Der 18. Tag oder: Auf der anderen Seite der Rhône

Veröffentlicht auf

Erstaunlich leer sind heute Morgen die Straßen von Avignon. „Das In ist zu Ende, das wird eine harte Woche für uns werden“, sagt Schauspieler Guillaume Videlier vom Théâtre de la Tortue. Wir laufen uns zufällig in der Fußgängerzone über den Weg, bleiben einen Moment stehen. Wie es für seine Truppe laufe? „Für die Truppe ganz gut, für mein Stück nicht unbedingt“, sagt er. Le Rôdeur leide immer noch unter dem ausbleibenden Publikum. Wie er damit umgehe, möchte ich wissen. Er zuckt die Schultern. „Ich würde mir das natürlich anders wünschen, aber demotivieren lasse ich mich davon auf jeden Fall nicht“, sagt er. Man sei ja in Avignon, um das Abenteuer hier zu genießen. Und immerhin ein Programmdirektor habe bereits verstärktes Interesse an dem Stück gezeigt. Dass sei besser als nichts. Sagt er und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Kaum zu glauben, dass er gegen 20 Uhr erneut in seine so düstere Rolle schlüpfen wird.

 

Auf meinem persönlichen Festival-Programm steht heute ein Besuch in Avignons Nachbarstadt Villeneuve lez Avignon, die auf der anderen Seite der Rhône liegt. Auch dort findet ein Teil des Off-Festivals statt. Bereits am 21. Juli ist Villeneuve en Scène zu Ende gegangen. Es versammelt Zirkustruppen und herumziehende Kompanien im Rahmen des Off. Aber es gibt auch einen Theatersaal, Le Garage, in dem bis heute eine Handvoll Off-Stücke programmiert sind.

 

Auf den Clown am Vormittag verzichte ich, weil zwischen ihm und der nachfolgenden Vorführung gute sechs Stunden liegen und der Fußweg nach Villeneuve schon seine 45 Minuten benötigt. Also geht es erst in der Nachmittagshitze hinüber ins Département Gard. Lautes Grillenzirpen und die heiße Sonne auf meinem lichten Schädel lassen den provenzalischen Hochsommer sinnlich spürbar werden. Um 17 Uhr liegt Villeneuve dann auch noch im Endstadium der Siesta. Die Kirmes kurz vor der Stadtmitte ist noch unbelebt, das kleine Theater in der schmalen Hauptstraße Rue de la République noch verschlossen. Menschen sind fast nur auf den Terrassen der Straßencafés beim Rathaus und auf dem unweit entfernt liegenden Hauptplatz der Ortschaft zu finden. Dort lasse ich mich nieder, bestelle einen Kaffee, schreibe einen Plan für die letzte Festival-Woche.

 

Kurz vor 18 Uhr ist das Theater dann geöffnet, aber die Kasse noch unbesetzt. Irgendwann fällt es jemandem auf, dass ich dort stehe, ein älterer Herr nähert sich mir. „Karten brauchen Sie nicht“, sagt er mir. Die beiden Schauspieler der Truppe hätten sich entschlossen, keinen Eintritt zu nehmen. Stattdessen stehe am Ende der Vorstellung ein Hut am Ausgang. Für das Stück um 20 Uhr könnte ich erst ab 19.45 Uhr Karten kaufen.

 

Ich spreche ihn auf einen Text an, der an verschiedenen Stellen des Theaters aushängt. Es ist eine Art Todesanzeige. Für den 30. Juli um 19 Uhr bittet die Theaterleitung die Freunde der Spielstätte zu einer Abschiedszeremonie. „Der neue Vermieter hat die finanziellen Konditionen so hoch angesetzt – 2400 Euro Miete während des Festivals, 1800 während des übrigen Jahres –, dass wir uns zur Aufgabe gezwungen sehen“, erzählt der alte Herr. Das drohende Aus vor Augen habe das Theater zwar alles Mögliche zur Rettung versucht. Die Wände neu gestrichen, in eine moderne Lichtanlage investiert. Auch der Bürgermeister von Villeneuve sei bereit gewesen für eine Sonderunterstützung. Doch das habe alles nicht gereicht.

 

Weh tue das, sagt der Alte. Er selbst habe beim Aufbau der Garage mitgewirkt. Es sei ein Ort des lokalen Kulturlebens. Eine Truppe aus Villeneuve selbst spiele hier regelmäßig, jeden Freitag und Samstag gebe es immer irgendeine Veranstaltung. Workshops ebenfalls. Nach 13 Jahren so ein Ende…

 

Durchaus neugierig gehe ich dann in die Aufführung von

 

Le Saint Valentin (Der Sankt Valentins Tag) von Franck Didier, gespielt von Les Incongrus, Jonquières (F).

 

Ein einfacher Theatersaal empfängt mich, dessen Sitze bei jeder Bewegung quietschen. Vielleicht 30 Personen schauen sich mit mir die letzte Aufführung des Stückes an. Am Valentinstag glänzt Stéphane bei der Ankunft seiner Freundin Lidy durch Abwesenheit. Immerhin hat er ihr zwei Rosen in eine Vase gestellt, ihr einen Brief geschrieben, der auf eine Videokassette hinweist, die mehr verspricht.

 

Verschiedene Ebenen des Erzählens werden miteinander vermischt, der Text ist durchaus reizvoll. Im Vergleich zum übrigen Off fällt die Darstellung auf der Bühne jedoch deutlich in die Kategorie Laien-Theater. Sicherlich gutes Laien-Theater, weil es vom Ablauf einfach passt, die beiden Darsteller engagiert sind, das nach ihren Möglichkeiten vielleicht beste geben. Aber das reicht eben nicht dafür aus, um etwas Wahrhaftiges auf die Bühne zu zaubern – was Profis ja auch oft genug nicht schaffen.

 

Obwohl ich den Hut ziehe vor dem Engagement und der Rolle, die dieses Theater spielt – einem Tiel des Publikums scheint es auch gut gefallen zu haben – spare ich mir nach dieser Erfahrung die im Anschluss geplante zweite Aufführung in Villeneuve. Der Regisseur von Camus’ Caligula ist derselbe Michel Paume, der auch für Le Saint Valentin diese Rolle übernommen hat. Ich verspreche mir keine Änderung im Stil auf der Bühne. Zu Fuß starte ich meinen Rückweg über die Rhône.

 

Am Ende der Brücke wende ich mich in Richtung des Off-Festival-Markts, der zwischen Fluss und den Stadtmauern von Avignon liegt. Ab 19 Uhr sollen dort täglich die Off-Teilnehmer die Möglichkeit haben, in zehn, 15 Minuten-Beiträgen Werbung für ihre Stücke zu machen. Als ich an der Bar du Off eintreffe, ist die Bühne dort jedoch leer. Von den zahlreich aufgestellten Tischen sind gerade mal zwei belegt. Ich gehe in die Innenstadt zurück, wo weiterhin eine für einen Festival-Sonntag auffällig entspannte Atmosphäre herrscht. Alles wegen des beendeten In?

 

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post