeiten in einem geschlossenen Universum, geprägt von der Historie, aber strotzend von einem nach vorne gewandten Optimismus. Woher auch immer der kommen mag.
Kein realistisches Theater wird hier geboten, und die Inszenierung macht dies vom ersten Moment an deutlich. Zu aufgesetzt ist das übertrieben gackernde Gelächter von Mutter und Tochter, später auch der Ratte. Zu farcenhaft die Bewegungen, das regungslose Verharren in Figurenkonstellationen. Königin und Tochter werden von Männern, der Jesuit von einer Frau gespielt – ohne dass dies übrigens unangenehm auffällt. Das Bühnenbild kommt mit einem Stuhl, einer Lampe, einem Baum als Topfpflanze aus, das Augenmerk kann auf das Wesentliche fallen: Die Beziehung zwischen den Figuren. Wie kompliziert auch immer das sein mag.
Und somit ist das Stück in seinem Universum eine runde Sache, die man nicht bereut, angeschaut zu haben. Alles ist zwar nicht zu verstehen. Aber ob das überhaupt möglich ist, das dürfte bei Copi als Erbe von Beckett und Ionesco kaum mehr als eine rhetorische Frage sein.