Der 15. Tag oder: Die Entdeckung Japans
Kurz vor Ende des In-Festivals am heutigen Freitag gießt Avignons lokale Wirtschaft neues Öl in das Feuer, das In und Off Festival voneinander trennt. „Das Festival braucht einen neuen Präsidenten, jemanden mit Leidenschaft für das Theater, aber auch für die Stadt, ihre Tradition“, lässt sich François Mariani, Präsident der Industrie- und Handelskammer des Départements Vaucluse, von dem Avignon die Hauptstadt ist, in einer Pressemitteilung zitieren. Weitere Kostproben seiner Meinung:
„Im Wort Festival steckt das Wort Fest. Ein Konzept, das weit entfernt zu sein scheint von den Anliegen des In und seines Präsidenten.“
„Der Präsident des Festivals muss mit den Organisatoren des Off sprechen und sie respektieren, vor allem die Handvoll der Theater-Begeisterten, die das ganze Jahr über das Theater in Avignon lebendig gestalten.“
„Heute ist es das Off, das das Herz der Stadt schlagen lässt und die Abende mit Leben erfüllt.“
Auf den Straßen und Plätzen der Stadt bekommt man von diesen Streitereien hinter den Kulissen als unbedarfter Besucher nichts mit. Viele vermischen In und Off, gehen mal zu der einen, mal zu der anderen Aufführung. Oder konzentrieren sich in ihrer Auswahl auf ein Festival. So wie ich auf das Off.
Gestern war ich übrigens das erste Mal zu Gast in den historischen Hallen des Off-Festivals, dort, wo alles 1966 begonnen haben soll: im Théâtre des Carmes. Dessen Direktor André Benedetto, der noch heute das Theater und auch das Off als Präsident leitet, setzte in besagtem Jahr das erste Mal ein Stück während des Festivals an, das nicht im offiziellen Programm vorgesehen war. Aus dieser damals als kleine Revolution empfundenen Aktion entwickelte sich in den folgenden Jahren das Parallel-Festival, das dann irgendwann den Namen Off annahm.
Benedetto selbst ist es auch, der sich um kurz nach 11 Uhr entschuldigt, dass wir drei potenzielle Zuschauer ein bisschen länger als geplant auf den Filmanfang warten müssen. Der Vorführer sei nicht pünktlich erschienen… Wir sehen dann den Dokumentarstreifen „Ruta 5 et autres divagations“. Aufnahmen aus Montevideo des Franzosen Jean-Marc Peytavin. Künstler, die Texte sprechen, über ihre Werke reden, das Politische in Uruguay thematisieren. Schöne Bilder einer im Westen weitgehend unbekannten Stadt mit nachdenklich stimmenden Texten und Zeugnissen.
Heute dagegen steht Japan auf meinem Programm. Drei Truppen sind dieses Jahr beim Off. Alle drei möchte ich mir anschauen. Für die ersten beiden begebe ich mich zu einem sehr ungewöhnlichen Spielort: dem Mercure Hotel, gelegen zwischen Papstpalast und der weltbekannten Brücke von Avignon, die mitten in der Rhone aufhört.
Die Partnerschaft zwischen Hotel und den japanischen Künstlern sei schon mehrere Jahre alt, erfahre ich in gebrochenem Englisch von der japanischen Dame hinter der Kasse, die im Eingangsbereich des Mercure die Karten verkauft. Auf künstlerischer Ebene geleitet wird der Spielort von der Direktorin Shakti Shakti, die als Japanerin in Australien lebt und selbst mit eigenen Produktionen im Programm erscheint. Neben einer weiteren japanischen Truppe, einer russischen, einer britischen und einer französischen.
Vom Kartenverkaufstisch werden zwei Zuschauer und ich von dem Techniker abgeholt, über den Innenhof des Mercure in den Saal Bénézet geführt, wo die Vorführungen stattfinden: ein kleiner Tagungsraum des Hotels, zum Theater umfunktioniert. Mit entsprechend nüchterner Atmosphäre.
„Danse et Musique du Japon“ (Tanz und Musik aus Japan), Eigenkreation von Egiku Hanayagi, Tokio.
Ähnlich fremd wie der Aufführungsort ist auch die Darbietung: eine Entführung in eine andere Welt, in eine andere Kultur. An einer Seite der Bühne steht ein lang gestrecktes Saiteninstrument, ein Koto, wie es im Programm heißt. Etsuko Kawaguchi entlockt ihm Töne der traditionellen japanischen Musik, die für ungeübte westeuropäische Ohren wie meine interessant, aber mit der Zeit eintönig klingen. Was nicht als Werturteil zu betrachten ist. Eher fühle ich mich tatsächlich auf Entdeckungsreise während der einstündigen Vorführung von drei Tänzen und zwei rein musikalischen Einlagen.
Die Tänze haben nichts von der verrenkenden Körper-Akrobatik, die ich von den Belgiern aus Charleroi und Brüssel erlebt habe. Vielmehr zeigen sie eine Technik, die auf japanischer Tanztradition beruht, aber von der Haupttänzerin Egiku Hanayagi weiter entwickelt wurde. Mit bunten Gewändern bekleidet bewegt sie sich in meist ruhiger Gestik auf der Bühne. Verbeugungen, Kniefälle, Drehungen um sich selbst. Bei allem spürt man das Zeremonielle. Beim dritten Tanz steht Hanayagi mit ihrer Mutter und Lehrerin Ekichi auf der Bühne. Weiß geschminkte, wie Masken erscheinende Gesichter, kontrollierte Bewegungen in langen, bunten Gewändern.
„Eine sehr gute Einführung in die Kunst und Kultur Japans“, steht auf dem Info-Zettel zu dieser Vorstellung. Als solches nehme ich das Programm gerne an. Richtig genießen wird man es wohl dann können, wenn einem Japan und seine Kultur besser vertraut sind, als das bei mir der Fall ist.
Eine halbe Stunde liegt zwischen der ersten und der zweiten Aufführung. An der Kasse hat jetzt eine andere Japanerin Platz genommen. Sie ist, wie ich am Ende der Vorführung feststelle, eine der Tänzerinnen des nächsten Stückes, das ich mir anschaue:
Dragon Flute & The House of the 5 Beauties (Drache, Flöte und das Haus der fünf Schönheiten), Eigenkreation von Shakti Shakti, Tokio.
Modernes Japan mischt sich mit der Tradition. In acht Teile ist die Tanzdarbietung gegliedert, die von vier Tänzerinnen vorgetragen wird. Sie erzählen eine Geschichte, den Kampf zwischen den fünf Elementen Feuer, Wasser, Holz, Metall und Erde. Letztere unterwirft die vier anderen unter ihre Macht. Doch in diesem Ungleichgewicht kann die Welt nicht weiter existieren. Die Musik der magischen Flöte, die ein Schamane einer alten, über das Ungleichgewicht in der Welt unglücklichen alten Frau gibt, kann das Gleichgewicht zwischen den Elementen wieder herstellen.
Sicher gewollt, aber wiederum für westliche Augen ungewöhnlich ist dieser Mix aus Tradition und moderner Zurschaustellung auf einer Tanzbühne. Bald schon ist Haupttänzerin Shakti nur noch mit einem silber-glänzendem Bikini bekleidet und übt ihre Macht über die anderen Tänzerinnen aus. Glitzerzeug und zu viel Herumgehopse zerstören ein bisschen das, was sicher auch anders hätte dargestellt werden können. Der Zauber, den die drei anderen Tänzerinnen mit ihren Masken, verhüllenden Gewändern, den runden, harmonischen Bewegungen verbreiten, verliert dadurch an Ausstrahlung. Dieser Kontrast entspricht natürlich der Aussage des Stücks, stört in seiner an Vulgarität grenzenden Erscheinung jedoch mehr, als dass er dem Gesamtbild dient. Ein Kniefall vor der heutigen japanischen Gesellschaft und ihrem Geschmack?
Die dritte japanische Kompanie zeigt ihre Künste in dem Théâtre du Bourg Neuf, nicht weit von der sehr belebten Gerberstraße entfernt. Es ist eins der typischen Off-Theater, das für die Zeit des Festivals aktiv ist, den Rest des Jahres dagegen den Schlaf des Gerechten schläft. Hier gibt es:
L’histoire des ours pandas racontée par un saxophoniste qui a une petite amie à Francfort (Die Geschichte der Panda-Bären, erzählt von einem Saxophonisten, der eine Freundin in Frankfurt hat), von Matei Visniec, gespielt von der Cie Repertory Theatre KAZE, Tokio.
Schwierig, schwierig, die Aufführung dieses im Grunde schönen Stücks des rumänischen Autors Matei Visniec. Denn die beiden Darsteller tragen das Werk In japanischer Sprache vor. Zum Verständnis wird für die frankophonen Zuschauer der Text über die Bühne an die Wand projiziert. Das hat unweigerlich zur Folge, dass man mehr liest als zuschaut. Es sei denn, man versteht Japanisch.
Dieser Umstand ist zu bedauern, verdirbt er doch geradezu den Theatergenuss. Denn während man die Dialoge liest, passiert etwas auf der Bühne, was das Auge nur flüchtige mitbekommt. Die Details, die Finessen, überhaupt ein Gesamteindruck der schauspielerischen Darbietung geht dadurch verloren. Es nützt auch nichts, auf den Text zu verzichten, das Stück über die Körpersprache zu genießen. Dafür ist es eben zu wortlastig. Ohne das Verständnis des Texts bleibt das Geschehen auf der Bühne unerklärlich.
Ein Mann wacht eines Morgens auf und findet eine Frau in seinem Bett. Er kann sich nicht erinnern, wie sie dorthin gekommen ist. Auf jeden Fall verabreden sie sich für die nächsten neun Nächte zu weiteren Treffen. Ein Stück, ein Text mit einem Ausgang, den man am Anfang noch nicht vermutet. Und dessen Titel erst am Ende einen Sinn ergibt.
Was bleibt ist der Eindruck, dass die Inszenierung kohärent und gut ist – das große Bett als zentraler Ort, das Drumherum, das sich langsam, aber wie unbemerkt, mit Flaschen, Stoffen und anderem achtlos hingeworfenem Krimskram füllt, die geschickten Übergänge zwischen den einzelnen Nächten. Dass die Schauspieler ihre Rollen sicher gut spielen. Dass das Gesamtwerk einen sicher tiefer in die Geschichte hinein ziehen würde, als es durch die ständige Ablenkung durch das Lesen oberhalb der Bühne der Fall ist. Was im Kino mit Untertiteln funktionieren mag – obwohl ich persönlich dort ähnliche Einwände hege – stößt zumindest bei dieser Off-Vorführung auf seine Grenzen. Schade, schade.