Der 17. Tag oder: In vino veritas...
Letzter Tag des In-Festivals – doch die Bilanz ist schon gezogen. Laut Veranstalter war 2008 ein voller Erfolg. 116000 Zuschauer bei insgesamt 310 Vorstellungen, eine Auslastung von 93 Prozent. Eine kleine Steigerung sogar zum Vorjahr. Zu der vor zwei Tagen am In geäußerten Kritik, das Festival sei zu weit von den Menschen vor Ort entfernt, zu abgehoben, zu elitär, sagt Co-Direktor Vincent Baudriller: „Das Festival steht notwendiger Weise auf zwei Beinen und kann sich auf ihnen entwickeln. Das eine Bein präsentiert die Verankerung im Lokalen, das andere die internationale Dimension.“
Dass das Internationale auch in Frankreich liegt, macht die Gesprächsrunde im Medienkaufhaus Fnac deutlich. Jeden zweiten Tag haben sich hier Vertreter des In und des Off zu öffentlichen Diskussionsrunden getroffen. Heute ist die letzte dieser Veranstaltungen, das Thema ist, wie ich beim Blick auf den Zettel auf meinem Stuhl erahne, der Tanz. Wer auf der Bühne sitzt, wird in einer kurzen Präsentation dem Publikum erklärt – untereinander duzen sich die Gesprächsteilnehmer – dann geht es los.
Einen ersten Dialog nehmen die beiden Moderatoren mit Mathilde Monnier auf. „Sagen wir noch zum besseren Verständnis, dass Mathilde Direktorin des Nationalen Choreographie-Zentrums in Montpellier ist“, erläutert die weibliche Moderatorin, die sich selbst nicht vorgestellt hat. „Ja, sagen wir das noch für die einzige Person unter uns, die das nicht weiß“, kommentiert ihr männlicher Moderationspartner und lacht selbstgefällig in sein Mikro. Schon da fällt bei mir die Klappe. Sie verschließt sich beim folgenden gänzlich.
Denn wer Monniers Aufführung am Vorabend im Papstpalast nicht angesehen hat, ihr Schaffen nicht kennt – beides ist bei mir der Fall – der bleibt völlig ausgeschlossen von der Diskussion. Zusätzlich bekomme ich den Eindruck, dass der Moderator sich selbst wichtiger nimmt als seine Gesprächspartnerin. Ständiges Unterbrechen, Hinschmeißen von Referenzen, die deutlich machen, was er alles weiß … Nun ja, so muss das wohl sein, wenn man international sein möchte.
Ich lese stattdessen lieber ein paar Regale weiter in einem Buch, ein neuer Roman, der – das ist allerdings Zufall – genau diese selbstgefällige Theaterwelt mit ihrem ganzen Gehabe um Kultur, Wissen, Sein und Schein kritisiert (wen es interessiert: Judith Bernard, Qui trop embrasse). Als ich die Fnac verlasse, lausche ich noch einmal in die Diskussion hinein. Jetzt geht es um etwas Konkreteres. Um Tanz-Theater mit Behinderten. Eine nicht behinderte Tänzerin spricht über ihre Erfahrungen. Vielleicht hätte sich mehr Sitzfleisch doch gelohnt.
Am Abend zur besten Aperitif-Zeit geht es in eher elitärem Stil weiter:
Le contoir des écrits vins, musikalisches Kabarett von Jean-Denis Vivien und Eric Breton.
Avignon ist die selbsternannte Hauptstadt der französischen Weinregion Côtes du Rhône. Die Maison des Vins des Côtes du Rhône – Das Haus der Côtes du Rhône Weine – liegt mitten in der historischen Altstadt, in einem ehemaligen Herrenhaus, einem kleinen Palast. In dessen hübschen Innenhof werden während des Off-Festivals Wein mit Kunst vermischt. Drei unterhaltsame musikalische Programme bieten die Côtes du Rhône Vertreter in Verbindung mit einer Probe ihrer Rebsäfte an. Fünf Sänger wurden engagiert, die oft vierstimmig die einzelnen Lieder vortragen. Komponist Eric Breton begleitet sie selbst an der Elektro-Orgel, und Texter und Schauspieler Jean-Denis Vivien moderiert zwischendurch auf nicht immer ganz ernst zu nehmende Weise.
So ist es zumindest bei der ersten der drei Veranstaltungen, derjenigen, die ich besuche. Die lokalen Weine in der Geschichte, von den Griechen bis in die Gegenwart, bilden den roten Faden des Rahmenprogramms. Das Publikum sitzt an stilvoll hergerichteten Tischen zu zweit, dritt, viert oder auch zu zehnt, bald schon werden die ersten Gläser serviert. Mal ist es ein Rosé, mal ein Weißwein, die roten lassen nicht lange auf sich warten. Eine bestimmte Ordnung scheint es nicht zu geben. Schade auch, dass nicht erklärt wird, welche Tropfen wir gerade genießen. Während der guten Stunde des Programms werden immer neue Weine gereicht, die Stimmung ist am Ende dementsprechend ausgelassen. Fast alle Gäste klatschen begeistert mit, als mit Les vignerons des Côtes du Rhône – Die Weinbauern der Côtes du Rhône – der Höhepunkt erreicht ist. Selbst Moderator Vivien gleitet start besäuselt am Weintresen Richtung Boden.
So schlimm sind die Auswirkungen bei mir nicht, weshalb ich mich zum kleinen Theater Les Ateliers d’Amphoux begebe, um auf Kabarett eine dramatische Komödie folgen zu lassen.
Déposez votre veste…! (Legen Sie Ihre Jacke ab…!), von Véronique Delestaing, gespielt von der Compagnie Comédie du Sud, L’Isle sur la Sorgue (F).
Das Thema hört sich interessant an. Im Jahr 2068 ist das Leben auf der Erde fast unmöglich geworden. Sieben Personen wurden gebeten, sich um 21 Uhr auf dem Südbahnhof einzufinden, um ein neues Leben in einem entfernten Paradies zu starten. Die sieben kennen sich nicht, lernen sich aber während der drei Stunden Wartezeit zumindest zum Teil kennen. Natürlich sind sie unterschiedlich, hätten sich im Grunde nichts zu sagen. Was sie miteinander verbindet, ist das gemeinsame Versprechen einer besseren Zukunft.
Véronique Delestaing, die selbst mit auf der Bühne steht, hat sich dafür entschieden, das Thema von der lustigen Seite anzugehen. Schwer und bedeutungsvoll ist bei der Aufführung nur die dunkle, getragene Musik, die zwischen den einzelnen Szenen gespielt wird. Ansonsten scheint es, als ob die Autorin Angst vor der eigenen Courage gehabt hätte. Was für Möglichkeiten auf psychologischer Ebene bietet eine Zusammenkunft von so unterschiedlichen Personen wie einer verklemmten Psychiaterin, einem verhinderten Transvestiten, einem zerrütteten Unternehmer-Ehepaar, einer liebesdürstigen Frau, die keine Kinder bekommen kann, einem von der Polizei verfolgten Außenseiter. Dazu in einer solchen Grenzsituation, kurz vor dem Sprung in ein neues Leben, bei dem Zurücklassen aller Dinge, die bislang wichtig waren.
Tiefe und Bedeutung hätte das Stück bekommen, wenn man behutsam mit der Thematik umgegangen wäre. Die Personen in ihren Ängsten, Beklemmungen, eigenen Welten hätte ernst genommen. Leider… Ein Außenseiter wie Yvan nennt nicht einfach nett und gefügig seinen Namen, wenn eine aufdringliche Frau im Minikleid ihn nach diesem fragt. Warum sollte er? Menschen bewegen sich nicht die ganze Zeit, sondern bleiben manchmal auch still sitzen, verharren in ihren Positionen, sind gerade in einer Situation wie der gezeichneten nicht immer dazu bereit, jeden teilhaben zu lassen an ihren intimen Gedanken. Wenn der Ehemann seiner Frau eröffnet, dass er sich schon Jahre an ihrer Seite langweilt und für sie dadurch eine Welt zusammenbricht, dann geht es nicht, dass die gleiche Frau eine Minute später wieder in voller Eintracht eingehakt an der Seite ihres Mannes das Treiben der anderen auf dem Bahnsteig kommentiert.
Das alles passiert aber auf der Bühne. Das Thema wird verschenkt zugunsten einer lockeren, oberflächlichen Unterhaltung, bei dem die Schauspieler nicht die Möglichkeit haben, ihre Personen zu Charakteren zu entwickeln. Das Spiel, das Sprechen, die Bewegungen wirken aufgesetzt. Bloß nicht ans Eingemachte gehen! Die Szene, wo die Mutter des Transvestiten die Neigung ihres Sohnes erkennt und akzeptiert, wird schnell und husch-husch noch vor dem Endapplaus des Publikums in das Stück gesetzt. Durch nichts vorbereitet. So, als ob man auch ein weiteres heikles Thema noch mal schnell ansprechen, den Konflikt darum aber vermeiden möchte.
Gut, dass ich mir vorher noch eine Flasche Wein gekauft habe, die ich jetzt im Angesicht des nächtlichen Papstpalastes köpfe. Gerade huschen noch die letzten Besucher der letzten Vorstellung des In 2008 in die mittelalterlichen Gemäuer hinein. Dann ertönt aus dem Innenhof heraus die Aufforderung, keine Fotos zu schießen. Von der Aufführung höre ich nichts auf dem großen Platz. Dafür ist er von mehreren hundert Menschen belebt. Eine laue Sommernacht in Avignon. Straßenkünstler sind an verschiedenen Ecken des Platzes verteilt, Feuerschlucker, Akrobaten, Musiker. Die Menschenmassen bewegen sich von links nach recht, von recht nach links. Jeweils zu dem Künstler, der gerade in Aktion ist. Die Terrassen der eher edlen Restaurants sind gut gefüllt, meine Weinflasche leert sich langsam. Fast wie von selbst.