Der 16. Tag oder: Zirkus auf der Insel

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Der Tag gehört dem Zirkus. Kurz nach 9 Uhr mache ich mich auf den Weg auf die Ile de la Barthelasse, die kilometerlange Insel inmitten der Rhone zwischen den beiden Städten Avignon und Villeneuve-lez-Avignon. Auf dem dortigen Espace Vincent de Paul hat die Region Midi-Pyrénéens ihre Zirkuszelte aufgeschlagen, zeigt das Können der im französischen Südwesten beheimateten Truppen.

 

Auf dem Außengelände einer großen Sporthalle finde ich einen Campus vor, der den klassischen Vorstellungen des Zirkuslebens entspricht. Drei farblich unterschiedliche Vorführzelte stehen im Halbkreis um ein großes, offenes Zelt, unter dem Bar, Bistro und der Aufenthaltsbereich für Darsteller und Gäste eingerichtet sind. Dahinter schließt sich eine ganze Kolonie von Wohnwagen an, zwischen denen der Tag mit einem gemütlichen Frühstück um kurz vor 10 Uhr beginnt.

 

Die erste Vorführung fängt mit Verspätung an. Eine große Kindergruppe wird noch erwartet. 20 Minuten Verzögerung, die sich aber lohnen. Wie segensreich Kinder für Zirkusnummern sind, beweisen die Kleinen schon nach wenigen Sekunden. Es reicht, dass ein Clown von links hinter dem Vorhang erscheint, um rechts des Vorhangs wieder zu verschwinden, und schon erfüllt Gelächter das Zelt. Ganz zu schweigen von dem Erfolg, den der junge Clown damit hat, langsam auf die Kinder zu zugehen, anzuhalten, abzuwarten, um dann wieder einen Schritt zu machen. Die jungen Gäste lassen ihren Lachmuskeln freien Lauf. Auf meiner Tribüne mit vorwiegend erwachsenem Publikum dagegen: Schweigen.

 

Plateau Cirque, Kurze Zirkusnummern von Nachwuchsartisten.

 

Diese Veranstaltung gibt Nachwuchsartisten die Möglichkeit, während zehn, 15 Minuten eine Zirkusnummer zu präsentieren. Es geht also nicht um Perfektion, sondern darum, eine Visitenkarte des derzeitigen Könnens abzugeben. In der Hoffnung, das Publikum dennoch zu unterhalten und potenzielle Arbeitgeber – Zirkuskompanien oder Programmdirektoren – für sich zu gewinnen.

 

Tatsächlich merkt man den Darbietungen das Unfertige noch an. Vor allem im Vergleich zu den drei Vorführungen, die während des Tages noch kommen sollen. Es handelt sich um klassische Zirkuseinlagen, die sich in ein normales Programm mit abwechselnden Nummern ohne Probleme einreihen ließen. Ohne jedoch die erforderliche Perfektion zu bieten. Ein mittelmäßig lustiger Clown, eine gerade am Höhepunkt ihrer Nummer patzende Akrobatin, ein Jongleur, der mit sieben Bällen die Manege betritt, dann aber doch nur mit dreien ein wenig Zauber verbreitet, ein Akrobatenpaar, das durchaus mit seiner Nummer zu überzeugen weiß, und ein Keulen-Jongleur, dessen interessanter Einstieg dann kaum etwas mit seiner Nummer zu tun hat, füllen die rund 50 Minuten Programm.

 

Nachwuchsartisten vor dem Sprung ins Profi-Geschäft sind durchaus zu mehr fähig. Aber natürlich ist es gut, den jungen Leuten diese Plattform zu bieten. Sie sind auch kein offizieller Programmpunkt, sondern sollen als eine Art Werkstattbericht die Zirkus-Thematik auf dem Campus bereichern.  Der zahlende Zuschauer wird auch nur mit fünf Euro zur Kasse gebeten.

 

Von ganz anderem Kaliber dagegen ist mein nächster Programmpunkt:

 

Lames soeurs (Klingen Schwestern), von Yaëlle Antoine, La compagnie d’Elles, Toulouse.

 

Ist das Zirkus? Eher bei einer Theateraufführung mit akrobatischen Einlagen fühle ich mich in dem 2007 geschriebenen Stück, das auf einer wahren Begebenheit im Frankreich von 1932 beruht. Zwei Schwestern, Louise und Léa, sind Angestellte in dem Haushalt von Madame und Monsieur. Man glaubt zu verstehen, dass sie Töchter einer Prostituierten sind. Man erkennt, dass sie durch eine lesbisch-inzestuösen Liebe aneinander gebunden sind. Man versteht, dass am Tag, als diese Beziehung von Madame entdeckt wird, ein Unheil geschieht.

 

Ein beklemmend mitreißender Psycho-Thriller ist es, den die vier Darstellerinnen der Compagnie d’Elles in gut einer Stunde vor den Augen des Publikums entstehen lassen. Eine Erzählerin – Léa im Jahr 1960 – gibt durch ihren Bericht der Ereignisse vom Februar 1932 den Faden vor, an dem sich die drei anderen Schauspielerinnen entlang hangeln. Der Einfall, Louise als schizophrenes Mädchen in Doppelperson auftreten zu lassen, dazu noch gespielt von den Zwillingen Yaëlle und Sophia Antoine, ist ganz hervorragend gewählt, um die Ebene des Irrationalen darzustellen. Des Unerklärlichen. Des wohl entscheidenden Faktors, der die Morde hat möglich werden lassen.

 

Diese Ebene des Irrationalen wird im Spiel souverän und perfekt dosiert genutzt. Im Hintergrund balanciert Louise zwei auf einem Seil, verrenkt sich in hilfesuchenden Gesten, während Louise eins mit ihrer Schwester vordergründig ganz normal spricht. Das todbringende Messer kann in den Händen von Louise erscheinen, lange bevor der erste Mord vollbracht wird. Fährten werden gelegt, die zur Gräueltat führen. Ein ganz exzellentes Stück. Der lange Publikumsapplaus ist vollkommen gerechtfertigt.

 

Zum Mittagessen und der anschließenden Siesta begebe ich mich wieder auf das linke Rhoneufer. Geplant ist, auch den Rest des Tages hier zu bleiben. Doch im Espace Alya erfahre ich von Direktor Raymond Yana, dass das Internet-TV-Forum, das heute laut Festival-Katalog seine letzte öffentliche Aufnahme 2008 drehen sollte, schon vor mehreren Tagen beendet worden sei. Es ist kurz nach 16 Uhr. Früh genug, um wieder auf die Ile de la Barthelasse zu zwei weiteren Zirkusvorstellungen zu gehen.

 

Les jardins ordinaires (Die alltäglichen Gärten), Eigenkreation der Compagnie Vent d’Autan, Auch (F).

 

Ein Mann schiebt einen hölzernen Tisch auf die Bühne. Im Nacken trägt er einen niedrigen Holzhocker. Ein Seil hat er bei sich, ein Beret auf dem Kopf. Voilà die Zutaten, die für 55 Minuten Vorführung reichen. Was man mit akrobatischer Fertigkeit alles mit diesen Materialien anstellen kann, zeigt Rémy Balagué auf eindrucksvolle Weise.

 

Allerdings muss man ein Verständnis dafür mitbringen, was es heißt, einen ganz normalen Tisch auf einer Hand oder auf seinen Füßen zu balancieren. Handstand und alle möglichen Verrenkungen an der Tischkante zu machen. Den Tisch in der Schräglage zu halten und gleichzeitig so zu tun, als ob man auf ihm bergauf gehen würde. Es sieht so leicht aus, was auf der Bühne geschieht. Und bedarf doch unendlich viel Übung, Training und Kraft.

 

Trotzdem fühle ich mich nicht gut unterhalten. Der Funke von der Bühne springt nicht über. Zwar sind die Alltagsszenen hier und da zu erkennen, die der Pressetext verspricht – ein kleiner Junge in der Schule, eine Bergwanderung, ein Bettler in der Straße – aber die stumm gespielten Szenen ergreifen mich nicht. Einem Teil des Publikums scheint es ähnlich zu gehen. An den Reaktionen nach dem Stück merke ich aber auch, das die Empfänglichkeiten für diese Art der künstlerischen Darbietung durchaus unterschiedlich sind. Mehrere Zuschauer unterhalten sich noch mit Kompanie-Mitgliedern oder schreiben ihre Begeisterung in das Goldene Buch der Truppe. 

 

In sommerlicher Gartenatmosphäre verbringe ich die Zeit zwischen den beiden Aufführungen am Rande des großen offenen Zirkuszeltes, das als Bar und Aufenthaltsort genutzt wird. Ohne Bestellzwang lasse ich die Zeit verrinnen, um dann

 

Cirque sans noms, Eigenkreation des Cirque sans noms, Toulouse

 

anzuschauen. Die erste Vorstellung, die man in Deutschland mit dem Namen Zirkus in Verbindung bringen würde. Aber auch hier ist alles anders. Die Bühnenatmosphäre führt die Zuschauer in eine liebevoll eingerichtete Scheunen- oder Dachstuhl-Umgebung, die über Utensilien, Gewänder und Musik den nostalgischen Hauch der 50er-, 60er-Jahre versprüht. Die Scheinwerfer am Bühnenrand sind in großen Blechdosen versteckt. Oder wahlweise in einer Holzkiste. Hoch oben unter dem Zeltdach hängt ein Halbmond in der Horizontalen und scheint zu schlafen.

 

Meist stehen drei der vier Künstler auf der Bühne, verbreiten mit ihrem Auftritt schnell gute Laune. Clowneske Naivität in Gestik und Mimik paar sich mit akrobatischer und musikalischer Fertigkeit. Ständig nehmen sie sich selbst nicht ernst, ihr Genre, den Zirkus. Um dann doch plötzlich und fast wie nebenbei mit ihrem Können zu beeindrucken.

 

Entscheidend zum Gelingen des Gesamtkonzepts tragen die vielen Einfälle für Details bei, die das Spektakel zu einem Erlebnis machen. Hier einkomplettes Mini-Schlagzeug zum Umhängen, da ein Propeller auf der Kopfhaube. Wenn der Riese ohne Haupt mit einem Leierwagen seine Runde über die Bühne dreht, dann geht schon mal ein Rad verloren. Und schafft der Kumpel den Salto nicht, dann schafft es an seiner Stelle der kleine, aufziehbare Spielzeugstoffhund.

 

Nicht Glitzer und Glamour sorgen also bei dieser ohne Worte auskommenden Darbietung für die Show, sondern der stille und hintergründige Humor, mit dem die Künstler ihre Nummern spicken.

 

Lang anhaltender Applaus von den zahlreichen großen und kleinen Zuschauern am Ende ist der Lohn.

 

Auf dem Rückweg in die Papststadt treffe ich auf der Rhonebrücke Bruno vom Kafteur. Für den Straßburger Schauspieler neigt sich der Tag ebenfalls seinem Ende entgegen. Seine Truppe hat ein Haus auf der anderen Flussseite gemietet hat, gleich soll es Abendessen geben. Wir tauschen ein paar Belanglosigkeiten aus, dann gehen wir beide unseren jeweiligen Feierabenden entgegen.

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